Red Bull & Co. „Eltern unterschätzen, dass Energydrinks so dick wie Cola machen “

Bettina Hartmann , aktualisiert am 19.08.2025 - 16:53 Uhr
Zu viele Energydrinks am Tag können der Gesundheit schaden. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Energydrinks sind im Trend, vor allem bei jungen Leuten. Aber auch umstritten. Ein Stuttgarter Arzt erklärt, welche Folgen der regelmäßige Konsum hat.

Ob beim Lernen, Zocken oder auf Partys: Rund 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren in Deutschland konsumieren Energydrinks wie Red Bull, Monster und Rockstar. Nach Angaben der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) täglich teils mehr als einen Liter der Zucker- und Koffeinbomben – mit Folgen für die Gesundheit, wie der Stuttgarter Mediziner Jörg Latus erklärt. Für den Chefarzt für Allgemeine Innere Medizin und Nephrologie am Robert-Bosch-Krankenhaus steht daher fest: Es braucht mehr Aufklärung.

 

Professor Latus, warum sind Energydrinks bei Jugendlichen so beliebt?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen wollen Jugendliche heutzutage fit und voller Energie sein. Sie trinken also dieses Zeug, weil sie denken, dass sie ohne die Drinks gar nicht leistungsfähig wären – und dass sie durch sie wach und gestärkt durch den Tag kommen.

Ist da was dran?

Zumindest anfänglich. Flügel, wie die Werbung verspricht, verleihen sie einem zwar nicht. Aber Energydrinks pushen durchaus, etwa durch das viele Koffein, das sie enthalten. Da sie abhängig machen, lässt diese zunächst spürbare Wirkung aber nach. Die Folge: Man braucht immer mehr, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Teils trinken Jugendliche drei, vier Dosen am Tag. Einst hatten die Dosen 0,25 Liter Inhalt. Der Trend geht inzwischen zum halben Liter.

Für Jörg Latus, Chefarzt am RBK in Stuttgart, sind Energydrinks überflüssig. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Welchen Einfluss hat die Werbung?

Sie zielt genau auf diese junge Zielgruppe ab. Die Getränke werden als cool dargestellt, sogar bei Sportveranstaltungen wird dafür geworben. Auch Influencer tragen ihren Teil dazu bei, das Getränk attraktiv zu machen. Inzwischen greifen 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 10 und 18 regelmäßig zu den Drinks. Das ist verrückt!

Sie haben Koffein angesprochen, wie viel ist denn in einer 0,25-Liter-Dose enthalten?

Etwa 80 Milligramm – also massiv mehr, als etwa in einer Cola. Es entspricht ungefähr einer Tasse Kaffee. Der Richtwert lautet: Etwa drei Milligramm Koffein pro Kilo Körpergewicht sind pro Tag in Ordnung. Bei Erwachsenen wohlgemerkt. Wiegt man 60 Kilo, hat man mit zwei Dosen fast das Limit erreicht. Bei Jugendlichen allerdings kann so eine Dosierung bei regelmäßigem Konsum gefährlich werden. Und Kinder sollten gar keine Energydrinks trinken. Dass sie Koffein enthalten, ist vielen Eltern wohl gar nicht klar.

Was ist an Koffein problematisch?

Im Übermaß konsumiert führt es unter anderem zu Herzrasen, Bluthochdruck, Übelkeit, Nervosität, Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Angstzuständen. Aber die Energydrinks enthalten weitere problematische Stoffe.

Zum Beispiel?

Unter anderem extrem viel Zucker – in 250 Milliliter sind zehn Würfelzucker. Das muss man sich mal vorstellen! Doch viele realisieren nicht, was sie da an Kalorien zu sich nehmen, das entspricht quasi einer Mahlzeit. Dass zu viel Cola dick macht, ist inzwischen im Bewusstsein angekommen. Dass auch Energydrinks Dickmacher sind und zu Diabetes führen können, wenn man sie täglich trinkt, wird hingegen kaum wahrgenommen. Es bräuchte somit mehr Aufklärung. Dazu kommt in den Drinks ein ganzer Cocktail an Substanzen wie Guarana oder synthetische Stoffe, die die aufputschende Wirkung verstärken sollen. Zudem ist häufig auch Taurin in höheren Dosierungen enthalten. Teils ist noch gar nicht sicher, was für Auswirkungen das auf längere Sicht auf den Körper hat. Zumal bei Kindern und Jugendlichen.

