Der Rechtsmediziner Michael Tsokos nimmt die Zuschauer mit in die Welt der Forensik. Foto: Axel Gerth

Michael Tsokos ist seit 30 Jahren als Rechtsmediziner aktiv. Mit seinem Liveprogramm, ist er am 27. November in der Freiburger Sick-Arena zu Gast.

Michael Tsokos gilt als einer der bekanntesten Rechtsmediziner Deutschlands. Er leitet seit 2007 das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Zudem war er von 2007 bis 2023 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Im Gespräch mit unserer Redaktion gibt er Einblicke in seine tägliche Arbeit und verrät, was die Zuschauer bei seiner Show am Donnerstag, 27. November, in der Sick-Arena in Freiburg erwarten dürfen.

 

Herr Tsokos, sie schreiben Bücher, sind in verschiedenen TV-Produktionen zu sehen und gehen derzeit auf Tour. Stehen Sie als Rechtsmediziner noch selbst am Seziertisch?

Ja, Ich bin jeden Tag noch am Werk. Das ist aber auch mein Anspruch. Es ist schwierig, wenn jemand Bücher schreibt oder auf der Bühne steht und von seiner Arbeit erzählt, aber nicht mehr im Tagesgeschäft aktiv ist. Die Live-Events leben auch von echten und neuen Fällen. Die Leute müssen sehen, der weiß, was er macht und wovon er spricht.

Auf der Bühne zeigt er Bilder von echten Fällen. Foto: @rh_sport_fotografie

Hat sich ihr Job als Gerichtsmediziner in den vergangenen Jahren verändert?

Nein, eigentlich nicht. Wir wenden in der Gerichtsmedizin seit 500 bis 600 Jahren die gleichen Verfahren an. Vor rund 25 Jahren ist die Computertomographie dazugekommen. Das erleichtert es uns, ins Innere der Menschen zu schauen um etwa Projektile oder einen Herzschrittmacher zu sehen. Ansonsten ist die Arbeit noch immer echte Handarbeit.

Obduktion ist echte Handarbeit

Wie läuft so eine Obduktion ab?

Wir machen zuerst eine äußere und dann eine innere Leichenschau. Wir schauen zuerst nach den von außen sichtbaren Verletzungen. Das sind etwa Kampfspuren, Blutungen oder Narben. Anschließend schauen wir nach den Totenflecken. Dann folgt die innere Untersuchung, bei der wir drei Körperhöhlen öffnen müssen. Das sind die Kopf-, Brust- und Bauchhöhle. Wenn sich die Todesursache dann noch nicht klären lässt, machen wir chemisch toxikologische Untersuchungen.

Lässt sich die Todesursache immer feststellen?

Nein, das ist nicht immer möglich. Eine Herzrhythmusstörung lässt sich beispielsweise nicht nachweisen. Das kann man dann höchstens per Ausschlussverfahren in Betracht ziehen. Es sind aber nur etwa fünf Prozent der Fälle, bei denen es keinen klaren Befund oder ein eindeutiges Ergebnis gibt.

Sie sind auch immer wieder im Ausland tätig. Wie kommt es zu diesen Einsätzen?

Es kommen immer wieder Anfragen aus dem Ausland an mich heran. Oft aus Ländern, in denen die Strukturen und die Qualität der Rechtsmedizin bei weitem nicht so gut sind wie in Deutschland. Ich sollte zum Beispiel einen mysteriösen Tod eines Bischofs aus Kamerun nachuntersuchen. Vor Ort habe ich herausgefunden, dass der Mann ertrunken war und nicht wie angenommen, Suizid begangen hat. In diesem Fall wurde im Vorfeld schlampig gearbeitet und ich konnte die Todesursache nachweisen. Von diesen besonderen Fällen, wie zum Beispiel der Untersuchung des mysteriösen Todes eines brasilianischen Models in Santiago de Chile oder der Identifizierung der Tsunami-Opfer in Südostasien 2004/2005 erzähle ich dann auch auf der Bühne.

Nicht alle Fälle kann er auf der Bühne zeigen

Wie wählen Sie aus, was Sie bei ihren Liveshows zeigen?

Ich versuche eine gesunde Mischung zwischen spannenden Fällen und Informationen zur Rechtsmedizin zu zeigen. Die Zuschauer sollen in zwei Stunden einerseits unterhalten werden, aber auch Wissen vermittelt bekommen. Es ist eine populär Wissenschaftliche Veranstaltung. Es darf auch gelacht werden.

Zuschauer erhalten bei den Shows Einblicke in den Arbeitsalltag eines Rechtsmediziners. Foto: Axel Gerth

Gibt es auch Fälle, die Sie auf der Bühne nicht zeigen?

Ja, die gibt es. Ich hole mir für alle Fälle das Einverständnis der Angehörigen. Wenn ich das nicht bekomme, zeige ich diese Fälle auch nicht. Und es gibt auch Fälle, die so brutal sind, dass ich Sie nicht auf der Bühne zeigen will. Die Zuschauer sollen mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.

Gehen Sie immer mit einem guten Gefühl nach Hause?

Wir machen in Berlin etwa 2700 Untersuchungen im Jahr. Ich mache in der Regel zwei Untersuchungen pro Tag. Das ist dann ein ganz normaler Prozess und nach einer abgeschlossenen Obduktion ist das auch abgehakt. Die Arbeit macht mir einfach Spaß und ich habe mich nach dem Studium bewusst dafür entschieden. Ich mache das schon mehr als 30 Jahre und entdecke immer noch neue Krankheiten. Das ist das spannende an diesem Job.

Und was hilft Ihnen, wenn Sie dann doch mal abschalten wollen?

Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie oder gehe mit meinem Hund in den Wald. Auch das Pilzesammeln macht mir riesigen Spaß. Ich bin generell gerne in der Natur.

Zur Person

Michael Tsokos,
geboren 1967 in Kiel, leitet seit 2007 das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Zudem war er von 2007 bis 2023 Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Als Botschafter des Deutschen Kindervereins macht Tsokos öffentlich auf Kindesmisshandlung aufmerksam und tritt gegen die Verharmlosung alltäglicher Misshandlungen ein. Seit 2009 veröffentlichte er zahlreiche Bücher, in denen er Einblicke in die Forensik gibt.