Hinter der verführerischen Fassade in den Bordellen verbirgt sich eine offenbar höchst gewalttätige Schattenwelt. Leidtragende sind die Prostituierten. Foto: Berg

 Menschenhändler zwingen Frauen und Kinder zur Sexarbeit. Zuhälter machen ein Milliardengeschäft.

Oberndorf - "Ausziehen!", schallt es durch die schäbige Turnhalle einer bosnischen Kleinstadt. Das halbe Dutzend junger Mädchen zögert, eine von ihnen wagt Widerspruch: "Nein, das will ich nicht." – "Was du nicht willst, werde ich dir gleich zeigen!" Männer packen die Frau, werfen sie aus dem geschlossenen Fenster. Blutüberströmt liegt sie auf dem Boden, während sich die Übrigen verängstigt und zögernd ausziehen. Vor ihnen stehen Puffbetreiber und Zuhälter, sie begutachten die nackte Ware, taxieren sie, tasten sie ab, "Mund auf!", "Umdrehen!", gibt es OP-Narben? Welche Körbchengröße hat die Frau, und wie geil macht ihr Hintern? – Faktoren, die den Preis bestimmen.

Solche Horrorszenen sind es, die Manfred Paulus in seinem neuen Buch "Menschenhandel und Sexsklaverei entlang der Donau" schildert. Damit beschreibt er eine Realität, die sich hinter den verführerischen Kulissen des mächtigen Rotlichtmilieus abspielt. Der Kriminalhauptkommissar a.D. ist ein Mann der klaren und ironiefreien Worte: "Wenn wir 2000 Jahre zurückgehen, ist das wie im Römischen Reich", sagt er im Vorfeld der Buch-Veröffentlichung mit unserer Zeitung. Das Milieu kennt er aus dem Effeff, in Thailand hat er ebenso ermittelt wie in Osteuropa. Zwangsprostitution und Menschenhandel lassen dem pragmatischen ­76-jährigen Schwaben aus Ulm auch im Ruhestand keine Ruhe.

Denn in Deutschland, sagt er, nehme niemand zur Kenntnis, wie die Situation wirklich aussehe. "Man geht davon aus, Prostitution sei freiwillig", klagt er. Und poltert im nächsten Atemzug mit erhobener Stimme: "Zu dieser Haltung gehört für mich eine gehörige Portion Scheinheiligkeit!" Sehe die Wirklichkeit doch viel brutaler aus.

"Bei der Anwerbung kosten die Frauen keinen Cent, können auf dem Balkan aber gute 2000 Euro einbringen, in Deutschland und Italien werden sie mit 15 000 bis 20 000 Euro gehandelt", erklärt der europaweit anerkannte Experte für dieses Gebiet. "Es ist nicht wie bei einer Kalaschnikow, die man einmal verkauft und nie wiedersieht. An einer Frau können Käufer dagegen sehr lange verdienen. Das ist ein Milliardenmarkt in Deutschland."

Eine Schattenwelt mit eigenen Richtern, Ermittlern und Henkern

Gespeist wird dieser Markt mit menschlicher Ware aus Osteuropa, wo auch die Frauen in der bosnischen Turnhalle herkommen. Vermutlich sind auch sie aus allen Wolken gefallen, als sie auf diesem Sklavenmarkt verkauft worden sind. "Die Masche ist immer gleich", berichtet Paulus. Da heiße es zu den 16-, 17- oder 18-jährigen Mädchen, sie bekommen einen Job im goldenen Westen, als Tänzerin auf großen Bühnen. Vermehrt spannen die Menschenhändler dafür vertraute Personen ein – die Bekanntschaft aus der Disko, den netten Cousin oder die hilfsbereite Klassenkameradin werden zum Lockmittel für die Berufung in die moderne Sklaverei.

"Wenn man sich überlegt, dass manche Frauen in Osteuropa mit fünf Jobs gerade so auf 50 Euro im Monat kommen, klingen solche Angebote verdammt verlockend", beschreibt Paulus. Und gerät in Rage: "Man weiß doch genau, welche Routen die Schleuser nehmen." Aber wie will man den Frauen schon nachweisen, dass sie als Zwangsprostituierte gehandelt werden? Von Ungarn erreichen sie oft in Kleinbussen die Ostgrenze Deutschlands. Dort treten die Frauen dann in eine Schattenwelt ein. "Sie sind gefangen in einer Subkultur mit eigenen Wertvorstellungen, Richtern, Ermittlern und Henkern." Paulus weiter: "Die Milieus funktionieren ähnlich wie die Mafia, in der Verrat als schlimmstes Vergehen gilt. Deshalb wird keine Frau zugeben, dass sie sich nicht freiwillig prostituiert. Freiwillige Prostitution gibt es nicht."

