Rüdiger von Pescatore (hier vor dem Frankfurter Gerichtsgebäude) wird vorgeworfen, den militärischen Arm der Reichsbürger-Verschwörung angeführt zu haben. Der ehemalige Kommandeur eines Fallschirmjägerbataillons in Calw wurde bei der Razzia in Nellingsheim am 7. Dezember 2022 verhaftet. Foto: Boris Roessler/dpa

Rüdiger von Pescatore, einst Kommandeur bei den Fallschirmjägern in Calw, wurde im Dezember 2022 bei der Razzia in Nellingsheim mit dem KSK-Soldaten Andreas M. verhaftet.

Abgeschiedener geht es kaum. Das kleine Einfamilienhaus liegt am Ortsrand von Nellingsheim. Hinter dem Haus geht es raus auf die Felder und Obstbaumwiesen. Kühe grasen auf der Weide, Feldwege führen hinunter ins Rommelstal. Die Welt ist hier nicht zu Ende, aber es sieht fast so aus. Wer unbehelligt bleiben will, für den mag die Wohnung unterm Dach des kleinen Häuschens ein idealer Ort sein.

 

So richtig kriegt man die Bilder nicht zusammen. Hier, in der Dachgeschosswohnung von Andreas M. in Nellingsheim, soll der „Gefechtsstand“ einer Reichsbürger-Gruppierung gewesen sein. In Chat-Gruppen wird die Adresse auch als „Adlerhorst“ bezeichnet. Hier sollen Pläne geschmiedet worden sein, wie Heimatschutzkompanien in ganz Deutschland aufgebaut werden? Um nach dem „Tag X“, dem Umsturz und der Ausrufung des Kriegsrechts die Aufgaben der kollabierten Institutionen der Bundesrepublik zu übernehmen?

In der Mietwohnung von Andreas M. ging ein grauhaariger älterer Herr ein und aus, der wohl niemandem in Nellingsheim aufgefallen sein dürfte und dessen Gesicht niemand kannte. Bis zum 7. Dezember 2022, als am frühen Morgen ein Großaufgebot an Einsatzkräften anrückte und die Tür zu dem Einfamilienhaus aufbrach. Mit Leitern stürmten Einsatzkräfte über die Fenster die Dachgeschosswohnung. Andreas M. wurde verhaftet. Ebenso der grauhaarige Herr, der mit dem Wohnmobil angereist war: Rüdiger von Pescatore, ehemaliger Kommandeur eines Fallschirmjägerbataillons und mutmaßlicher Anführer des militärischen Arms einer Reichsbürger-Verschwörung. Pescatore ist einer der Hauptangeklagten im dreigeteilten Reichsbürger-Prozess, in dem es um die Frage geht, ob die Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß tatsächlich einen bewaffneten Umsturz vorbereitet hat und den Bundestag stürmen wollte.

„Bildung einer terroristischen Vereinigung“ ist der Vorwurf gegen die 26 Angeklagten. In Frankfurt stehen die neun mutmaßlichen Rädelsführer vor Gericht. Zu ihnen zählt auch Rüdiger von Pescatore. Acht weitere müssen sich in München verantworten. Die neun Angeklagten in Stuttgart werden dem „militärischen Arm“ der Verschwörung zugerechnet. Zu ihnen gehört auch der vormalige KSK-Soldat Andreas M. Er soll den Logistikbereich des militärischen Strangs koordiniert haben und damit ein wichtiger Zuarbeiter für Rüdiger von Pescatore gewesen sein.

Der Offizier und der gelernte Koch im Gefechtsstand

Das Verhältnis zwischen den beiden Ex-Soldaten ist schwierig zu rekonstruieren, da sich bislang weder Andreas M. noch Rüdiger von Pescatore vor Gericht zur Sache geäußert haben. Was mag der 62-jährige Andreas M. in dem zehn Jahre älteren ehemaligen Offizier gesehen haben? War es Männerfreundschaft? Eine militärisch-hierarchische Kommando-Struktur? Andreas M.: geboren in Singen, machte eine Ausbildung zum Koch und arbeitete in einem namhaften Hotel im Schwarzwald, bevor er zum Wehrdienst antrat. Er verpflichtete sich bei der Bundeswehr und bekochte künftig die Kameraden. Als Reservist arbeitete er in einem Logistikunternehmen – und meldete sich nach 2001 wieder bei der Truppe zurück für einen Einsatz in Afghanistan.

