Die Volkskunstbühne Rheinfelden probt unter Regie von Dietmar Fulde ein historisches Stück mit Musik. Sieben Darsteller aus der Region sind dabei.
„Habt Ihr alles? Die Akten!“, wendet sich die Fürstäbtissin aufgeregt an ihren Verwalter: „Gott steh’ uns bei!“ Die beiden reihen sich gerade in eine Schlange für eine Audienz bei Kaiser Joseph II. ein.
Tatsächlich fuhr die mutige und tatkräftige Äbtissin des Fridolinstifts Säckingen 1785 nach Wien, um die drohende Auflösung ihres Stifts abzuwenden. Für die Weiterexistenz wurde sie in Säckingen gefeiert.
Um die erfolgreiche Mission dreht sich das Theaterstück „Die Reise nach Wien“, das die Autorin Sandhya Hasswani aus Herrischried basierend auf ihrem Erfolgsroman „Die letzte Äbtissin“ verfasst hat.
Romanbasis von Sandhya Hasswani
Seit November vergangenen Jahres probt die Volkskunstbühne Rheinfelden unter Regie von Dietmar Fulde dieses historische Schauspiel mit Live-Musik, das eine reale Frauenpersönlichkeit des 18. Jahrhunderts ins Zentrum rückt: Mari-Anna von Hornstein-Göffingen, die 1755 zur Äbtissin des adeligen Damenstifts gewählt wurde und dieses 50 Jahre lang leitete.
Mit ihrem Amtsantritt beginnt das Theaterstück, das die Fürstäbtissin bei der Arbeit, bei ihrem reformerischen Wirken zeigt. Zur Amtseinführung erscheinen der Bischof und der Schultheiß als Vertreter der Bürgerschaft.
Regisseur Fulde und sein Ensemble wollen die geschichtlichen Geschehnisse um das Stift „für die Zuschauer greifbar und spannend“ machen und so auf die Bühne bringen, „dass auch etwas fürs Auge geboten wird“. Deshalb hat man sich dafür entschieden, in prächtigen historischen Kostümen zu spielen.
Säckingen lag 900 Jahre lang in weiblichen Händen
In enger Zusammenarbeit mit der Autorin wurde das Stück überarbeitet und auf die Besetzung mit sieben Darstellern zugeschnitten.
Im Mittelpunkt der Szenen steht der couragierte Kampf der Äbtissin um ihr traditionsreiches Stift, das seit 900 Jahren in weiblichen Händen liegt. Zwar ist bei der Audienz in Wien nicht Kaiser Joseph. II in Person zu sehen, aber man sieht Hauptdarstellerin Claudia Palladino und ihren Mitspieler Mladen Cekic als Verwalter vor einem schwarzen Vorhang. Beim Hervortreten schildern sie rückblickend das Bittgesuch, das zunächst nicht sehr erfolgreich erscheint.
Roman kommt nicht eins zu eins auf die Bühne
„Ihr dürft nicht aufgeben, Ehrwürden“, macht die Zofe der enttäuschten Äbtissin Mut, „Ihr kämpft für Eure Damen daheim wie eine Löwin.“
Lebhaft sind die Probenszenen, in denen Pia Durandi als Kammerfrau und Vertraute dem Ernst und der Verantwortungslast ihrer Herrin eine gewisse Leichtigkeit entgegenbringt. Einmal gerät sie mit dem Verwalter aneinander und fordert von diesem mehr „Taktgefühl“.
Sandhya Hasswani hat sich zwar von realen historischen Begebenheiten um die Äbtissin leiten lassen, bringt aber nicht ihren opulenten Roman 1:1 auf die Bühne. Vielmehr ist das Stück eine freie Darstellung und rückt die Rolle der „Karrierefrau“ im 18. Jahrhundert ins Licht.
So sind fiktive Szenen eingebaut, wie eine nächtliche Begegnung, in der die Personen Nachthauben tragen, und eine originelle „Bräutigam-Schau“, die einen ernsten Hintergrund hat: Die Äbtissin macht sich Gedanken, was aus den unverheirateten Damen und aus ihr wird, wenn das Stift aufgelöst wird. Und so machen diverse „Bewerber“ ihre Aufwartung als potenzielle Heiratskandidaten.
Eine der Schlüsselszenen ist der Ball bei der Fürstin de Clary in Wien. Dort begegnet die Äbtissin der mächtigen Adeligen Eleonore, einer engen Freundin des Kaisers, und lässt sich mit dieser auf einen „Kuhhandel“ ein, um ihr Stift zu retten. Die Fürstin wird von Dagmar Wagner dargestellt, die Eleonore von Tina Zimm; beide sind aus Grenzach-Wyhlen.
Dagmar Wagner arbeitet auch als Regisseurin und hat zuletzt eine Krimikomödie mit der Volkskunstbühne inszeniert; Tina Zimm kennt man noch vom Kabarett „Restrisiko“ her, sie wird auch als Musikerin in Erscheinung treten. So singt sie zum Akkordeon die Lieder des Duos Wunderkram aus Laufenburg, die extra für das Stück komponiert werden.
Regisseur Dietmar Fulde spielt den Bischof
Dietmar Fulde, ein langjähriger Akteur der Volkskunstbühne, führt nicht nur Regie, sondern gibt auch den Bischof, der der Äbtissin als eine Art väterlicher Freund zur Seite steht. Aus gemeinsamen Auftritten mit der Fricktaler Bühne kennt Fulde den Darsteller Mladen Cekic, der als Verwalter den diplomatischen Vermittler spielen muss.
Sieben Aufführungen an fünf Orten
Michael Schmidt-Mittermeier als Schultheiß komplettiert das Ensemble, das sich bei den Proben sichtbar gut versteht. Mit Claudia Palladino, die in der Hauptrolle auch die menschlichen Zweifel hinter der Stärke der Äbtissin spüren lässt, wurde eine erfahrene Theaterschauspielerin gewonnen. Das Stück endet mit der ersehnten Nachricht aus Wien.
Da sieben Aufführungen an fünf Orten am ganzen Hochrhein geplant sind, ist die Ausstattung eher schlicht gehalten: ein alter Sessel, ein historisches Sofa, ein Schreibtisch. Zur Illustration der Schauplätze dienen Kulissenbilder, die den Blick auf das Fridolinsmünster in Säckingen und den Stephansdom in Wien zeigen. Auch ein Bildnis des heiligen Fridolin gehört dazu.
Regionalgeschichte statt Krimiklassikern
Für die Volkskunstbühne, die zuletzt mit dem Krimiklassiker „Arsen und Spitzenhäubchen“, Loriot-Sketchen und Dürrenmatts „Abendstunde im Spätherbst“ hervortrat, ist es etwas Besonderes, nun ein Stück mit regionalgeschichtlichem Bezug aus der Taufe zu heben. Damit möchte das Ensemble auch ein anderes, historisch interessiertes Publikum ansprechen.
Termine: Vorpremiere am 6. Juni, 20 Uhr, Kultschüür Laufenburg/CH; weitere Aufführungen 13. Juni, 20 Uhr, und 14. Juni, 18 Uhr, Campus Rheinfelden; 17. Juni, 20 Uhr, Gastspiel im Bühneli Lörrach; 20. Juni, 20 Uhr, und 21. Juni, 18 Uhr, Festspielgemeinde-Haus Bad Säckingen; 27. Juni, 20 Uhr, katholisches Gemeindehaus Wyhlen.
www.volkskunstbuehne.de