Vergangene Woche waren AfD-Chefin Alice Weidel und Markus Frohnmaier, Ministerpräsidenten-Kandidat, mit Oliver Hilburger, Vorstand der rechten Mercedes-Gewerkschaft „Zentrum“ vor dem Untertürkheimer Mercedes-Werk. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Nicht nur am Werkstor zeigte die AfD Nähe zur rechten Gewerkschaft „Zentrum“. Auch die Kandidatenlisten der Betriebsratswahl legen Verbindungen zur Partei nahe.

Vergangene Woche war die AfD-Chefin Alice Weidel mit dem baden-württembergischen AfD-Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier vor den Werkstoren von Mercedes-Benz in Untertürkheim. Sie ließen sich in der Nähe von Oliver Hilburger fotografieren, dem Vorsitzenden von „Zentrum“ – der rechtsgerichtete Verein, der sich als Gewerkschaft versteht und bei den Mercedes-Betriebsratswahlen antritt. Diente der Auftritt also dem Wahlkampf für die Landtags- oder für die Betriebsratswahl?

 

Die Betriebsratswahlen beginnen bundesweit Anfang März. Und erinnert man sich, gab es einst einen Unvereinbarkeitsbeschluss von AfD und „Zentrum“: So durften sich AfD-Mitglieder nicht gleichzeitig beim „Zentrum“ engagieren, weil das „Zentrum“ der AfD „zu rechtsextrem“ war.

Unvereinbarkeitsbeschluss mit „Zentrum Automobil“ aufgehoben

2022 hob die AfD den Beschluss auf dem Parteitag in Riesa auf, Björn Höcke betonte damals, dass „solche Vorfeldorganisationen“ wichtig wären. Heute pflegen „Zentrum“ und AfD offenbar enge Verbindungen. Das legt eine Analyse unserer Zeitung nahe, für die wir die „Zentrum“-Kandidaten bei Mercedes-Benz in Sindelfingen und Untertürkheim mit den Kandidaten der letzten Kommunalwahl 2024 in Baden-Württemberg verglichen haben.

In dem unserer Zeitung vorliegenden Flyer zu den Sindelfinger „Zentrum“-Kandidaten wirbt Kay Rittweg (Listenplatz 2) offen mit seiner AfD-Mitgliedschaft und bezeichnet sich als „AfD-Funktionär“. Er kandidiert auf Platz 32 der AfD-Landesliste für den Landtag von Baden-Württemberg, sitzt seit 2024 für die AfD im Oberndorfer Gemeinderat und im Kreistag des Landkreises Rottweil. Dort ist er zudem als Kassenprüfer im AfD-Kreisvorstand aktiv. Auf Nachfrage unserer Zeitung antwortete Rittweg, dass er seit 2016 AfD-Mitglied ist.

Kay Rittweg tritt bei der Landtagswahl für die AfD an. Foto: Kay Rittweg

Tübinger Rechtsextremismus-Forscher über „Zentrum Automobil“

Rittweg ist das prominenteste Beispiel für die Verbindungen zwischen AfD und „Zentrum“ – mit Folgen für die anstehende Betriebsratswahl. „Das ist eine gegenseitige Legitimation und ein Signal an die Arbeitnehmer:innen, dass hier nicht nur „Zentrum“, sondern auch die AfD und ihre Inhalte zur Wahl stehen“, erklärt der Politikwissenschaftler Rolf Frankenberger von der Universität Tübingen. Er leitet das dortige Institut für Rechtsextremismusforschung. Die Botschaft sei klar: „Wer AfD will, wählt ‚Zentrum’ – und umgekehrt.“

Der AfD-Landeschef Emil Sänze betont die strategische Nähe zum „Zentrum“. Man sehe „in der Zusammenarbeit mit dem „Zentrum“ eine Chance, die Interessen der Beschäftigten direkt im Betrieb zu stärken und unsere Verankerung in der Arbeitnehmerschaft auszubauen“.