In der Anklageschrift des Stuttgarter Prozesses wird er als „aktives Mitglied des Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr“ in Calw geführt. „Ohne Mampf kein Kampf“, scherzte er einmal bei einer Lesung aus seinem Buch über seine Afghanistan-Zeit. Über den Privatmann Andreas M. ist wenig bekannt. Nachbarn berichteten nach der Verhaftung, Andreas M. habe sehr zurückgezogen gelebt und sei während der Corona-Zeit zusehends in die Querdenker-Szene abgetaucht.

Der mutmaßliche Militär-Chef

Und der grauhaarige Herr, dem er Quartier bot – Rüdiger von Pescatore, der mutmaßliche Militär-Chef aus der obersten Riege der Reichsbürger-Gruppierung um Reuß? Er kommandierte von 1993 bis 1996 das Fallschirmjägerbataillon 251 in Calw, das zur Luftlandebrigade 25 „Schwarzwald“ gehörte, aus der nach 1996 das Kommando Spezialkräfte (KSK) als militärische Spezialeinheit hervorging. Pescatore war da freilich schon in Untersuchungshaft: Ihm wurde vorgeworfen, NVA-Waffen unterschlagen, verschenkt und verkauft zu haben. Das Landgericht Tübingen verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Rüdiger Pescatore wurde in der Folge unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Seine Geschichte – und andere Ereignisse rund um die Reichsbürger-Verschwörung – rekonstruieren Journalisten des WDR und NDR in einem Investigativ-Podcast, der auch auf die Razzia in Nellingsheim eingeht.

Der ehemalige Elitesoldat von Pescatore wanderte nach Brasilien aus. Er lebte dort zurückgezogen in der deutschen Siedlung Pommerode, bis ihn ein anderer ehemaliger KSK-Soldat für die mutmaßliche Verschwörung in Deutschland anwirbt: Peter Wörner. Der ausgebildete Einzelkämpfer war mittlerweile mit seiner Firma („Wolfszeit Naturkraft“) ins „Survival-Trainings“-Geschäft eingetaucht und während Corona in der Querdenker-Szene aktiv. „Wir stehen kurz vor dem Niedergang dieses widerwärtigen Systems. (...) Es steht eine dunkle Zeit an und viele werden in den nächsten Monaten beginnend, viel, wenn nicht alles verlieren. (...) Wir werden unser Reich wieder erschaffen sowie frei und souverän sein. Daran glaube ich unerschütterlich. (...) Ich wollte einfach mal wieder die Verbindung herstellen und glaube an die Unterstützung der Deutschen aus dem ‚Außen‘“. So zitiert tagesschau.de aus einer Mail von Wörner an Pescatore.

Mühsame und schier endlos dauernde Beweisaufnahme

Weil die wenigsten der Angeklagten in den Prozessen in Stuttgart, München und Frankfurt (bislang) Angaben zur Sache gemacht haben, besteht ein Großteil der Arbeit der Gerichte in mühsamer und schier endlos dauernder Beweisaufnahme. Bei der Razzia in Nellingsheim zum Beispiel wurden in der Wohnung von Andreas M. Unterlagen in einer Laptop-Tasche gefunden, die die Ermittler des Bundeskriminalamtes Rüdiger von Pescatore zuordnen. Darunter etwa Organigramme des militärischen Stabs und Schulungsmaterial über militärische Ränge und Abzeichen auf Folien für Overhead-Projektoren (!).

