Vor wenigen Jahren war es nur eine Idee, inzwischen arbeiten zahlreiche Spezialisten daran, dass sie Wirklichkeit wird: die neue Regionalstadtbahn.
Züge kaufen. Strecken bauen. Fahrpläne ausknobeln. Stationen, Gleise, Brücken und Unterführungen planen. 3D-Animationen ins Netz stellen, um Bürger mitzunehmen. In den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb wird seit wenigen Jahren ein deutschlandweit recht einmaliges Projekt gewagt: ein Stadtbahnnetz-Betrieb fast aus dem Nichts. Und was 2021 noch sieben Leuten in einer Hausmeisterwohnung der Sparkasse Mössingen begannen, ist inzwischen ein quicklebendiger Betrieb in zwei Stockwerken an der Dreifürstensteinstraße in Mössingen – der Stadt, die ziemlich im Zentrum er drei Landkreise liegt. „Wir haben hier immer noch einen Start-up-Geist“, sagt Stadtbahn-Geschäftsführer Prof. Tobias Bernecker, während er durch einen Flur läuft, an dem Pläne an den Wänden hängen und ein Zug-Modell darunter steht: „Das liegt auch daran, dass sich immer noch täglich viel bei uns verändert. Und weil wir ein junges Team haben, das etwas aufbaut, was es vorher noch nicht gab.“
Es dauerte Jahrzehnte von der ersten Idee der Stadtbahn bis heute und wird noch einmal vermutlich ein Jahrzehnt dauern, bis die Soll-Stärke von 200 bis 250 Mitarbeitern erreicht ist für die Regionalstadtbahn Neckar-Alb. „Bis restlos alle Strecken gebaut sind und alle Züge fahren und gewartet werden, wird es nach Plan die zweite Hälfte der 2030er Jahre sein“, prognostiziert Bernecker. Bis dahin ist an unüberschaubar vielen, kleinen und großen Baustellen zu feilen.
Gebiet geht quer durch Landkreise
Zweites Stockwerk an der Dreifürstensteinstraße – fünf Leute stehen vor einer senkrechten und einer waagerechten Illustration der geplanten Strecken. Hier findet die Infrastrukturplanung statt, auf einem Papier sind bestehende und neue Brücken, Unterführungen, Gleise oder energierelevante Punkte eingezeichnet. Manches davon sollte nicht in der Zeitung stehen, weil es auch die Sicherheit der Fahrgäste betrifft. „Wir waren in allen Rathäusern der Region“, sagt Mathias King, „wir müssen ja vor Ort richtig ins Detail gehen. Die Kooperationsbereitschaft war immer gut.“
Das Gebiet der Planer geht quer durch die Landkreise Reutlingen, Tübingen und Zollernalb und vereint irgendwann so unterschiedliche Strecken vor der reaktivierten Talgangbahn bei Albstadt bis zur wieder aufgebauten „Gomaringer Spange“ zwischen Reutlingen und dem Steinlachtal, von der bestehenden Überlandstrecken von Herrenberg über Tübingen nach Bad Urach bis zur Innenstadtstrecke in Reutlingen. An manchen Punkten müssen sie am großen Rad drehen, an anderen tief in Kleinigkeiten einsteigen, und immer gibt es zahlreiche Interessenträger, Behörden und Fachleute, die einen Abschnitt, eine Baustelle oder auch nur eine gute Idee absegnen müssen. Oder auch die Bürgerschaft: „Natürlich war es fürs Gesamtprojekt schade, dass die Tübinger Innenstadtstrecke erstmal nicht kommt“, sagt Tobias Bernecker. „Das gehörte für mich zu den unangenehmen Erfahrungen dieser Zeit. Ich habe auch nur selten jemanden geroffen, der das nicht bedauern würde.“
Viele junge Leute im Team
In weiten Teilen treffen die Ideen der Stadtbahnplaner aber auf Applaus, versprechen sie doch eine engmaschige, dicht getaktete und schnelle Verbindung der Gemeinden einer ganzen Region. „Je mehr das Projekt voranschreitet, desto mehr schafft es nach meiner Beobachtung sogar seine eigene Nachfrage“, hat etwa Harald Fechtner beobachtet, der kaufmännische Geschäftsführer der eigenen Infrastrukturgesellschaft, schon seit den Anfangstagen dabei. „Spätestens mit dem Halbstunden-Takt auf der Ermstalbahn sind dort die Zahlen regelrecht explodiert.“ 2024 hatte die Regionalstadtbahn Neckar-Alb die Nachbarn organisatorisch integriert und so zahlreiche neue Kollegen mit Fachexpertise und Streckenkenntnis bekommen.