Gemeinsam mit Markus Frohnmaier im Kreistag

Auf Platz 22 des Wahlvorschlags für den Sindelfinger Betriebsrat ist Pascal Stephany zu finden. 2024 wurde er für die AfD gemeinsam mit Markus Frohnmaier in den Böblinger Kreistag gewählt, dem er seither angehört. Frohnmaier schied vergangenes Jahr aus. Auf Nachfrage bestätigt Stephany, sich nach wie vor mit den Zielen der AfD zu identifizieren und noch immer AfD-Mitglied zu sein. „Ob ich allerdings erneut kandidiere, entscheide ich in Absprache mit meiner Familie erst zu Beginn des Wahljahres“, so Stephany. Stephany trat im November 2025 auch bei der öffentlich beachteten Laienrichterwahl für das Verwaltungsgericht Stuttgart an. Anders als der wegen Zweifeln an seiner Verfassungstreue abgelehnte AfD-Kreistagskollege Thomas Hartung wurde Stephany zum Laienrichter berufen.

Auf Listenplatz acht der „Zentrum“-Liste tritt Gudrun Ade an. Sie stammt vermutlich aus einem AfD-nahen Umfeld: Ade trat 2019 und 2024 bei der Kommunalwahl für die „Unabhängige Liste“ in Horb am Neckar an. Auf dieser Liste standen 2019 unter anderem der frühere AfD-Landtagskandidat Roland Tischbein und der ehemalige Calwer AfD-Kreisrat Norbert Richter. 2024 trat zusammen mit Ade auch Hermann Walz an, der als AfD-nah gilt und heute im Horber Gemeinderat sitzt. Wie Ade zur AfD steht und, ob sie Parteimitglied ist, wollte sie auf schriftliche und telefonische Nachfrage hin nicht beantworten.

Auf der Untertürkheimer Liste stehen mehrere ehemalige AfD-Kommunalwahlkandidaten

In dem uns ebenfalls vorliegenden Untertürkheimer Flyer zur Betriebsratswahl betont das „Zentrum“ weniger seine AfD-Nähe und nutzt stattdessen eine populistische Rhetorik. Slogans wie „Kurswechsel statt blindes Vertrauen“ oder „Vetternwirtschaft beenden“ erinnern an AfD-Sprüche. „Das ‚Zentrum’ unterstellt der IG Metall Verschwörungen und Vetternwirtschaft, obwohl sie seit Jahrzehnten Arbeitsplätze sichert“, sagt der Rechtsextremismus-Forscher Rolf Frankenberger. Das Ziel sei es, die IG Metall als Elite darzustellen, die gegen die Interessen der Arbeitnehmer handelt.

Oliver Hilburger und die Neonazi-Band „Noie Werte“

In Untertürkheim steht der „Zentrum“-Vorsitzende Oliver Hilburger auf Listenplatz eins. Er ist Betriebsrat und ehemaliger Gitarrist der Neonazi-Band „Noie Werte“ und „fällt immer wieder durch extrem rechte Agitation auf“, so Frankenberger. Auf Nachfrage erläutert Hilburger, er sei nicht AfD-Mitglied. Mit seinem „Zentrum“-Verein sucht er allerdings immer wieder die Nähe zu der rechtsextremen Partei: 2025 besuchte er auf Einladung der AfD eine Ausschussitzung im Bundestag und stattete der Brandenburger AfD-Landtagsfraktion in Potsdam einen Besuch ab. „Hier gibt es offensichtlich eine Annäherung, von der sich beide Seiten Vorteile versprechen“, erklärt Frankenberger.

