Nicht nur in Kuhbach und Reichenbach, auch in der Lahrer Tiergartenstraße gilt bald Tempo 30 Foto: Baublies

Es ist offiziell: Auf der B 415 in Lahr, Kuhbach und Reichenbach gilt ab September Tempo 30. Im Umland, etwa in Schuttertal und Ettenheim, kommt das nicht gut an, doch die Bürgermeister zeigen Verständnis. Nicht so Kuhbachs Ortsvorsteher. Unsere Redaktion hat die Reaktionen gesammelt.

„Zum Schutz der Gesundheit ihrer Bürger wird die Stadt Lahr entlang der Ortsdurchfahrten der B 415 in der Kernstadt sowie in den Ortsteilen Kuhbach und Reichenbach Tempo 30 anordnen“, gibt die Stadt Lahr am Dienstag in einer Mitteilung bekannt. Damit ist offiziell, was sich zuletzt abgezeichnet hat und was am Wochenende von Bürgermeister Guido Schöneboom bestätigt wurde .

 

Wie aus der Mitteilung hervorgeht, tritt die Regelung „voraussichtlich Anfang September“ in Kraft. Zunächst müsse die Ampelschaltung an das neue Tempolimit angepasst werden. Tempo 30 gilt dann in der Kernstadt ab der Tiergartenstraße, also ab Höhe des Nestler-Carrées. In Kuhbach und Reichenbach darf künftig „von Ortsschild zu Ortsschild“ maximal 30 gefahren werden.

Grundlage ist ein Rechtsgutachten sowie eine verkehrs- und schalltechnische Untersuchung eines Freiburger Büros. Aus den Gutachten gehe hervor, dass die Stadt „kein Ermessen hat, da tags wie nachts Lärmwerte im gesundheitsgefährdenden Bereich vorliegen“, wie es in der Mitteilung heißt. Eine Anordnung von Tempo 30 sei demnach „zwingend erforderlich“, um die Belastung der Anwohner zu mindern.

Unmut in Kuhbach, Verständnis in Reichenbach

Kuhbachs Ortsvorsteher Norbert Bühler sieht das anders. „Ich finde es unnötig. Die Bevölkerung wäre mit Tempo 40 glücklicher“, erklärt er auf Anfrage unserer Redaktion. Der Lärm, so Bühler, sei „zweitrangig“. Das Problem seien die CO₂-Emissionen. Und diese würden, befürchtet er, mit Tempo 30 ansteigen, da die Fahrzeuge mehr Zeit in Kuhbach verbringen. „Ich denke, die Stadt hätte noch Spielraum gehabt“, kritisiert der Ortsvorsteher die Stadt, insbesondere die Verwaltungsspitze. „Die Herren“, damit meint Bühler OB Markus Ibert und Schöneboom, „wollen Tempo 40 nicht“.

Auch Reichenbach „hätte gerne 40 behalten“, so Ortsvorsteher Klaus Girstl, „doch wir müssen uns an die rechtlichen Vorgaben halten“. Man müsse das Thema sachlich betrachten und nun eben umsetzen, auch wenn es für die Menschen schwierig sei.

Moser relativiert seine Kritik

Nicht nur aus den Ortsteilen, auch aus den Umlandgemeinden gab es in der Vergangenheit Kritik an der Geschwindigkeitsreduzierung. Seelbachs Bürgermeister Michael Moser erneuerte diese zuletzt . Am Dienstag relativiert er, dass man es „akzeptieren und anerkennen“ müsse, wenn die Stadt Lahr tatsächlich keinen Ermessensspielraum habe. „Auch ich habe Bedenken angesichts des bestehenden Standortnachteils im Schuttertal“, sagt Mosers Schuttertäler Amtskollege Matthias Litterst. Pendler müssten nun noch länger fahren, viele Betriebe würden berichten, dass der lange Anfahrtsweg bei Personalgesprächen ein abschreckender Faktor sei. „Es muss mir nicht gefallen“, so Litterst, doch man müsse „anerkennen, dass die Stadt Lahr keine andere Möglichkeit hat. Ich sehe sie unter Zugzwang“.

