Bürger in Stuttgart wollen mit Kleidung helfen. Foto: Christoph Schmidt

Niemand, der nicht jemanden kennt, der vom Erdbeben betroffen ist: In Stuttgart und der Region ist die Betroffenheit bei den türkischstämmigen Bürgern enorm. Ebenso bei hier lebenden Syrern. Viele versuchen zu helfen – auf unterschiedliche Weise.

Die Türkei weit weg? Nein, das ist sie nicht. Sie ist ganz nah, auch wenn es mehr als 3000 Kilometer Entfernung sind von Stuttgart bis in die von dem Erdbeben erschütterten und zerstörten Regionen. Nah ist die Türkei in den Köpfen und Gedanken der Tausenden von Menschen mit türkischen Wurzeln, die hier in Stuttgart und der Region leben und nun um das Leben und das Wohlergehen ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten im Katastrophengebiet bangen. Viele stehen unter Schock, versuchen Kontakt aufzunehmen.

 

In seinem türkischen Lokal Simitci im Böblinger Einkaufszentrum Mercaden spürt Betreiber Haider Dogan am Dienstag die Schockwellen des Erdbebens. „Normalerweise ist es um die Mittagszeit proppenvoll. Doch heute haben wir 80 Prozent weniger Kundschaft“, sagt der 52-Jährige. „Viele sind zuhause, sie leiden.“ Über den TV-Schirm an der Wand flimmern Schreckensmeldungen aus der Erdbebenregion. „Ich glaube die Zahlen nicht, sie haben wohl eine Null vergessen“, sagt Dogan nicht ohne Bitterkeit. Viele seiner überwiegend türkischen Gäste kennen nur noch dieses eine Gesprächsthema. „Die Freundin eines Stammgastes kann schon den ganzen Morgen ihre Eltern in der Türkei nicht erreichen“, sagt der Gastwirt.

Landtagspräsidentin Aras: „Es zerreißt mir das Herz“

Niemand, der nicht jemanden kennt, der nicht auf die eine oder andere Art und Weise betroffen ist. In Stuttgart, so berichtet die baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras, „leben besonders viele Menschen aus der stark erschütterten Provinz Kahramanmaraş mit der gleichnamigen Hauptstadt: „Sie können bei uns hier von Imbiss zu Imbiss gehen und werden fast überall auf Leute von dort treffen.“ Sie selbst weiß von einem Imbissmitarbeiter, dessen Mutter von Trümmern begraben wurde und der keine Chance haben wird, sie zu bestatten, weil sein Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist. „Es zerreißt mir das Herz“, sagt Aras, die sich zu Wochenbeginn mit der Landesregierung in Brüssel aufhält.

Vergangenen Sommer erst war sie in der jetzt stark zerstörten Stadt Hatay an der Grenze zu Syrien zu Gast auf einer Hochzeit. „Wenn man die Leute kennt und bei ihnen ein und aus geht, berührt einen das noch einmal ganz anders“, sagt sie. Als sie am Montag von dem Erdbeben hörte, tauchten vor ihrem geistigen Auge blitzartig Bilder aus der Kindheit auf. Aras sah sich ins Jahr 1971 zurückversetzt, als in ihrer Heimatstadt Bingöl in Ostanatolien die Erde wackelte. Sie war damals fünf Jahre alt. Wie angewurzelt sei sie stehen geblieben, bis eine Tante sie am Arm gepackt und aus dem Haus gezerrt habe. „Das war plötzlich alles wieder da“, erzählt die Landtagspräsidentin.

Die offiziellen türkischen Kanäle und die inoffiziellen

Ganz nah fühlt sich auch Gökay Sofuoglu den Menschen in der Türkei. „Ich verfolge die Berichte in den türkischen Fernsehkanälen, die live aus dem Katastrophengebiet senden“, sagt der seit vielen Jahren in Stuttgart lebende Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg und in Deutschland. Sofuoglu schaut die offiziellen Kanäle, die davon sprechen, dass die Regierung die Lage bewältige, genauso wie die inoffiziellen, in denen berichtet wird, dass das ganze Ausmaß der Katastrophe noch gar nicht abzuschätzen sei. Wie viele andere, griff er am Montag sofort zum Telefon: „Nach vielen Versuchen habe ich meine Schwester in Kayseri erreicht.“ Die Millionenstadt, die auch seine Heimatstadt ist, liege nicht weit von der Katastrophenregion entfernt.

Sofuoglu lobt die angelaufene Soforthilfe in Deutschland und in vielen europäischen Staaten als wichtiges Zeichen von Solidarität und Anteilnahme, er betont zugleich, wie wichtig es sei, langfristige Hilfe sicherzustellen. Hilfe, die auch dann noch fließt, wenn das öffentliche Interesse an der Katastrophe wieder abebbt. „Viele Leute haben alles verloren. Sie brauchen langfristige Hilfe“, sagt der gelernte Sozialarbeiter. Die Türkische Gemeinde plant deshalb, einen Patenschaftsverein zu reaktivieren, der nach dem verheerenden Erdbeben von Gölcük im August 1999 gegründet worden ist. Damals starben mehr als 18 000 Menschen. Über den Patenschaftsverein konnte Betroffenen über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren direkt geholfen werden. Zwischen den meist deutschen Paten und den türkischen Familien hätten sich sogar Freundschaften entwickelt, sagt Sofuoglu.

