Donaueschinger Realschüler und Lehrer erleben bei ihrem Besuch in den USA eine gespaltene Gesellschaft, aber auch viel Fürsorge. Schon vor der Einreise wird es spannend.
Über 45 Jahre besteht die Partnerschaft zwischen der Realschule Donaueschingen und der Fairview Clifton German School in Cincinnati. Auch in diesem Frühjahr reisten Neuntklässler in die USA und lebten zwei Wochen in Gastfamilien.
Doch die Reise stand zunächst unter keinem guten Stern. „Dieses Jahr stand es zeitweise auf der Kippe, ob wir wirklich in die USA reisen“, berichtet Lehrerin Paola Eggert, die den Austausch erstmals begleitete. Der Grund: verschärfte Einreisebestimmungen. „Die Vorbereitungen waren dieses Mal aufgrund der Einreisebestimmungen umfangreicher als sonst.“
Das ging so weit, dass sich die Jugendlichen im Vorfeld der Reise mit ihren Social-Media-Profilen auseinandersetzen mussten, denn wer als Trump-kritisch gilt, könnte Probleme bei der Einreise bekommen. Eine ungewöhnliche Vorbereitung für eine Klassenfahrt und ein erstes Indiz dafür, dass diese Reise anders werden würde als die bisherigen.
Gefühl der Angst
Und dieses Gefühl bestätigt sich zunächst. „Vor Ort war ein Gefühl der Angst spürbar, das war allgegenwärtig“, sagt Eggert. Besonders eindrücklich waren ihre Erfahrungen in den Gastfamilien. Sie lebte zunächst bei einem lesbischen Paar, danach bei einem gemischt-ethnischen Ehepaar. Beide Familien berichteten von wachsendem Druck und gesellschaftlicher Unsicherheit.
„Sie leiden unter der Trump-Regierung“, erzählt Eggert. Gespräche über den politischen Masterplan „Project 2025“ hätten sie erschüttert. Das „Project 2025“ ist ein politischer Masterplan erzkonservativer und rechter Denkfabriken wie der Heritage Foundation. Ziel ist es, die Macht des Präsidenten auszuweiten, dazu zählt maßgeblich die Beschneidung der Rechte von Minderheiten, wie LGBTQ- und Frauenbewegungen. Auch die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner sei allgegenwärtig gewesen. „Die Empfehlung meiner zweiten Gastfamilie war: Als Schwarzer sollte man nachts nicht alleine auf die Straße.“
Gleichzeitig erlebte die Lehrerin eine große Offenheit gegenüber Europa. „Man merkt, dass es viele US-Amerikaner interessiert, was die Europäer von ihnen halten. Ich wurde ein paar Mal gefragt, wie man denn in Deutschland auf die Trump-Regierung und die Entwicklungen in den USA blicke, und manche haben sich sogar dafür entschuldigt.“ Die Schülerinnen und Schüler selbst hielten sich aus politischen Diskussionen weitgehend heraus. „Es galt in der Gastfamilie die Devise: Einfach nicht über Politik und Trump sprechen“, berichtet Jan Rosenstiel.
Gleich zu Beginn besuchten die Jugendlichen ein Baseballspiel. „Das Stadion war so riesig und die Atmosphäre dort war echt einzigartig. So was kenne ich aus Deutschland nicht“, erzählt Liam Rosenstiel. Auch der Alltag in den Gastfamilien wurde positiv erlebt. „Meine Gastfamilie war unglaublich fürsorglich und viel freundlicher, als ich dachte“, sagt Rosenstiel, ergänzt aber mit einem Schmunzeln: „Das Essen war noch ungesünder, als ursprünglich angenommen.“
Einblick in Schulalltag
Einblicke in den Schulalltag zeigen deutliche Unterschiede. Der Unterricht sei länger und intensiver, berichten die Jugendlichen. „Der Unterricht ging von 8 bis 16 Uhr, mit nur einer kurzen Pause am Mittag“, so Florian Kümmel. Auch die Arbeitsbelastung sei hoch: „Mein Gastbruder hatte jeden Tag so viele Hausaufgaben, er saß auch nach Schulende noch stundenlang am Schreibtisch“, erzählt Liam Rosenstiel.
Zugleich beeindruckte die Schüler das soziale Miteinander. Anders als in Deutschland lernen die Schüler in Kursen statt in festen Klassen. „Dadurch kennt jeder an der Schule jeden, auch zwischen den verschiedenen Altersstufen entstehen Freundschaften, es herrscht ein tolles Miteinander“, beobachtet Jan Rosenstiel. Auch die Digitalisierung fiel auf: „Alle Schüler haben dort mit dem Laptop gearbeitet. Das ist bei uns noch undenkbar“, sagt Florian Kümmel.
Intensive Wochen
Nach zwei intensiven Wochen in Cincinnati wartete zum Abschluss noch ein Höhepunkt: ein Aufenthalt in New York City. „Dort war es so hektisch und so viel los, es herrschte unglaublich viel Verkehr, so was habe ich noch nie gesehen“, zeigt sich Jan Rosenstiel immer noch beeindruckt. In wenigen Wochen kommen die amerikanischen Austauschschüler nach Donaueschingen. „Wir sind jedenfalls schon gespannt, wie es unseren Gastgeschwistern hier gefällt“, sagt Kümmel. „Auch wenn es hier ein bisschen ruhiger ist, als in Cincinnati oder New York.“
Cincinnati, Ohio
Cincinnati
ist eine Großstadt in Ohio, direkt am Ohio River gegenüber von Kentucky. Die Stadt mit rund 310.000 Einwohnern gilt als traditionsreiche „Queen City“ mit viel Industriegeschichte und eigenem Flair. Ohio selbst liegt im Mittleren Westen der USA, mit Städten wie Columbus, Cleveland und Cincinnati, und ist politisch gesehen ein besonders wichtiger Bundesstaat bei US-Wahlen, da dieser als „Swing State“ gilt.