Jean-Marie Le Pen bei einer Rede im Wahlkampf 2007 Foto: Michael Sawyer/AP/dpa/Michael Sawyer

Er galt als Frankreichs Scheusal, als rassistischer Hetzer, schlug Gegnerinnen ins Gesicht: Nun ist der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen 96-jährig gestorben. Jahrzehntelang hatte der Gründer des Front National die französische Politik mitgeprägt.

Er galt als Frankreichs Scheusal, als rassistischer Hetzer, gar als Folterer im Algerienkrieg (1954-1962). Jean-Marie Le Pen war stolz darauf und lachte darüber. Er schlug gegnerischen Politikerinnen ins Gesicht, verharmloste die Gaskammern des Zweiten Weltkrieges als „Detail der Geschichte“. Er höhnte gern mit vorgeschobener Unterlippe, und sein ausdrucksloser Blick – geschuldet seinem Glasauge – machte den Mann für die Außenwelt auch nicht gerade einnehmender.

 

Foltervorwürfe gegen Le Pen

Nur einmal erlebte Frankreich seinen Scharfmacher vom Dienst munter und fröhlich. Das war am 21. April 2002, einem Datum, das den Franzosen ein Begriff ist wie den Amerikanern „Nine eleven“. Am „21 avril“ zog Jean-Marie Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen mit 16,9 Prozent der Stimmen in den zweiten Wahlgang gegen Jacques Chirac ein. Den als gesetzt geltenden Sozialisten Lionel Jospin (16,2 Prozent) schlug Le Pen aus dem Feld. Auf der Linken machte sich an jenem Abend Schockstarre breit. Le Pen trällerte hingegen vor Anhängern: „Oh, wie ist das Leben schön, wie ist der Himmel blau.“ Es war sein größter politischer Coup.

In die Politik hatte es den bretonischen Fischersohn schon als 27-Jährigen verschlagen. 1956 war er auf der Liste von Pierre Poujade einst der jüngste Parlamentsabgeordnete Frankreichs gewesen. Er trat für das Kleingewerbe ein, gab mit einem ehemaligen Waffen-SS-Mann politische Schallplatten heraus und pflegte Umgang mit Vichy-Veteranen und anderen Nazi-Kollaborateuren. Er landete im politischen Schmuddeleck und verschwand dann von der Bildfläche. 1958 meldete er sich zum Kriegsdienst in Algerien, wo er laut Augenzeugen als Leutnant auch an Folterungen mit der Gégène (Stromgenerator) teilnahm. Er selbst bestritt das.

1972 kehrte er auf die Pariser Politbühne zurück, als ihn der neofaschistische Ordre Nouveau an die Spitze des neugegründeten Front National stellte. Doch die vermeintliche Marionette Le Pen machte sich selbstständig und eliminierte die Exponenten des Ordre Nouveau. Nur das faschistische Flammensymbol bewahrte er.

Auftrieb erhielt er, als ihm ein reicher Industrieller auf nicht restlos geklärte Weise 30 Millionen Francs (4,6 Millionen Euro) vererbte. So konnte Le Pen auch bei den Präsidentschaftswahlen antreten.

Politisches Scheitern

Sein triumphaler Einzug in das Präsidentschaftsfinale im Jahre 2002 brachte ihn letztlich auch nicht weiter: Das republikanische Frankreich stellte sich geschlossen hinter Chirac (82 Prozent). 2011 hievte er seine Tochter Marine an die FN-Spitze. Das Duo gefiel sich in seiner Doppelrolle: Er gab sich provokativ, sie salonfähig. Aber zwei Le Pens ist einer zu viel. Sie sah ihn bald als Hemmschuh für ihre eigenen Ambitionen und warf ihn 2014 aus der Partei. Er musste zusehen, wie seine Tochter seine Rattenfängerthesen – Remmigration, Todesstrafe, EU-Austritt – abschwächte. Und wie sie bei den Präsidentschaftswahlen 2017 und 2022 im zweiten Durchgang gegen Emmanuel Macron fast 34, dann 42 Prozent der Stimmen machte. Das war doppelt so viele wie er in seinen besten Zeiten geschafft hatte.

Nun ist Marine Le Pen den väterlichen Schatten los. Übersteht sie im März ihren Veruntreuungsprozess, kann sie bei den Präsidentschaftswahlen 2027 antreten und das zerstörerische Werk ihres Vaters vollenden.