So wie in vielen anderen Städten Deutschlands wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Haigerloch die Synagoge und jüdische Bürger zum Ziel nationalsozialistischen Terrors. An die schändlichen Taten wurde am Sonntag erinnert.
Der Gesprächskreis Ehemalige Synagoge hatte zur alljährlichen Gedenkfeier in das frühere jüdische Gotteshaus im Haag eingeladen. Unter dem Titel „Mir lebn ejbig…“ („Wir leben ewig“) stand diesmal das musikalische Erbe, das die jüdische Kultur in Europa hinterlassen hat, im Mittelpunkt. Die Studentin Carlotta Koch und Mechthild Fingerle, Lehrerin am Gymnasium und Mitglied im Vorstand des Gesprächskreises, gestalteten mit Klezmer-Musik und jiddischen Liedern den Abend vor etwa 30 Zuhörerinnen und Zuhörern, darunter auch Haigerlochs Ortsvorsteher Michael A.C. Ashcroft als Vertreter der Stadt.
Die von der jungen Violinistin zum Teil unter Begleitung von Mechthild Fingerle (Gitarre) dargebotenen Lieder beinhalteten nicht nur typische volksmusikalische Stücke aus dem aschkenasischem Judentum – landläufig als beschwingte Klezmer-Musik bekannt – sondern auch getragene Stücke wie „Moshe’s Doina“, ein Musikstil aus Rumänien, der zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit zählt.
Lieder, die auch im KZ gesungen wurden
Zwischen den eigenen Darbietungen spielte Mechthild Fingerle vom Band mehrere Stücke ein, die von Interpreten wie der Tübinger Gruppe Jontef oder Zupfgeigenhansel aufgenommen wurden. Hier stach besonders das Lied „Schpiel-she mir a Liddele in Jiddisch“ hervor: Dargeboten wurde es von Ester Bejarano, einer 2021 verstorbenen Auschwitz-Überlebenden und Buchautorin, die auch immer wieder als Sängerin auf sich aufmerksam machte.
Nicht weniger unter die Haut ging „Sog nischt keynmol“, dessen Text und Melodie von Hirsch Glik stammen: Er war ein jiddisch sprechender Dichter und Partisan aus Wilna (heute die litauische Hauptstadt Vilnius), der im Alter von nur 22 Jahren im Kampf gegen die deutschen Truppen fiel.
Es sind Lieder, die zum Teil mit Blut und nicht mit Bleistiftmine geschrieben worden sind, wie Mechthild Fingerle meinte, aber in den Ghettos oder in den Konzentrationslagern immer wieder erklangen. Lieder, die den Juden in ihren ausweglosen und viel zu oft mit dem Tod endenden Situationen als „Überlebensmittel“ und Mutmacher dienten.
„Dos Kelbl“ wurde gemeinsam gesungen.
Am Ende durften alle Anwesenden mit den beiden Interpretinnen ein Lied singen, das die meisten wohl von der berühmten amerikanischen Songwriterin Joan Baez kennen. Im Original heißt der 1940 entstandene Song „Dos Kelbl“ (Das Kälbchen). Es wird zur Schlachtbank geführt – genauso wie man die Juden in Todeszügen in KZs deportierte. So ging nach knapp einer Stunde mit viel Applaus und Blumen für die Künstlerinnen eine Veranstaltung zu Ende, die mehr Konzert als Gedenkfeier war. Sie zeigte nicht nur den kulturellen Reichtum auf, der mit der Massenvernichtung von Juden zerstört wurde, sondern war auch ein Fingerzeig darauf, dass Musik „die Kraft hat, den Himmel zu öffnen“.
Zuvor hatte Margarete Kollmar den Abend – in Vertretung des im Ausland befindlichen Gesprächskreis-Vorsitzenden Helmut Opferkuch – mit der Begrüßung der Gäste eröffnet. Sie wies auf mehrere Spuren in der Dauerausstellung „Spurensicherung – jüdische Geschichte in Hohenzollern“ hin, die eng mit der Reichspogromnacht 1938 in Verbindung stehen. Zum Beispiel ein Interview mit der im März 2005 verstorbenen Alice Wolf, die als 16-Jährige die furchtbare Nacht in Haigerloch miterlebt hatte.