Eine Überzeugung, die Anke Precht, Psychologin aus Offenburg, teilt. Sie betreut auch Ex-Prostituierte: "Wenn eine Frau 20 Mal am Tag Sex hat, hört der Spaß für jede Frau auf." Precht weiß: "Die Frauen wirken abgetötet, sie spüren sich selbst nicht mehr. Das ist ein psychisches Überlebensprogramm wie es auch bei Vergewaltigungsopfern oder Kriegsheimkehrern vorkommt."

Wie viele Frauen in Deutschland ein solches Schicksal teilen, weiß niemand. "Seit der Grenzöffnung nach Osten gibt es mehr Opfer. Die Zahlen, die die Polizei erfasst, sind nichtssagend", klärt Paulus auf. Die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts dokumentiere jährlich nur rund 350 Fälle von Menschenhandel zum Zweck der Prostitution.

Paulus’ Einschätzung deckt sich mit den Recherchen unserer Zeitung. Danach gab es in den Landkreisen Calw, Freudenstadt, Rottweil, Schwarzwald-Baar, Zollernalb, Ortenau und Lörrach in den vergangenen beiden Jahren gerade einmal 15 polizeilich registrierte Fälle von Zwangsprostitution, Ausbeutung von Prostituierten und Zuhälterei. Für Menschenhandel sind es im gleichen Zeitraum nur zwölf Fälle. "Wir gehen davon aus, dass es eine Dunkelziffer gibt", heißt es etwa aus dem Polizeipräsidium Offenburg zurückhaltend.

Anke Precht weiß über die Brutalität in der Branche bescheid

Paulus prescht hingegen vor: "Wir haben ein gigantisches Dunkelfeld." Hunderttausende seien betroffen. Besonders lukrativ scheint das Geschäft mit dem käuflichen Sex an der Grenze zu Frankreich – auch im Ortenaukreis –, zumal im Nachbarland Bordelle verboten sind.

Den Markt dominierten hauptsächlich ausländische Zuhälter, etwa aus Albanien, Bosnien, der Ukraine. Oder es sind Kurden, die Sexsklavinnen halten, zählt Paulus auf. Und wo sind die deutschen Zuhälter? Ja, sie hat es gegeben, sie seien von den Ausländern aber verdrängt worden. "Es hat immer die Oberhand, wer am brutalsten und rücksichtslosesten ist", erklärt Paulus die Machtverhältnisse in der trockenen Sprache des erfahrenen Polizisten. Den Zuhältern beizukommen, sei jedoch schwierig. Nötig seien aufwendige Strukturermittlungen, die viel Geld kosten, viel Personal brauchen und über Jahre hinweg andauern.

Wie brutal Zuhälterei ist, weiß indes auch Psychologin Precht genau. Die Zwangsprostituierten sind nämlich nicht nur an der Seele verwundet: Sie litten auch unter schwersten Verletzungen im Genitalbereich. "Es kommt nicht selten vor, dass vor dem Behandlungsraum der Zuhälter wartet, der die Frauen sofort wieder mitnimmt." Die Freier würden immer gewalttätiger, manche bringen Pornovideos mit, die sie eins zu eins umsetzen möchten. "Andere inszenieren Massenvergewaltigungen, bei denen mehrere Männer über eine Frau herfallen", berichtet Precht aus den Erzählungen ihrer Klienten.

Und doch haben die Zuhälter nur selten einen Prozess zu erwarten. Falls es dazu kommt, bestimmt das Milieupublikum das Verfahren. Paulus: "Wenn Staatsanwalt und Richter keine gefestigten Personen sind, können sie schnell kippen. Das Milieu hat anscheinend Wege gefunden, auch diesen Teil der Rechtsstaatlichkeit auszuhebeln." Weiter sagt er: "Gelegentlich wird der Rechtsstaat regelrecht vorgeführt. Der Saal ist gefüllt mit Milieupublikum, Anwälte fluten Gerichte mit Beweisanträgen, Zeugen fehlen oder machen Falschaussagen. Es kommt erzwungenermaßen häufig zum Deal zugunsten der Angeklagten."

