Prof. Dr. Eva Scheurer: „Wir können ja nicht jedes Mal in Tränen ausbrechen, sondern müssen uns objektiv und fachlich mit einem Fall auseinandersetzen.“ Foto: zVg/Institut für Rechtsmedizin Basel

Interview: Das Institut für Rechtsmedizin Basel feiert 100-jähriges Bestehen. Unsere Redaktion sprach mit der Leiterin Prof. Dr. Eva Scheurer.

Unsere Redaktion sprach mit der Medizinerin – über ihren Beruf, zynische TV-Rechtsmediziner und Lektionen fürs Leben.

 

Frau Scheurer, die Rechtsmedizin ist ein beliebtes Genre in Film, Fernsehen und Literatur. Zwischen Realität und Fiktion liegen sicher Welten.

Das stimmt. Ich beobachte aber, dass sich die Macher von Fernsehserien anstrengen, inhaltlich und fachlich ein korrektes Bild der Rechtsmedizin zu zeichnen, wenngleich es in der Zeitspanne eines Films gar nicht leistbar ist. Und: In der Rechtsmedizin gibt es viele Tätigkeiten, die für Film und Fernsehen nicht von Interesse sind und daher auch nicht gezeigt werden. Welcher Zuschauer will schon einen Rechtsmediziner sehen, der stundenlang am PC sitzt? Ein weiterer Aspekt: Im Film werden meist alle Untersuchungen gemacht, deren Ergebnisse die Beteiligten weiterbringen. Das finde ich immer schön zu sehen, in der Realität läuft es aber anders ab. Denn die Staatsanwaltschaft ordnet Untersuchungen an. Und die liefern manchmal nicht das erhoffte Ergebnis. Aber auch wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, dient dies der Wahrheitsfindung.

Gibt es auch Momente, in denen sich Ihnen die Nackenhaare aufstellen, weil ein falsches Bild nach außen getragen wird?

Wir Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner sind keine Einzelgänger, wir arbeiten häufig im Team und halten eigentlich täglich Rücksprachen mit Kolleginnen und Kollegen im Institut – das ist schon ein starker Unterschied zu manchem TV-Rechtsmediziner.

Apropos Menschenbild: Oft sind TV-Rechtsmediziner schlecht gelaunt, zynisch und haben eine harte Schale. Braucht es letztere für Ihren Beruf?

In diesem Sinne nicht. Was es aber braucht, ist eine professionelle Distanz zum Geschehen. Wir können ja nicht jedes Mal in Tränen ausbrechen, sondern müssen uns objektiv und fachlich mit einem Fall auseinandersetzen. Zudem braucht es Verständnis und Empathie für die Menschen, mit denen wir zu tun haben.

Ein Meilenstein ist die Computertomographie, die bei vielen Indikationen bei Verstorbenen standardmäßig eingesetzt wird (Symbolfoto). Foto: Pixabay

Schwierig wird es sicher, wenn die Toten im Kindesalter sind.

Gerade bei Kindern nehmen wir Rücksicht darauf, wer als Obduzent am Seziertisch steht. Die Erfahrung zeigt, dass es für Teammitglieder schwierig ist, die selbst Kinder haben. Dann richten wir es so ein, dass eine andere Kollegin oder Kollege die Sektion durchführt und die Distanz gewahrt bleibt. Denn es ist wichtig, mit einer professionellen Objektivität arbeiten zu können – sowohl für den Fall als auch für den Schutz der Mitarbeiter.

Wie gehen Sie mit Fällen um, die einen vielleicht nicht loslassen – trotz professioneller Distanz?

Wir tauschen uns nicht nur regelmäßig im Team aus. Wir bieten unseren Mitarbeitenden auch an, bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn ist es wichtig, seelische Not sofort abzufangen und zu klären, ob es eine längere psychologische Betreuung braucht. Die Betroffenen sollen sich gut aufgehoben fühlen.

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie sich mit ihrem Beruf vorstellen?

Ich weise mich primär als Ärztin aus, damit viele Diskussionen gar nicht erst ins Rollen kommen (lacht). Es ist aber tatsächlich so, dass, wenn man sich als Rechtsmedizinerin vorstellt, dies auf großes Interesse stößt. Der Beruf wird als spannend wahrgenommen.

Rechtsmediziner werden oft als Anwälte der Toten bezeichnet. Passt das für Sie?

Ja, das trifft zu. Wir Rechtsmediziner sind der Wahrheit verpflichtet, und wir versuchen die Umstände, so wie sie waren, ans Licht zu bringen, um so einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Die Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden spielt eine wichtige Rolle (Symbolfoto). Foto: Pixabay

Wie oft kommt es vor, dass Sie bei der Obduktion eine Fremdeinwirkung feststellen?