Metz sieht Belastungen für Ettenheim

Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz hat ebenfalls „keine Freude daran“, dass Tempo 30 umgesetzt wird. „Bundes- und Landesstraßen sind dafür gedacht, dass sie Verkehr bewältigen können“, kritisiert er. Der Rathauschef befürchtet eine Mehrbelastung für seine Stadt. Immer mehr Autofahrer, die in Richtung Schuttertal wollen, würden den Weg über Ettenheim, Münchweier und Ettenheimmünster nehmen.

Metz’ Ansicht nach führt Tempo 30 dazu, dass die Anwohner den Verkehr als stärker wahrnehmen. Er zieht eine Parallele zur Otto-Stoelcker-Straße, für die der Rat im vergangenen Jahr Tempo 30 statt 50 beschlossen und dabei Metz überstimmt hat. Dort würde die Durchfahrt bei Tempo 30 mehr als 50 Sekunden länger dauern. Doch zu der Einführung des Tempolimits kam es nicht: Das Landratsamt lehnte die Reduzierung ab.

Weide sorgt sich vor Lkw-Nachtfahrverbot

Friesenheims Bürgermeister Erik Weide wiederum sieht „keine Auswirkungen“ auf seine Gemeinde. Zumindest nicht, wenn das Nachtfahrverbot für Lkws ausbleibt. „Den Friesenheimer Anwohnern ist kein einziger Lkw mehr auf ihren Straßen zumutbar“, sorgt er sich vor Ausweichverkehr. Mit dem Nachtfahrverbot habe sich das Fachgutachten ebenfalls beschäftigt, teilt die Stadt Lahr mit. Doch die Grundlage sei „aus fachlicher Sicht derzeit nicht gegeben“. Weide kritisiert allerdings die Vorgehensweise: „Wenn der Bund entscheiden würde, dass innerorts generell Tempo 30 gilt, könnten Millionen von Schilder gespart werden und vor allem unzählige Gutachten und ein riesen Berg an Bürokratie. Dafür fehlt aber das Rückgrat.“

„Wir haben die vorgebrachten Bedenken sehr ernst genommen“, geht OB Markus Ibert in der Mitteilung auf die Kritik ein. Die Stadt Lahr werde nun aber ihrer Pflicht nachkommen. „Maßgeblich ist hier nicht das Mehrheitsprinzip, sondern die Verantwortung der Stadt für die Anwohner, die gesundheitsgefährdendem Verkehrslärm ausgesetzt sind“, so Ibert.

Verschiedene Ansätze für die Zukunft

Wie geht es nun weiter? Kuhbachs Ortsvorsteher erläutert, hörbar resigniert, dass man wohl „mit Tempo 30 leben muss“. Girstl glaubt, dass die Menschen sich an Tempo 30 gewöhnen werden. Litterst betont, dass man – auch unabhängig von Tempo 30 – einen verstärkten Fokus auf den Aufbau des ÖPNV legen sollte, um den Individualverkehr zu reduzieren. Das wünscht sich auch Metz, doch „beim ÖPNV wird in Stuttgart viel mehr geschwätzt als gemacht“, kritisiert er die Landesregierung. Weide hingegen bringt als „Lösung für das Schuttertal“ das Fahrrad ins Spiel. „Gerade im Pendlerbereich macht es keinen Sinn mehr zum Beispiel von Friesenheim nach Seelbach mit dem Auto zu fahren. Mit dem Rad, gerade mit dem E-Bike, ist man mindestens genauso schnell“.

Info in Mehrzweckhalle

Experten werden die Gutachten zu Tempo 30 am Mittwoch, 3. Juli, ab 18 Uhr vorstellen. Die Veranstaltung wurde in die Mehrzweckhalle im Bürgerpark verlegt. Die Verwaltungsspitze um Markus Ibert, Guido Schöneboom und Tilman Petters steht für Fragen zur Verfügung.