„Mit den türkischen Nachbarn sprechen“

Eine persönliche Form von Hilfe wünscht sich auch Muhterem Aras: „Die Sorgen der Menschen anhören, mit den türkischen Nachbarn sprechen, Anteil nehmen. Das hilft“, sagt sie: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Parallel laufen an vielen Stellen in der Region Hilfsaktionen an – kleine und große. Zu den kleineren gehört eine Initiative des Ludwigsburgers Osman Taskin. Er will die Hälfte des Geldes, das er an diesem Donnerstag in seiner Stadtkantine und seinem Imbiss in der Ludwigsburger Kirchstraße einnimmt an die Erdbebenopfer spenden. Die Familie einer Mitarbeiterin sei direkt betroffen, sagt Taskin: „Auch deshalb ist es mir wichtig zu helfen.“

Ähnlich wollen die Veranstalter eines interreligiösen Frauenfrühstücks in Kornwestheim verfahren. In Leonberg ruft ein Lebensmittelhändler eine Sachspendensammlung ins Leben; über Facebook wird um warme Kleidung gebeten. „Die Leute brauchen dringend Hilfe“, sagt Özgür Kavak, der die Aktion gestartet hat. Mit zwei Lkw sollen die Spenden in die Türkei gefahren werden. Nur einige Beispiel von vielen.

Größer angelegt sind die Aktivitäten der Moscheevereine. „In allen unseren mehr als hundert Moscheevereinen sind die Leute aktiv und wollen Hilfsaktionen auf die Beine stellen“, berichtet Ismet Harbi, Vorsitzender des Ditib-Landesverbands Württemberg: „Wir spüren die Solidarität in der türkischen Community, aber auch darüber hinaus. Das freut uns und lindert den Schmerz.“

Geld- oder Sachspenden?

Unterschiedlich fallen die Einschätzungen zum Thema Sachspenden aus. „Viele Vereine organisieren gerade Sammlungen von Sachspenden“, sagt Kerim Arpad vom Deutsch-Türkischen Forum. So verfährt auch die Alevitischen Gemeinde in Stuttgart. Am Donnerstagabend soll ein Lastwagen ins Erdbebengebiet starten. Bis dahin sollen noch möglichst viele Hilfsgüter zusammenkommen, wie der Fellbacher Vorsitzende Orhan Binbir betont. Das Deutsch-Türkische Forum plädiert nach Rücksprache mit Behörden dagegen für Geldspenden. Diesen Weg wählt auch Erdal Senbay, der Dialogbeauftragte der Esslinger Ditib-Moschee in der Rennstraße: „Beim Freitagsgebet wird für die Opfer gebetet und Geld gesammelt“, kündigt er an. Am Samstag und Sonntag werde es weitere Spendenaktionen in der Moschee geben. Das Geld soll an Hilfsorganisationen fließen.

Wie ein Drehbuch für die schlimmste Erdbebenkatastrophe

Serkan Eren, Stuttgarter mit türkischen Wurzeln und Gründer der Organisation Stelp, hat eine ganz eigene, unmittelbare Form der Hilfe entwickelt. Nach den ersten Berichten aus der Türkei und aus Syrien setzte er sich bereits am Montag ins Flugzeug nach Istanbul. Im Gepäck 30 000 Euro, um damit vor Ort dringend benötigte Decken, Medikamente und Hygieneartikel zu kaufen und ins Katastrophengebiet zu bringen. Als er sich am Dienstagvormittag über eine wackelige Telefonverbindung in der Redaktion meldet, hat er mit einem deutsch-türkischen Freund bereits einen großen Lkw mit Hilfsmitteln beladen und ist dabei, von Adana, „in Richtung Epizentrum“ zu fahren.

Hinter ihm liegt ein Horrortrip. Die ganze Nacht über benötigten sie, um bei Nacht im Schneesturm die Strecke von Istanbul bis nach Adana zurückzulegen. Unterwegs sahen sie schweres Gerät im Straßengraben, das für die Bergungsarbeiten benötigt würde. Es kommt alles zusammen. „Wenn man Drehbuch für die schlimmste Erdbebenkatastrophe hätte schreiben müssen, wäre genau das herausgekommen“, sagt Eren. Erdstöße in der Nacht, Schnee, klirrende Kälte. Als sie am Dienstag ihren Lkw besteigen, reißt plötzlich der Himmel auf. Die Sonne strahlt. „Eine absurde Situation“, sagt er am Telefon. Adana ist für ihn so etwas wie der „point of no return“. „Hier enden die Lieferketten.“ Wie lange er im Katastrophengebiet bleiben wird, weiß er noch nicht. „Auf jeden Fall solange bis die großen Organisationen kommen.“ Ihm geht es um Schnelligkeit. Sofuoglou nötigt das Respekt ab, denn: „Die Staaten können nicht alles machen.“

„Die Menschen in Nordsyrien sind allein gelassen“

Und was ist mit Syrien, dessen Norden nicht minder schwer erschüttert worden ist? Die Gesprächspartner in der Region Stuttgart sind rar gesät. Mohammad Abdullah fühlt sich mit seinen Mitstreitern allein auf weiter Flur. 20 bis 30 Leute seien sie, erzählt der 50-Jährige, der vor dem Krieg in seiner Heimat nach Deutschland geflüchtet ist und nun von Stuttgart aus erschüttert auf die von der Natur verursachte zusätzliche Zerstörung blickt – speziell in der Region Idlib, die dem Assad-Regime trotzt. „Die Menschen dort sind allein gelassen und brauchen dringend Hilfe“, appelliert Abdullah. Ähnlich schlimm ist die Situation offenbar auch in dem kurdisch dominierten Afrin. Seine Freunde und er tragen in Deutschland Spenden zusammen so gut sie können: 10, 20, 30 Euro. Kleinbeträge. Für sie ist auch Syrien nicht weit weg, sondern ganz nah.