Das ist wirklich der Ausnahmefall. Aber es kommt schon vor, dass einem an einen Leichenfundort etwas seltsam vorkommt und man aufpassen muss. Was ganz wichtig ist: bei der Arbeit gedanklich frei zu sein. Informationen und Annahmen steuern einen, wir arbeiten aber kontinuierlich daran, uns dessen bewusst zu sein. Zudem besprechen wir die Fälle gemeinsam. So sind stets Kollegen beteiligt, die objektiver sind, weil sie das erste Mal von einem Fall hören und Aspekte neu beleuchten.

Was fasziniert Sie an ihrer Tätigkeit?

Das Zusammenspiel mit den Strafverfolgungsbehörden und Situationen, die noch näher am Menschen sind als am Patienten. Indem man die Wohnungen der Verstorbenen sieht, erfährt man viel über sie. Man muss neugierig sein, und ich glaube, dass man Menschen wirklich mögen und auch ihre negativen Seiten akzeptieren muss.

Sie haben neben Medizin auch Physik studiert. Hilft Ihnen Ihr Zweitstudium bei der Arbeit?

Es ist für mich sehr hilfreich. Denn ich forsche mit Methoden, die stark physikalisch ausgerichtet sind, sprich: Magnetresonanztomografie. Auch das Verständnis für die naturwissenschaftlichen Messmethoden, die wir unter anderem in der forensischen Genetik oder Toxikologie anwenden, hat sich mir so besser erschlossen.

Was viele nicht wissen: Bei Ihnen landen nicht nur Tote. Sie untersuchen auch Lebende. Welche Kriterien rufen die Rechtsmedizin auf den Plan?

Die Rechtsmedizin wird hinzugerufen – wenn keine Anzeige vorliegt auch von den Kolleginnen und Kollegen aus der Klinik – wenn der Verdacht besteht, dass Verletzungen durch Dritteinwirkung entstanden sind oder wenn ereignisnah Spuren gesichert werden sollen, zum Beispiel bei Sexualdelikten. Die Staatsanwaltschaft zieht uns auch bei zur Untersuchung von Tatverdächtigen mit ein. In der forensischen Medizin beträgt das Verhältnis etwa 30 Prozent Lebende / 70 Prozent Verstorbene, über alle Fachbereiche der Rechtsmedizin hinweg etwa 50 / 50.

Die Methoden der forensischen Genetik haben in den 90er-Jahren Einzug gehalten (Symbolfoto). Foto: Arne Dedert/dpa

Die Basler Rechtsmedizin feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Welche Meilensteine gab es, die die Arbeit in der Rechtsmedizin maßgeblich verändert haben?

Da gab es ganz viele. In der forensischen Medizin sind es überwiegend Dokumentationsmittel. Begonnen hat es mit der Fotografie. 1925 gab es eine erste Mitarbeiterin, die bei Obduktionen gezeichnet und Erklärtafeln angefertigt hat, mit denen man Rechtsmedizin lehren konnte. Heutzutage ist die Fotografie ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Dokumentationsmethoden. Ein weiterer Meilenstein ist die Computertomographie, die bei vielen Indikationen bei Verstorbenen standardmäßig eingesetzt wird. So sieht man immer wieder Knochenbrüche, die man andernfalls gar nicht gefunden hätte. Nicht zu verschweigen die Methoden der forensischen Toxikologie und Chemie. Neu in den 90er-Jahren hinzugekommen sind die Methoden der forensischen Genetik. Sie leisten einen unglaublich wertvollen Beitrag in Ermittlungsverfahren.

Und wie hat sich die Rolle der Rechtsmedizin im Laufe der Jahrhunderte verändert?

Bedeutend für die Geschichte der Rechtsmedizin in Basel war Salomon Schönberg, ein junger Pathologe, der als Stadt- und Gerichtsarzt tätig war. Im 19. Jahrhundert stellte er die Forderung, die Rechtsmedizin als hauptamtliche Tätigkeit zu definieren – verknüpft mit einer Professur an der Universität, Personal und Räumlichkeiten. Damit sind eine entscheidende Professionalisierung und eine Spezialisierung einhergegangen. Unterdessen haben sich die forensische Medizin und die Fragestellungen gar nicht so viel verändert. Einem starken Wandel unterlegen war aber das Umfeld. Zum Beispiel gab es früher viel weniger Verkehrstote.

Wie hat sich Ihr Blick auf den Tod als ständiger Begleiter verändert?

Das sensibilisiert einen schon, unter anderem im privaten Umgang mit Familie und Freunden. Man weiß nie, wann das Leben zu Ende ist. Daher sind mir auch enge Kontakte zu Familie und Freunden sehr wichtig.

Abschließende Frage: Was können wir von den Toten für das Leben lernen?

Freundschaften und soziale Kontakte wertzuschätzen und sich nach einem Streit auch schneller wieder zu entschuldigen. Und nicht zuletzt: Das Leben genießen.