Andere, oft junge Kräfte werden weiter laufend rekrutiert, je mehr das Projekt wächst. „Mich hat von Anfang an gereizt, dass es ein neues Projekt ist“, sagt Steffen Thomma. Der studierte Verkehrsingenieur hatte am Anfang seiner Karriere in einem winzigen Büroteam gleich die Aufgabe, mögliche Verbindungen im Gebiet der Regionalstadtbahn von Null auf zu planen. „Es war stark, wieviel Verantwortung ich dadurch sofort hatte. Ich kam mit Mitte 20 frisch von der Uni und meine Aufgabe berührte gleich die Standardisierte Bewertung dieses 2,5-Milliarden-Euro-Projekts. Davon darf man sich nicht überfahren lassen.“ Diese so genannte „Standardisierte Bewertung“ misst den Nutzen der Regionalstadtbahn und wurde in der Zeit, als man die Idee mit Geld und politischem Willen ausstatten musste, besonders heiß diskutiert.
Viele Teile abgesegnet
Inzwischen ist die Regionalstadtbahn in weiten Teilen abgesegnet und durchfinanziert. Gleichwohl muss sie sich als Gesamtprojekt und in den einzelnen Gemeinden weiter den wachen Blicken der Bürger stellen. „Wir stehen zurecht im Licht der Öffentlichkeit“, sagt Wiebke Brosig, die bei der Stadtbahn für Beteiligung und Bürger-Info zuständig ist. „Deshalb geben wir uns auch viel Mühe, die Regionalstadtbahn für die Menschen erfahrbar zu machen.“ Ihr Büro macht etwa 3D-Modelle der Stadtbahnstrecke in Reutlingen, die sich Nutzer im Internet anschauen können. „Es ist eine politisch verantwortungsvolle Aufgabe, das macht den Job spannend“, so Brosig.
Wohl 52 zum Teil detailliert für die eigenen Ansprüche ausgestattete Fahrzeuge werden am Ende auf den Strecken der Regionalstadtbahn fahren, ein geplanter Betriebshof in Reutlingen bildet dabei genauso ein Kraftzentrum wie die Zentrale des Zweckverbands Regionalstadtbahn, die im geplanten „Haus der Region“ in Mössingen residieren wird. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. „Ich glaube, dass unsere Leute vermutlich einen der interessantesten Jobs in der Branche haben“, sagt Tobias Bernecker. „Denn fast alles, was wir hier machen, machen wir hier zum ersten Mal.“
Die Regionalstadtbahn Neckar-Alb
Rund 200 Kilometer
Streckenlänge soll die Regionalstadtbahn Neckar-Alb in den drei Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb befahren, teils mit Eisenbahnen, teils mit Straßenbahnen. Sie erschließt damit ein Gebiet, in dem weit mehr als 700.000 Menschen leben, mit möglichst enger Taktung. Vor allem von der schnellen Verbindung der Metropolen Reutlingen und Tübingen mit dem ländlichen Raum erwarten sich die Planer große Vorteile für die Lage etwa für Verkehr, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt und Tourismus, für Klimaschutz, Wirtschaft und Bildung.