Der Stuttgarter Automobilhersteller Mercedes-Benz eröffnete 1997 ein Werk in Tuscaloosa, Alabama. Seit Jahren versucht die einflussreiche Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) mit ihrem Präsidenten Shawn Fein, dort Fuß zu fassen. Foto: Imago/Zuma Press Wire

United Auto Workers attackiert den Stuttgarter Konzern frontal – und beschuldigt einen Vorstand, gegen Mercedes-Grundsätze verstoßen zu haben. Der Beleg dafür ist fraglich.

Schwere Geschütze fährt die United Auto Workers (UAW) gegen Mercedes-Benz auf. Die mächtige US-Gewerkschaft, für deutsche Ohren meist unbekannt, bezichtigt den Stuttgarter Konzern nicht nur des massiven Bruchs von Arbeitsrechten in Alabama, sondern auch der Verletzung des deutschen Lieferkettengesetzes.

 

Ein nun veröffentlichter Bericht, der auch unserer Redaktion vorliegt, trägt den Titel: „Mercedes-Benz vs. Arbeitnehmerrechte in den USA. Wie Mercedes-Benz gegen Gesetze und eigene Prinzipien verstößt, warum Behörden ermitteln – und was sich jetzt ändern muss.“

Auf 48 Seiten listet die Gewerkschaft schwerwiegende Vorwürfe gegen das US-Werk von Mercedes in Tuscaloosa, Alabama auf. In ihrem Bericht behauptet sie, der Konzern habe im Umfeld der Gewerkschaftswahl 2024 systematisch gegen US-Arbeitsrecht sowie gegen seine eigenen, globalen Richtlinien verstoßen.

Unter anderem erhebt die UAW gegen Mercedes-Benz folgende Vorwürfe:

  • Eine aggressive Anti-Gewerkschaftskampagne
  • Verstoß gegen das deutsche Lieferkettengesetz
  • Einschüchterung und Drohung von Beschäftigten mit Arbeitsplatz- und Leistungsverlusten
  • Vergeltungsmaßnahmen gegen Beschäftigte, die sich für die Gewerkschaft engagierten
  • Einsatz externer Berater („Söldner“) kurz vor der Wahl, die Stimmung gegen die Gewerkschaft machen

Anders als in Deutschland können US-Gewerkschaften Beschäftigte nur in Betrieben vertreten, wenn sie eine entsprechende Wahl gewonnen haben. Im Mercedes-Werk Alabama versucht die UAW bereits seit über zwei Jahrzehnten Fuß zu fassen. Bisher scheiterten Kampagnen am starken Widerstand im traditionell gewerkschaftsfernen Süden der USA. Auch die jüngste Wahl im Mai 2024 im Mercedes-Werk Tuscaloosa ging für die UAW verloren: Zwar beteiligten sich über 90 Prozent der rund 5000 Beschäftigten, doch 56 Prozent der Mercedes-Mitarbeiter sprachen sich gegen eine Vertretung durch die UAW aus.

Weitreichende Interpretation eines Videos von Mercedes-Vorstand Jörg Burzer

Ein Vorwurf sticht heraus. Dieser richtet sich gegen Vorstandsmitglied Jörg Burzer persönlich. Laut UAW-Bericht habe Burzer kurz vor der Gewerkschaftswahl 2024 ein „antigewerkschaftliches Video“ für die Belegschaft von Mercedes-Benz US International (MBUSI) aufzeichnen lassen.

Darin, gedreht anlässlich eines Chefwechsels im Werk, spricht Burzer den Satz: „Meiner Meinung nach ist der einzige Weg nach vorne, dass wir als ein Team zusammenarbeiten, um die positiven Veränderungen zu erreichen, die Sie verdienen.“

Jörg Burzer ist seit kurzem Entwicklungsvorstand bei Mercedes-Benz. Zum Zeitpunkt des Videos, dass die UAW anführt, war er Vorstandsmitglied für Produktion, Qualität und Lieferkettenmanagement. Foto: Mercedes-Benz AG

Die UAW interpretiert diese Aussage als „sofortige Ablehnung der Gewerkschaft“. Eine Deutung, die auch Jeremy Kimbrell stützt, ein ehemaliger Mercedes-Mitarbeiter aus Tuscaloosa, der dem Konzern vorwirft, ihn unrechtmäßig entlassen zu haben, weil er sich für die Gewerkschaft einsetzte. Kimbrell sagt, die von Burzer getätigte Formulierung „One Team“, also ein Team, sei im US-Kontext ein Signal gegen gewerkschaftliche Organisierung.

Mercedes spricht von „grober Fehlinterpretation“

Mercedes indes weist diese Interpretation entschieden zurück. Das Unternehmen erklärt: „Jede Behauptung, dass diese Aussage, die in einer Zeit eines großen Führungswechsels zu Einheit und Zusammenarbeit aufruft, eine gewerkschaftsfeindliche Botschaft sei, ist eine grobe Fehlinterpretation und entbehrt jeder Grundlage.“

Die weiteren, im Bericht erhobenen Vorwürfe sind nicht neu. Zu den brisantesten zählen die Anschuldigungen, Mercedes habe gegen das deutsche Lieferkettengesetz verstoßen. Die UAW reichte deshalb bereits im April 2024 Beschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ein.

Die Gewerkschaft argumentiert, die im Gesetz verankerte Pflicht zur Achtung der Vereinigungsfreiheit gelte auch für ausländische Standorte – und Mercedes halte sich nicht daran, verstoße gar gegen eigene Grundsatzerklärungen. Mercedes kommentiert zwar keine laufenden Verfahren, weist aber den generellen Vorwurf zurück, der Konzern habe „in das Recht von Beschäftigten eingegriffen, eine Gewerkschaftsvertretung zu etablieren.“ Auch „Vergeltungsmaßnahmen gegen einzelne Mitarbeitende“ habe es nicht gegeben. Dieser letzte Vorwurf wird derzeit von der unabhängigen US-Behörde National Labor Relations Board (NLRB) geprüft.

Wieso die UAW – mit Unterstützung der Kommunikationsagentur „laut und deutlich“ – gerade jetzt offensiv auf deutsche Medien zugeht, wo doch einige Anschuldigungen bereits fast zwei Jahre zurückliegen?

Jason Wade, Vize-Stabschef erklärt, das Vorgehen von Mercedes gefährde „nicht nur die Marke Mercedes-Benz, sondern auch den Ruf Deutschlands als Wirtschaftsstandort und letztlich deutsche Arbeitsplätze.“ Der Konzernbetriebsrat von Mercedes-Benz beobachte die Aktivitäten der UAW und das Verhalten des Unternehmens in Tuscaloosa sehr genau und bedauere die Entwicklungen, die zu dieser Eskalation geführt haben. „Natürlich sind wir sehr daran interessiert, dass die bestehenden Vorwürfe schnellstmöglich aufgeklärt werden“, so der Konzernbetriebsrat. Deshalb versuche man, gemeinsam mit der globalen Gewerkschaftsföderation IndustriALL alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen.

United Auto Workers

Einflussreich
Mit mehr als einer Million aktiven und pensionierten Mitgliedern in den Vereinigten Staaten, Kanada und Puerto Rico ist die International Union, United Automobile, Aerospace and Agricultural Implement Workers of America (UAW) eine der größten und einflussreichsten Gewerkschaften Nordamerikas.

Mitglieder
Die UAW vertritt Beschäftigte bei weltweit führenden Unternehmen, darunter deutsche Automobilhersteller und Zulieferer wie Volkswagen Group of America, Daimler Truck North America und die ZF Group.