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Der schottische Matrose Alexander Selkirk sitzt vier Jahre auf einer Insel vor der Küste Chiles fest. Mit seinem Eremitendasein liefert er die literarische Vorlage für Daniel Defoes Abenteuerroman Robinson Crusoe.

Die Bootsbesatzung des englischen Kaperschiffs „Duke“ staunt nicht schlecht über die merkwürdige Gestalt, die ihr am 12. Februar 1709 beim Landgang am Strand der Pazifikinsel Más a Tierra begegnet: Da steht urplötzlich ein zotteliges Wesen, barfuß und in Ziegenfell gehüllt.

 

Der Eintrag im Logbuch durch Kapitän Woodes Rogers (1679–1732) hält die Begegnung der besonderen Art für die Nachwelt fest: „Unsere Pinasse (größeres Beiboot, Anm. d. Red.) kehrte vom Ufer zurück, beladen mit Langusten und einem Mann in Ziegenfellen, der wilder aussah als die ursprünglichen Eigentümerinnen derselben“.

Gefängnisstrafe für Daniel Defoe

An Bord der „Duke“ berichtet der Fremde dann, dass er der seit vier Jahren und vier Monaten auf diesem Eiland lebende schottische Bootsmann Alexander Selkirk ist. Niemand kann damals ahnen, dass dieser Eremit es einmal zu Weltruhm bringen wird – in Daniel Defoes Abenteuerroman „Das Leben und die Abenteuer des Robinson Crusoe“.

Defoe, 1660 als Sohn einer puritanischen Talghändlerfamilie in London geboren, wächst in einer Zeit auf, in der in England mit Tories und Whigs die ersten politischen Parteien entstanden. Daniel, der nach dem Willen seines Vaters Geistlicher werden soll, schlägt eine Karriere als Kaufmann ein. Anstatt mit dem Evangelium beschäftigt er sich fortan mit Soll und Haben und steigt nebenbei auch in den Überseehandel ein. Letzterer führt ihn zwar auf Reisen, aber auch in den Bankrott. Da er seine Kredite nicht bezahlen kann, wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Defoe verliert sein Familienhaus und bleibt für den Rest seines Lebens verschuldet.

Nachdem er als Kaufmann Schiffbruch erlitten hat, verlegt sich Defoe aufs Schreiben, das ihn zeitlebens einigermaßen über Wasser hält. Er besitzt eine rege Fantasie und ist äußerst wortgewandt. Bekannt wird er durch seine politischen Pamphlete, in denen er sich mit tagespolitischen Themen auseinandersetzt – bisweilen mit etwas zu spitzer Feder. Als er die Anglikanische Kirche wegen ihrer religiösen Intoleranz gegenüber Andersgläubigen geißelt, wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Aus der Haft entlassen, gründet Defoe 1704 die erste politische Zeitung Englands. Im „The Review“ beschränkt er sich nicht auf Neuigkeiten, sondern versieht diese mit eigenen Kommentaren.

Zur selben Zeit, als Defoe den Journalismus in London salonfähig macht, bricht 500 Kilometer weiter nördlich ein Mann zu einer Reise auf, der Defoe später einmal berühmt machen sollte: jener Alexander Selkirk, den die Crew der „Duke“ Anfang 1709 aus seinem selbst gewählten Eremitendasein befreien wird.

Stress mit der Schiffsbesatzung

Selkirk, 1676 im schottischen Fischerort Largo bei Edinburgh geboren, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Geschichten der englischen Freibeuter üben auf ihn eine große Faszination aus. Der notorische Tunichtgut, der mehrfach wegen Schlägereien mit dem Gesetz in Konflikt gerät, nutzt die erstbeste Gelegenheit, um seiner Heimat den Rücken zu kehren.

1703 sticht Selkirk mit einer Flotte unter dem Kommando von William Dampier in Richtung Südpazifik in See, wo man im Auftrag der britischen Krone Jagd auf spanische Galeonen machen will. Doch die Erfolge bleiben aus und die Enge an Bord zerrt an den Nerven der Besatzung. Es kommt zu Spannungen. Bald überwirft sich Selkirk mit der halben Schiffsbesatzung. Als die „Cinque Ports“ Anfang September 1704 die im Südpazifik gelegene Juan-Fernández-Inselgruppe anläuft, um frisches Trinkwasser an Bord zu nehmen, ist der 28-jährige Selkirk reif für die Insel.

Sein neues Zuhause liegt zwischen dem 33. und 34. Grad südlicher Länge vor der südchilenischen Küste im Pazifischen Ozean. Auf diesem Eiland, rund 22 Kilometer lang und acht Kilometer breit, verbringt der schottische Aussteiger mutterseelenallein über vier Jahre in Wildnis und Einsamkeit, ehe ihn schließlich Anfang 1709 das englische Kaperschiff „Duke“ an Bord nimmt.

Im selben Jahr ist der auf die 50 zugehende Defoe wieder einmal auf der Suche nach neuen journalistischen Aufgaben. Ihm kommt zu Ohren, dass ein englischer Kapitän in einem Reisebuch vom abenteuerlichen Schicksal des schottischen Bootsmanns Alexander Selkirk berichtet. Defoe erkennt schnell, welches Potenzial in der Geschichte von der glücklichen Rettung des schottischen Matrosen steckt.

Eines der meistgedruckten Bücher

Er nimmt sie zur Vorlage für seinen Abenteuerroman „Robinson Crusoe“, in dem er wenig Wahres mit viel Erfundenem vermischt. Um die Dramaturgie der Handlung zu steigern, ersinnt Defoe die Begegnung mit nackten Menschenfressern und dem gehorsamen Wilden Freitag. Defoes Robinson ist außerdem kein schottischer Raufbold, sondern ein 1632 im mittelenglischen York geborener Kaufmannssohn mit deutschem Migrationshintergrund, der mit einem Sklavenschiff Kurs auf Afrika nimmt und als einziger Überlebender auf einer tropischen Insel in der Karibik strandet. Dort lebt er nicht vier Jahre und vier Monate wie Selkirk, sondern ganze 28 Jahre, zwei Monate und 19 Tage.

Das Buch findet reißenden Absatz. Kurz nach Erscheinen 1719 ist die erste Auflage von 1000 Exemplaren im Handumdrehen vergriffen. Heute ist der Roman eines der meistgedruckten Bücher.

Daniel Defoe stirbt verarmt

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens ist der Mann, der die Vorlage zum Roman geliefert hatte, wieder auf hoher See. Denn anders als sein Alter Ego Robinson, der als gereifter Mann in die Zivilisation zurückkehrt, kommt Alexander Selkirk mit dieser nicht mehr klar. Er verfällt in sein altes Lotterleben, säuft, prügelt sich und eckt mit der Justiz an. 1717 heuert er auf einem Schiff an und fährt noch knapp vier Jahre zur See, ehe er am 13. Dezember 1721 im Alter von 45 Jahren an Gelbfieber stirbt.

Und Daniel Defoe? Gesundheitlich angeschlagen und stets von den Gläubigern für frühere Schulden verfolgt, ist er aus Angst, im Alter im Gefängnis zu landen, gezwungen, sich für den Rest seines Lebens zu verstecken. Der achtfache Familienvater verlässt seine Familie und taucht in der Anonymität der Themsemetropole unter. Dort stirbt er am 26. April 1731 einsam und in Armut in der billigen Pension eines Londoner Vororts.