Ebenfalls ein Fundstück aus der Razzia in Nellingsheim: ein Motorola-Handy von Rüdiger von Pescatore. Die Ermittler werteten darauf verschiedene Telegram-Chat-Gruppen aus. Daraus konstruieren die BKA-Beamten wiederum, wer mit wem in Kontakt stand. Auch ein weiterer Nellingsheimer ist Teil einiger dieser Chat-Gruppen. Am 7. Dezember 2022 fand auch bei ihm eine Razzia statt (zeitgleich mit der bei Andreas M.). Er wurde damals allerdings nicht verhaftet.

Lucky 2364 und „Freidenker Horb“ sind im „Sonnenlicht“-Chat

Rüdiger von Pescatore trat in den Gruppen mit Klarnamen auf. Andere nutzten Alias-Namen (nicht alle konnten bei den Ermittlungen bislang zugeordnet werden). Andreas M. zum Beispiel war als Lucky 2364 unterwegs. Der Horber Angeklagte Ralf S. als „Freidenker Horb“. Peter Wörner nutzte das Pseudonym Erik Stromhylden. Die reine Mitgliedschaft in dieser Chat-Gruppe dürfte juristisch jedoch nicht ausreichen, eine Beteiligung an der mutmaßlichen Reichsbürger-Verschwörung herzustellen.

In der Chat-Gruppe „Biwak“ etwa ging es um Survival-Training. Wenig verwunderlich gehörte ihr der Ex-KSK-Soldat und Survival-Trainer Peter Wörner an, ebenso andere Angeklagte im Stuttgarter Prozess. In der Gruppe „unser germanisches Dorf“, zu der auch Andreas M. gehörte, fand man Reichsbürger-typische Posts, die um die Ablehnung der Bundesrepublik kreisten und den Wunsch, das Deutsche Reich wiederherzustellen. „Sonnenlicht“ und „Adlerhorst“ waren weitere Chat-Gruppen, in denen es etwa um die Einrichtung von Heimatschutzkompanien oder die „Ausrufung der 48 Stunden“ ging, also die Vorbereitungszeit auf den Tag des Umsturzes.

Doch wer sollte das Signal zum Umsturz geben? „Vor Aufnahme der Arbeit ist die öffentliche Legitimation des M-Stabs durch die Allianz unerlässlich.“ So steht es auf einem Dokument, das in der Laptop-Mappe von Rüdiger von Pescatore gefunden wurde. Allein: die Allianz, eine Art internationaler Geheimbund, gab es nur in verschwörungstheoretischen Erzählungen, nie in der Realität, so schreibt die Bundesanwaltschaft. Eine Tatsache, auf die etliche Verteidiger ihre Strategie aufgebaut zu haben scheinen. Wer sollte denn den Tag X ausrufen? Wer sollte den Umsturz anleiten? Oder: „Wen meinen Sie mit ,Allianz’?“ Immer wieder haken die Verteidiger in Stuttgart bei der Vernehmung von BKA-Ermittlern mit solchen Fragen ein und insinuieren damit: Es wäre ja eh nichts passiert.

Nicht versteckt

Versteckt hat sich Rüdiger von Pescatore im Übrigen nicht, wenn er sich in Neustetten bei Andreas M. aufhielt. Im Oktober 2022, so erfährt man aus einem in Stuttgart gezeigten Vermerk von BKA-Ermittlern, saßen Pescatore, Andreas M., der in München angeklagte ehemalige Kripo-Beamte Thomas F. und weitere Mitstreiter in einer örtlichen Pizzeria in Neustetten. Tagsüber sollen sich einzelne Teilnehmer der Chat-Gruppe „Adlerhorst“ in Stuttgart mit ehemaligen KSK-Mitgliedern und Thomas T. aus München getroffen haben. Letzterer habe über die Umsturzpläne der Vereinigung und die geplanten Strukturen nach dem Umbruch berichtet, heißt es in dem Vermerk.

Nie aufgeklärt wurde im Übrigen, wo ein beträchtlicher Teil der Waffen aus NVA-Beständen geblieben ist, die Rüdiger von Pescatore abgezweigt hat. Sie wurden bei den Ermittlungen gegen den Offizier Ende der 1990er Jahre und auch danach nie gefunden. 165 Waffen gelten als verschwunden.