Ihre Kleinen bei kühlen und nasskalten Temperaturen großzukriegen, ist für Storcheneltern in der Regio eine Aufgabe, an der viele gescheitert sind. Denn für Jungstörche beginnt bei solchen Bedingungen ein Teufelskreis, der ihnen das Leben kosten kann.
Der Frühling und der Frühsommer bringen vor allem eines: viel Regen und auch niedrige Temperaturen in der Region. Für den Menschen ist das maximal lästig, für junge Störche kann das aber tödlich sein. Und so werden tote Storchenbabys und leere Nester nicht nur aus der Bodensee-Region und vom Zoo in Zürich gemeldet. Dass viele Storchenjungen dem nasskalten Wetter zum Opfer gefallen sind, bestätigt auch Bruno Ris, Leiter des Tierparks Lange Erlen in Basel, auf Anfrage unserer Zeitung. „Wie viele es schlussendlich sind, kann man erst sagen, wenn die Jungstörche kurz vor dem Ausfliegen sind oder mit Hilfe der Berufsfeuerwehr beringt werden.“
Teufelskreis für Nachwuchs
Erfahrungsgemäß sei das nasskalte und kühle Wetter der vergangenen Wochen ungünstig für das Überleben von Jungstörchen. Denn sie unterkühlten schnell, was schlussendlich zum Tod führe, so Ris weiter. Hinzu komme, dass die Altstörche versuchten, ihre Jungen vor dem Schlagregen zu schützen, was sie wiederum daran hindere, auf Nahrungssuche zu gehen. „Schließlich kommt es dann zu einem Teufelskreis von Unterkühlung, gepaart mit Unterernährung und Schwäche“, erklärt Ris. Unterm Strich habe die aktuelle Situation, dass viele Jungstörche witterungsbedingt sterben, keine großen Auswirkungen auf die Storchenpopulation. Immer wieder komme es zu „schlechten Storchenjahren“, die durch gute bis sehr gute mit viel Nachwuchs kompensiert würden. Vor dem Sterben bewahren könnten Tierpfleger oder Tierschützer die Storchenbabys aber nicht. „Grundsätzlich sollte der Mensch sich nicht in die Abläufe der Natur einmischen und entsprechende Zusammenhänge auch verstehen und akzeptieren können“, meint Ris.
Der Basler Zoo verzeichnet eine durchschnittliche Anzahl toter Jungstörche und könne eine gesunde Population von Weißstörchen vorweisen, wie Zoosprecherin Fabienne Lauber auf Anfrage mitteilt. Das Beringen der Jungstörche sei erst am Dienstag gestartet, weshalb der Zoo Basel erst in den kommenden Tagen über genaue Zahlen verfügt. Aktuell geht er aber von etwa 60 bis 70 Jungstörchen aus, was im Durchschnitt der Vorjahre liege, wie Lauber schreibt. Deshalb könne der Zolli nicht bestätigen, dass es sich für Störche „um ein besonders schlechtes Jahr handelt“.
Günstige Bedingungen
Im Zolli finden die Störche laut Lauber zudem günstige Bedingungen vor: Die Horste (Storchennester) sind quer durch den Park verteilt, auf Bäumen, auf der Tembea-Anlage mit den eigens für sie erstellen Nistgelegenheiten sowie auf der Außenanlage für Menschenaffen. Zudem fänden sie dort viele Möglichkeiten zum Nestbau sowie ausreichend Nahrung in kurzer Flugdistanz, wie kleinere und größere Insekten, Würmer, Mäuse, Frösche, Raupen und Käfer.
Aus der Storchengemeinde Kandern-Holzen vermeldet Ortsvorsteher Wilhelm Weiß, dass auch dort nicht alle Jungstörche überlebt haben. Es halte sich aber in Grenzen. „Auf vielen Nestern sind Jungstörche zu sehen, andere haben keinen Nachwuchs“, teilt Weiß auf Anfrage mit.
Seit 1979 gibt es in Holzen ein Storchengehege, das bis heute von Familie Lang ehrenamtlich betreut wird, wie auf der Webseite der Gemeinde Kandern-Holzen nachzulesen ist. Seine Existenz verdankt das Gehege einem Storchenpaar, das 1970 auf dem Kirchturm sein Nest gebaut hatte. Durch Renovierungsarbeiten waren die Vögel gestört worden und kehrten nie zurück.
20 Nester in Holzen
Heute hat Holzen dank des Storchengeheges etwa 20 bewohnte Nester auf Hausdächern, Bäumen und Nisthilfen. Das Gehege ist bei freiem Eintritt frei zugänglich. Im Mai und Juni schlüpfen auch dort die Jungstörche und unternehmen erste Flugversuche, sofern sie die kühlen und regnerischen Wochen überlebt haben.