Warum werden diese Verbrechen nicht nachdrücklicher bekämpft? Paulus vermutet drei Gründe dafür: Es herrsche eine kaum für möglich zu haltende Naivität bei Entscheidern vor, der Milliardenmarkt könnte ein unverzichtbarer Faktor des Bruttoinlandsprodukts sein, und: "Die Verantwortlichen sind vom Milieu unterwandert und werden beeinflusst. Zuhälter haben schließlich viel zu bieten, Sex, Geld und Skrupellosigkeit. Gefährdet sind vor allem Politik, Polizei, Justiz, aber auch Bereiche wie Sport und Kunst", gibt Paulus zu bedenken. Und schweigt.

Zur Person Manfred Paulus

Der ehemalige Kriminalhauptkommissar ist ein  europaweit gefragter Experte, wenn es um die Bekämpfung von Zwangsprostitution und Menschenhandel geht.

1963 ist er in den Polizeidienst eingetreten. Seine Ausbildung absolvierte er bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen und Lahr (Ortenaukreis). Danach war er in Freiburg im Einsatz.

Anfang der 1970er-Jahre kam Paulus nach Ulm. Dort wechselte er zur Kriminalpolizei  –  und zwar ins Dezernat Sexualdelikte und Rotlichtkriminalität, dessen Chef er bald wurde. Wenig später leitete er auch die Kriminalinspektion in Ulm.  

Um das Jahr 2000 reiste er im Auftrag der Europäischen Kommission mehrfach nach Weißrussland, wo er Ursachen und  Bedingungen des Menschenhandels und der Zwangsprostitution erforschte. Auch auf seinen Bericht geht die Entscheidung der EU-Kommission zurück, die Polizei an der EU-Außengrenze besser auszustatten.

Von 2000 bis 2003 lehrte Paulus an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen.  In enger Zusammenarbeit mit dem Polizeipsychologen Adolf Gallwitz erarbeitete er mit den Polizeischülern dort Themen rund um Menschenhandel und Zwangsprostitution.

2003 ging er zwar in den Ruhestand. Bis heute hält er am Standort Böblingen, einer Außenstelle der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen, Lehrveranstaltungen ab.

Leitantrag der Frauen Union

Bezirksdelegiertentag

Der Bezirksdelegiertentag der Frauen Union Südbaden (FU)   hat in Titisee-Neustadt unter dem Thema »Zuhälterparadies Deutschland – Gibt es bei uns Menschenhandel?« gestanden.  Helga Gund, Bezirksvorsitzende der FU, betonte, »das Thema wird nicht untergehen«. Die Frauen wollten bei Parteitagen der CDU entsprechende Anträge einbringen. Verabschiedet wurde beim Bezirksdelegiertentag ein Leitantrag, der die wesentlichen Positionen der CDU-Frauen zusammenfasst.

Prostitutionsgesetz

Das 2002 eingeführte Gesetz habe den Frauen nicht zu mehr Selbstbestimmtheit verholfen, sondern Bordellbesitzer und Zuhälter aus ihrem kriminellen Umfeld geholt  und sie zu angesehenen Unternehmern gemacht. Die Einführung der Neufassung des Gesetzes 2017 brachte laut FU insgesamt kaum Verbesserungen. Die Macher des Regelwerks gingen »immer noch von der Mär der selbstbestimmten Prostitution aus«.

Mehr Kontrollen

Um den innerdeutschen Menschenhandel zu bekämpfen, fordert die Frauen Union eine polizeiliche An- und Abmeldung der Prostituierten an ihrem Einsatzort. Zudem solle auch der Zoll zu Kontrollen in Bordellen eingesetzt werden, »aus Mangel an Interesse des Finanzministeriums bezüglich der Rotlicht-Thematik passiert bisher allerdings nichts«.

Beratungsgespräche

Bei der polizeilichen An- und Abmeldung müssen Beratungsgespräche zwingend sein. Sie sollen Prostituierte über deren Rechte aufklären und der Abgeschlossenheit des Milieus entgegenwirken. Die Prostituierten seien in erster Linie Opfer in den Fängen organisierter Kriminalität.

Freiheitsstrafen

Ein Freier solle nachweisen, wenn er aufgegriffen wird, dass die Prostituierte den gekauften Sex mit ihm freiwillig gemacht hat.

Mindestalter

Das Mindestalter müsse auf 21 Jahre angehoben werden, weil laut Frauen Union Heranwachsende besonders anfällig für das Milieu seien. Zudem sei Prostitution derart belastend, dass sie nicht von Frauen unter 21 ausgeübt werden solle. 

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