Paare, die sich betrügen, Promis im Dschungel oder die Suche nach der großen Liebe: Reality-TV-Shows boomen. Was macht es mit uns, wenn wir anderen bei Seitensprüngen und beim Dating zuschauen.
Freundesgruppen sitzen donnerstagabends zusammen auf der Couch und schauen zu, wie Heidi Klum das nächste Topmodel krönt. In den Sozialen Medien tauschen sich zahlreiche Nutzer darüber aus, wer denn in diesem Jahr das Dschungelcamp gewinnen sollte. Und Familien verfolgen gemeinsam vor dem Fernseher, wer dem diesjährigen Bachelor das Herz stehlen wird. Reality-TV-Sendungen bringen zahlreiche Menschen vor den Bildschirm. Allein beim Fernsehsender RTL und dessen Streamingplattform sind so viele Sendungen zu sehen, dass man schnell den Überblick verliert. Auch beim Streamingriesen Netflix gibt es mittlerweile Reality-TV-Shows zu sehen. Und während manche die Formate als platte Unterhaltung verdammen, gehört für andere der Abend mit der liebsten Reality-Sendung fest ins Wochenprogramm.
Warum fasziniert es uns so sehr, Menschen beim Verlieben, im Dschungel oder bei Wettbewerben zuzusehen? Dahinter stecken verschiedene Ursachen, weiß Katrin Döveling von der Hochschule Darmstadt. Sie forscht zur Medienpsychologie in Reality-TV-Formaten. Die Sendungen liefern Gesprächsstoff, wie sie erläutert. Auch Voyeurismus spiele eine wichtige Rolle: Die Formate lassen uns in eine andere Welt eintauchen. Und sie lenken ab – von den eigenen alltäglichen Problemen und den großen Krisen in der Welt.
Vergleich mit Teilnehmern lässt Zuschauer sich besser fühlen
Reality TV biete gleichzeitig die Möglichkeit zum „Abwärtsvergleich“: Zuschauer vergleichen sich mit Personen, denen es schlechter geht und fühlen sich dadurch besser. Ein weiterer Grund für die Faszination an den Sendungen ist die parasoziale Interaktion, sagt Döveling. Die Zuschauer bauen Beziehungen zu den Teilnehmern in den Formaten auf. „Man hat das Gefühl, man kennt die Personen, fiebert mit und will wissen, wie es weitergeht.“ Gleichzeitig könne sich der Zuschauer in bestimmte Teilnehmer hineinversetzen. „Dadurch kann man neue Welten ausprobieren vom sicheren Sofa aus“, sagt die Medienexpertin.
Reality TV biete so auch eine Fläche, Werte auszuhandeln. „Das macht die Faszination an den Sendungen aus: Man kann Grenzen ausloten, die man im realen Leben nicht ausloten könnte.“ In einer Sendung wie Temptation Island geht es zum Beispiel um die moralische Frage, wie weit man in einer Beziehung gehen kann. Bei diesem Format stellen Paare ihre Treue auf die Probe. Verführer versuchen die Liebenden zum Seitensprung zu bewegen. Gerade für jüngere Menschen sei es relevant, diese Themen auszuhandeln, sagt Döveling. Denn sie machen sich in ihrem Alltag Gedanken darüber, wie es wäre, sich in jemanden zu verlieben, der fremdgeht. Auch indem Zuschauer über die Sendungen mit anderen sprechen, werden laut der Medienwissenschaftlerin Werte verhandelt.
Warum Dating-Shows so beliebt sind
Gerade Reality-Shows, in denen es um Beziehungen und Liebe geht, sind beliebt wie nie. Es gibt zahlreiche Formate, die Liebe in allen Facetten zeigen. Der Zuschauer kann hautnah beobachten, wie Beziehungen entstehen und zerbrechen. Beim „Bachelor“ kämpfen seit 14 Staffeln regelmäßig 20 Frauen um das Herz eines Junggesellen, bei der „Bachelorette“ umgekehrt. Nach „Temptation Island“ gehen Paare oft getrennte Wege. Im Format „Ex on the beach“ begegnen die Teilnehmer, wie der Name schon sagt, ihren Expartnern am Strand.
