Das Wiederansiedlungsprojekt liegt vorerst auf Eis. Foto: dpa

Akzeptanz für eine Wiederansiedlung scheint gering. Minister Hauk macht sich für das Tier stark.

Region - Der Forstminister hat große Sympathien für ein Wiederansiedlungsprojekt ähnlich dem, das derzeit in der Pfalz läuft. Die Landwirte sind skeptisch, selbst die Naturschützer sind gespalten. Das Vorhaben ist deshalb zurückgestellt.

Erst vor drei Wochen ist es bei Gernsbach (Kreis Rastatt) wieder einmal gelungen, einen Luchs zu fangen und mit einem Sender zu versehen. Er hat von den Jägern, die die Patenschaft für das Tier übernommen haben, den Namen "Toni" erhalten. Zwei weitere Luchse dürften sich derzeit in Baden-Württemberg aufhalten. Seit 2004 konnten insgesamt 13 verschiedene Individuen im Südwesten nachgewiesen werden. Alle waren Kuder, also männliche Tiere.

Kuder können kaum Partnerin finden

Leider gibt es gleich zwei schlechte Nachrichten für "Toni" und seine Artgenossen im Südwesten. Erstens: Weibliche Tiere wandern fast nie, weshalb die Kuder bei uns kaum eine Partnerin finden können. Von selbst wird sich hier daher wohl nie eine Population aufbauen. Im Pfälzer Wald wurde deshalb im Juli 2016 mit der Auswilderung von 20 Tieren begonnen. Doch zu einem ähnlichen Projekt, und das ist die zweite schlechte Nachricht, wird es in Baden-Württemberg vorerst nicht kommen.

Forstminister Peter Hauk (CDU) hat schon seit 2018 zwar nie öffentlich, aber doch intern mehrfach seine große Sympathie für ein Wiederansiedlungsprojekt bekundet. Auf Anfrage unserer Zeitung antwortete sein Ministerium auch jetzt: "Der Luchs ist eine der faszinierendsten Wildtierarten im Land."

Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg hatte deshalb schon vor einem Jahr im Auftrag des Ministeriums untersucht, welche Möglichkeiten man dem Luchs eröffnen könnte. Theoretisch böte das Land danach Raum für bis zu 100 Tiere. Drei Szenarien wurden näher geprüft. Erstens könnte alles so bleiben, wie es ist: Die natürliche Zuwanderung wird von der Landesregierung begrüßt; Unterstützung gibt es aber keine. Zweitens könnten vier Weibchen im Südschwarzwald ausgesetzt werden, um die Chancen auf Nachwuchs zu erhöhen. Die Kosten wurden mit 1,15 Millionen Euro errechnet. Drittens wäre ein richtiges Auswilderungsprojekt denkbar gewesen, bei dem acht Weibchen und vier Männchen freigelassen werden sollten. Kosten: 1,86 Millionen Euro.

Doch wie erst jetzt bekannt wurde, lautete die Entscheidung im vergangenen Jahr, vorerst nichts am Status quo zu ändern. Die Haltung der "Arbeitsgemeinschaft Luchs", in der alle Interessenvertreter aus Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz einen Sitz haben, spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Begründet hat das Ministerium diesen Beschluss jetzt damit, dass die Akzeptanz gegenüber dem Luchs erst noch wachsen müsse. Angesichts der wiederkehrenden Präsenz des Wolfes im Südwesten wollte man die Bevölkerung nicht überfordern. Ganz nebenbei: Aus diesem Grund ist das Umweltministerium gegen eine Wiederansiedlung.

Klar ist aber, dass vor allem der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband die Rückkehr des Luchses vehement ablehnt. Dass der Luchs ab und zu Schafe reiße, sei nicht das größte Problem, sagt Sprecher Michael Nödl. Es gehe aber nicht, "dass man einfach eine wild lebende Tierart auf fremdem Grund und Boden auswildert" – der Schwarzwald sei zumeist Privatwald. Zumal derzeit nicht sichergestellt sei, dass den Eigentümern dadurch keine neuen Auflagen bei der Nutzung ihres Waldes entstünden. Die Bauern seien schon über Gebühr belastet.

Erhard Jauch, der Hauptgeschäftsführer des Landesjagdverbands, betont, dass die Jäger nichts gegen Luchse hätten, die von selbst einwandern – aber einer Wiederansiedlung steht man ebenfalls skeptisch gegenüber. Mit dem Südwesten lasse sich das Projekt im Pfälzer Wald nicht vergleichen: Dort gebe es weniger Freiflächen und deshalb weniger Nutztiere. Zudem gehöre der Forst zu 80 Prozent dem Staat.

Selbst Naturschützer sind gespalten

Überraschend ist vor allem, dass selbst die Naturschützer gespalten sind. Es gibt viele Befürworter. Aber Johannes Enssle, der Vorsitzende des Nabu Baden-Württemberg, betont, dass man derzeit mit Artensterben und Klimawandel viel größere Herausforderungen zu bewältigen habe. Das Geld für ein Auswilderungsprojekt dürfe deshalb am Ende nicht für weitaus dringlichere Projekte fehlen. Er könnte sich als Kompromiss die Freilassung von wenigen Weibchen vorstellen. Der BUND befürwortet eine Wiederansiedlung ebenfalls nur, wenn alle Akteure zustimmen, wenn es eine wissenschaftliche Begleitung gibt und die Mittel dafür nicht aus dem Naturschutzhaushalt entnommen werden. In der Pfalz wird das Projekt mit EU-Naturschutzgeldern finanziert.

Aber Minister Hauk hat die Sache noch nicht aufgegeben. Er zeichnet ein positives Bild des Luchses: Diese Tiere seien völlig ungefährlich für den Menschen und erbeuteten fast nur Rehe und Gämsen. Laut den Zahlen der FVA haben Luchse in Deutschland jährlich 0,3 Nutztiere pro Luchs gerissen. Beim Wolf waren es 7,2. Hauk bleibt zuversichtlich: "Mittelfristiges Ziel des Ministeriums ist es, mit den Akteuren einen gemeinsam getragenen Weg zur Wiederansiedlung von Luchsen in Baden-Württemberg zu finden."