Sie raten also vom Konsum ab?

Es ist wie immer die Menge, die das Gift macht. Ab und zu ein Energydrink – das schadet einem gesunden Menschen nicht. Die Regelmäßigkeit ist das Problem. Eine der Nebenwirkungen, die oft unterschätzt wird, ist das Suchtpotential, das ich bereits erwähnt habe. Man greift also zu mehr und mehr. Ein Teufelskreis.

Wie stehen Sie zur unter Jugendlichen sehr beliebten Kombination Energydrinks plus Alkohol?

Letztlich gilt auch hier: Der gelegentliche Konsum eines Mischgetränks wird nicht zu bleibenden Schäden führen. Insgesamt ist es aber so, dass Alkohol die Wirkung der enthaltenen Stoffe verstärkt, etwa von Koffein. Man sollte die Mischungen also keinesfalls regelmäßig trinken. Gefährlich ist dabei auch, dass man den Alkohol gar nicht schmeckt, er wird durch die Süße überdeckt. Sprich: Man merkt nicht, dass man betrunken wird.

Das Koffein soll ja auch die Müdigkeit unterdrücken, die der Alkohol auslöst.

Ja, das ist ein bei dieser Kombination erwünschter, aber gefährlicher Effekt. Es kann unter anderem zu Herzrhythmusstörungen führen. Insgesamt sollte man sich fragen: Warum gehe ich mit Energydrinks gegen meine Müdigkeit vor? Warum schaue ich nicht eher darauf, warum ich müde bin? Man sollte bei den Ursachen ansetzen, etwa auf gesunde Schlafhygiene achten, sprich: früher ins Bett gehen. Dazu frische Luft tanken und sich genügend bewegen. Das wäre ein guter Lebensstil. Energydrinks gelten als Lifestyle-Getränk, aber das ist Quatsch. Es ist nichts drin, was wir brauchen. In Wahrheit sind sie überflüssig und ein Gesundheitsrisiko.

Welche gesunden Alternativen gibt es?

Energie bekommt man unter anderem durch gesunde Ernährung, etwa, indem man mit einem Frühstück aus Obst, Joghurt und Vollkorngetreide in den Tag startet. Dies hält den Blutzucker lang stabil und somit auch die Leistungsfähigkeit.Dazu kommt der bereits angesprochene Schlaf, Bewegung an der frischen Luft, regelmäßige sportliche Aktivitäten – und nicht zu vergessen: Wir brauchen über den Tag verteilt klare Pausen, um uns zu erholen und Müdigkeit vorzubeugen. Das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche.

In einigen Ländern ist der Verkauf an Kinder und Jugendliche verboten. Eine gute Sache?

In Deutschland gibt es bisher in der Tat kein gesetzliches Mindestalter für den Kauf und Konsum. Allerdings gibt es auch keine Abgabepflicht. Händler können selbst entscheiden, ob sie die Drinks erst ab einem Alter von 16 verkaufen. Leider wird das Getränk stattdessen in vielen Läden gut sichtbar präsentiert – und so zum Kauf angeregt. Auch viele Getränkeautomaten sind inzwischen damit bestückt. Generell könnte man über ein Verbot für unter 14-Jährige nachdenken. Meiner Meinung nach braucht es aber mehr Aufklärung. Man muss vermitteln, dass man sich damit nichts Gutes tut, wie viele denken. Mit Energydrinks bescheißt man nur den eigenen Körper.

Zur Person

Funktion
Jörg Latus ist seit April 2025 Chefarzt der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Nephrologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Zuvor war er als Ärztlicher Leiter der Abteilung tätig.

Vision
Der Experte für Nierenmedizin steht für moderne Therapien, personalisierte Medizin und bessere Behandlungsoptionen. Als Mitglied der Deutsche Gesellschaft für Nephrologie e.V. (DGfN) engagiert er sich für die Weiterentwicklung neuer Behandlungskonzepte.