Wie man eine Partnerschaft leben möchte, sei eine der grundsätzlichen Fragen unseres Lebens, erklärt der Sexual- und Kommunikationswissenschaftler Richard Lemke die Faszination an Dating-Shows. Abschließend beantwortet sei diese Frage nie. „Und dieser innere Prozess lebt davon, dass ich andere beobachte, dass ich mich mit anderen identifiziere, mich aber auch bewusst abgrenze“, sagt Lemke. Dating-Shows würden diesen Abgleich mit anderen Singles und Paaren ermöglichen.
Toxische Beziehungen, Machos, Seitensprünge
Dabei ist das, was in solchen Formaten zu sehen ist, nicht selten problematisch. Die Sendungen reproduzieren Klischees in Bezug auf beide Geschlechter: Der große, starke Mann, der auch häufig als Macho in Szene gesetzt wird. Und Frauen, bei denen die Frisur perfekt sitzen muss und die sich gegenseitig anzicken. Und auch toxische Beziehungen, in denen die Partner nicht respektvoll miteinander umgehen, sind immer wieder im Fernsehen zu sehen.
Warum schaut man solche Dating Shows – auch wenn das, was dort passiert, nicht zu den eigenen Werten passt? Wenn man es verwerflich findet, dass jemand seinen Partner betrügt, oder selbst nie so eine ungesunde Beziehung führen will, wie sie auf dem Bildschirm zu sehen ist? Zum einen, sei man als Zuschauer stolz darauf, dass man sich moralisch über die Teilnehmer stellen kann, sagt Richard Lemke. Zum anderen sei man unbewusst aber auch neidisch. „Wir wünschen uns manchmal, auch so ungehemmt sein zu können“, erläutert er.
Reality-Shows wirken sich auf Werte und Körperbild aus
Dating-Formate können allerdings durchaus unsere Einstellungen zu Beziehungen und Sexualität beeinflussen. „Als überzeugte, monogam lebende Person werde ich nicht durch ein Format wie Temptation Island von heute auf morgen eine offene Beziehung großartig finden“, sagt der Sexualwissenschaftler. Aber wird in einem Format ein Thema behandelt, das einen gerade im echten Leben beschäftigt, wirke sich das auf die eigene Reflexion aus. „Wenn man als Langzeitsingle gerade stark darüber nachdenkt, dass man eigentlich eine Beziehung haben möchte, ändern Dating-Shows meine Sehnsucht nicht. Aber es kann entlastend sein, sich das anzuschauen und zu denken: Bevor ich solche Beziehungen führe, bin ich lieber single.“
Verhaltensweisen wie dem Partner fremdzugehen könnten außerdem normalisiert werden, wenn sie ständig im Fernsehen gezeigt werden. Richard Lemke bezieht sich auf den Kultivierungseffekt: Wenn Menschen bestimmte Inhalte häufig ansehen, habe das einen Einfluss darauf, wie üblich sie etwas finden. „Ich wäre nicht überrascht, wenn Menschen, die häufig Sendungen wie Temptation Island schauen, die Zahl der Seitensprünge höher einschätzen würden als andere“, sagt der Sexualwissenschaftler. „Und wenn ich finde, es geht sowieso jeder fremd, kann das auch meine eigenen moralischen Maßstäbe verrücken.“
Außerdem wirken sich Reality-TV-Formate auch auf das Körperbild der Zuschauer aus, sagt Katrin Döveling. Männer und Frauen entsprechen in den Shows häufig herkömmlichen Schönheitsidealen: Die Frauen sind schlank, die Männer muskelbepackt. „Wenn jüngere Menschen solche Formate oft sehen, kann das dazu führen, dass sie sich minderwertig fühlen und denken, sie müssten auch so aussehen“, sagt die Medienwissenschaftlerin. Es sei wichtig die Darstellungen in den Formaten kritisch zu hinterfragen und auch im Familienkreis oder in der Schule darüber zu reden, ob das überhaupt realistisch ist. Dem Reality TV also die Realität entgegenzusetzen.