Auf der Flucht: Ex-Präsident Janukowitsch. Foto: dpa

Der Machtwechsel in der Ukraine ist perfekt, doch die Oligarchen haben ihr Geld in Sicherheit gebracht.

In der Ukraine sind nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1991 viele Unternehmer zu unvorstellbarem Reichtum gekommen –  so wie in anderen Ex-Sowjetrepubliken auch. Milliarden sollen auf westlichen Konten ruhen.

Wien - Der reichste Mann der Ukraine ist schon weg. Am vergangenen Donnerstagabend hob Rinat Achmetows Privatmaschine aus Donezk in den weiten Himmel über der Taiga ab – nach London, wie die Opposition vermutet, denn dort hat der mächtige Oligarch seine schönsten Wohnungen.

Auch für all die anderen, die nach dem Machtwechsel in Kiew etwas zu befürchten haben, führt der Fluchtweg nach oben. Nur, wo sie herunterkommen, weiß man nicht. Das nächstliegende Ziel wäre Wien – und das nicht nur geografisch. In die österreichische Hauptstadt, von wo es näher an die ukrainische Westgrenze ist als zum Bodensee, hat sich im Januar schon der abgesetzte Ministerpräsident Mykola Asarow abgesetzt. Aber auch der abgesetzte Präsident Viktor Janukowitsch persönlich unterhält hier wichtige Geschäftsbeziehungen.

In Österreich wartet eine komfortable Infrastruktur auf die verjagten Ukrainer, eine effiziente Geldwäscherei eingeschlossen. Zentralfigur des ukrainischen Firmen­geflechts in Österreich ist der Salzburger Rechtsanwalt Reinhard Proksch, der zahlungskräftigen Ausländern „perfekte organisatorische und steuerliche Rahmenbedingungen“ verspricht. Einer Londoner Proksch-Firma gehörte bis zum vorigen Herbst zum Beispiel die protzige Residenz des Staatspräsidenten, das Anwesen Meschigorje im Norden von Kiew. Der Wert der riesigen Villa, von deutschen Handwerksbetrieben im Ceausescu-Stil umgebaut, wird auf 75 bis 100 Millionen Dollar (umgerechnet 54 bis 72 Millionen Euro) geschätzt. Janukowitsch, die meiste Zeit seines Lebens Inhaber öffentlicher Ämter, hat offiziell nie mehr als 2000 Dollar (rund 1500 Euro) pro Monat verdient. Eine andere Firma des Salzburger Anwalts kaufte 2010 ein geräumiges Mehrfamilienhaus im schicken Wiener Stadtteil Pötzleinsdorf. Die Anschaffung hat sich bereits bewährt: Asarows Sohn Alexej quartierte sich hier ein, und dort fand auch Vater Mykola vorübergehend eine Heimstatt, als es ihm in Kiew zu heiß wurde.

Geschäftemacherei in Wien

Schwiegertochter Lilija betreibt in Wien gemeinsam mit einem befreundeten österreichischen Ehepaar das standesgemäße deutsch-russische Magazin „Vienna De­luxe“. Gesellschaftlich sind die Asarows in ihrer zweiten Heimat gut vernetzt. Als Vater Mykola für eine Kampagne für „Reformen“ in der Ukraine einmal eine Stiftung gründete und dann neben Margaret Thatcher, dem polnischen Liberalen Leszek Balcerowicz auch sich selbst in seinem weiten Heimatland großflächig plakatierte, gewann er für das Unternehmen den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsrat.

Sogar zu den großen Wiener Skandalen unterhalten die Ukrainer einen festen Link. Eine Zwischenstation von Meschigorje auf dem Weg vom Staatsbesitz ins private Portefeuille des geschassten Präsidenten war eine in Kiew registrierte Firma namens Tantalit. Diese wiederum stand fast vollständig im Eigentum einer Wiener „Euro East BeteiligungsGmbH“. Als Geschäftsführer registriert ist dort Johann Wanovits. Der 55-Jährige gehört zur österreichischen Prominenz, mit seinem gepflegten Schnurrbart und den feinen Manieren ist er fest mit der Wiener Geschäftswelt verbandelt.

Mit einem großzügigen Kaufangebot für Telekom-Aktien trieb Wanovits den Kurs des Papiers so in die Höhe, dass das Management einen schönen Bonus einstreichen konnte und noch eine hübsche Summe für ihn selbst herauskam. Im vorigen Jahr verurteilte ein Wiener Gericht den findigen Herrn Magister für seinen Deal zu fünf Jahren Gefängnis. Das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig.

Umbau des Präsidentenpalastes für 30 Millionen

Wanovits’ ominöse Tantalit in Kiew investierte in die Residenz in Meschigorje und verschuldete sich dabei mit mehr als 30 Millionen Euro – woraufhin der Wiener Anwalt Proksch die Mehrheitsanteile übernahm und im letzten September an einen weiteren Ukrainer veräußerte: Sergej Kljujew. Der 44-jährige Politiker ist gemeinsam mit seinem älteren Bruder Andrej in Österreich schon volle 20 Jahre im Geschäft.

Die Firma Slav im vornehmen ersten Wiener Gemeindebezirk, ein Familienbetrieb im Besitz von Sergej und Andrej sowie dessen Gattin und Schwiegersohn, erwies sich als höchst erfolgreich bei der Privatisierung ukrainischer Staatsbetriebe und greift über ihre Tochter Activ Solar kräftige Subventionen des Staates für die Förderung der Sonnenenergie ab. Die 30 Millionen Schulden aus dem Umbau des privaten Präsidentenpalastes ließen sich mit den Privatisierungs- und Subventionsgewinnen leicht schultern.

Erst nachdem Kiewer Oppositionelle Einzelheiten über das ukrainische Firmengeflecht in Österreich an die USA, an Europol in Den Haag und an das Wiener Bundeskriminalamt geschickt hatten, leitete die Staatsanwaltschaft im Gastland ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche ein. Sechzehn Monate später, im letzten August, wurde es ergebnislos eingestellt.