Hilburger macht deutlich, dass er Kontakte nicht parteipolitisch begrenzt: „Jeder der sich für unsere Arbeit und unsere gewerkschaftspolitischen Ansichten ernsthaft interessiert, ist für uns ein willkommener Gesprächspartner. Viele politische Entscheidungen haben direkte Auswirkung auf Arbeitnehmer. Von daher ist ein Austausch mit uns zugeneigten politischen Akteuren willkommen.“

Andreas Brandmeier (Listenplatz fünf) ist bereits „Zentrum“-Betriebsrat und – wie Oliver Hilburger – im Vorstand von „Zentrum“ aktiv. Er macht keinen Hehl aus seinem Engagement für „Zentrum“ und AfD: Auf dem 2023 hochgeladenen Foto seiner AfD-Facebook-Seite trägt Brandmeier ein T-Shirt, auf dem das grüne Logo von „Zentrum“ prangt. Brandmeier kandidierte 2024 für die AfD bei der Kommunalwahl in Stuttgart, wurde jedoch nicht gewählt. Seit 2023 ist er Bezirksbeirat der AfD in Zuffenhausen. Bis Redaktionsschluss antwortete Brandmeier nicht auf die Frage, ob er AfD-Mitglied ist. Auch ein Telefonat zu dem Thema glückte nicht.

Auf Platz 119 der „Zentrum“-Kandidatenliste steht Michael Schöffler. Er trat 2019 und 2024 bei der Kommunalwahl für die AfD in Schorndorf an. 2022 rückte er für den verstorbenen Ulrich Bußler nach, wurde 2024 jedoch nicht erneut in den Gemeinderat gewählt. Auf Nachfrage gibt auch Schöffler an, nach wie vor Parteimitglied zu sein und sich noch immer politisch mit der AfD zu identifizieren. Eine weitere Kandidatur für die AfD schließe er aber momentan aus, „weil ich die Zeit meiner Familie widmen möchte.“

Dirk Spaniel und Gattin nicht mehr in der AfD

Eine Ausnahme in dieser Riege ist Sabine Perlitius, die bereits Untertürkheimer Betriebsrätin ist und auf Listenplatz drei für das „Zentrum“ kandidiert. Bei der Kommunalwahl 2024 verpasste die AfD-Kandidatin den Einzug in den Stuttgarter Gemeinderat. Inzwischen hat sie die Partei verlassen: „Die aktuelle Parteiführung und der politische Kurs werden von mir nicht mehr unterstützt“, sagt sie auf Anfrage. Perlitius ist mit dem früheren Stuttgarter AfD-Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel verheiratet, der 2025 die Partei ebenfalls verließ und sich der Werteunion anschloss.

Eine Sprecherin von Mercedes betont, dass Extremismus, Rassismus und Antisemitismus bei Mercedes-Benz keinen Platz haben. „Die AfD vertritt wirtschaftspolitische und Teile der Partei sogar verfassungs- und fremdenfeindliche Positionen, die mit den Werten von Mercedes-Benz nicht vereinbar sind.“ Darüber hinaus positioniere sich Mercedes-Benz klar gegen populistische Panikmache: „Vermeintlich einfache Lösungen können die komplexen politischen Herausforderungen der heutigen Zeit nicht lösen. Stattdessen benötigen wir eine besonnene Politik, die auf den demokratischen Grundwerten und Diplomatie beruht.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 27. Februar 2026 und wurde am 3. März aktualisiert.

Methodik

Kommunalwahl
Um mögliche Verbindungen zwischen der AfD und Zentrum aufzuzeigen, haben wir mithilfe eines Computerskripts die Kandidaten und Mandatsträger der vergangenen Kommunalwahl 2024 mit den Kandidatenlisten des Zentrum in Sindelfingen und Untertürkheim abgeglichen. Am Stuttgarter Standort von Mercedes tritt das Zentrum unseren Recherchen zufolge nicht an. Zudem haben wir geprüft, ob diese Personen auch heute noch in der AfD aktiv sind.

Überprüfung
Um sicherzustellen, dass es sich bei den Namen wirklich um ein und dieselbe Person handelt, wurde die Kandidatenliste mit den Informationen auf den Wahl-Veröffentlichungen sowie Bildern verglichen.