Der Ruf nach einer Viertagewoche, junge Menschen, die sich angeblich vor Arbeit drücken: Sind die Deutschen faul geworden? Laut Statistik gehören sie zu denen, die in der EU am kürzesten arbeiten. Foto:  

Die Wirtschaft schwächelt. Da hilft nur eins: Mehr Leistung! Meint der Kanzler. Unsere Redaktion hat Vertreter aus Handwerk , Wirtschaft und von der IG Metall dazu befragt.

Merz hat von den Deutschen nun schon des öfteren mehr Leistung gefordert. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, warnte der neue Kanzler. Hat er recht? Ist seinen Landsleuten die vermeintlich deutscheste aller Tugenden abhandengekommen – ihr Fleiß? Unsere Redaktion hat dazu Menschen befragt, die es wissen müssen.

 

Michael Pfütze, Lahr: Pfütze leitet seit 1999 einen Familienbetrieb, der auf Bad-, Energie- und Wärmetechnik sowie Lüftung und Kühlung spezialisiert ist – die Pfütze GmbH mit Sitz in der Theodor-Kaufmann-Straße in Lahr. Außerdem ist er seit 25 Jahren Innungsobermeister der Innung Blechnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Kehl - Hanauerland - Lahr, in der 33 Betriebe organisiert sind.

Im Gespräch mit unserer Redaktion gibt er dem Kanzler in einem Punkt recht: Das Arbeitsvolumen hierzulande sei im internationalen Vergleich tatsächlich niedrig. Dabei bezieht Pfütze sich auf eine Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft mit Sitz in Köln (siehe Info).

Arbeit „von Mensch zu Mensch“ ist besonders anspruchsvoll

Doch er plädiert für einen differenzierten Blick auf die Arbeitsleistung, die in manchen Branchen gefordert sei. Wer „direkt von Mensch zu Mensch“ tätig sei, etwa in der Pflege, sei häufig bis an die Grenzen der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gefordert. Auch in dem Bereich, in dem er selbst arbeitet, seien die Anforderungen hoch. Denn die Kunden erwarteten zurecht, dass zum Beispiel ihre neue Heizung so schnell wie möglich fertig sei. In seinem neunköpfigen Team habe er altgediente Beschäftige mit hoher Eigenmotivation, freut er sich: „Die muss man eher zwingen, Urlaub zu nehmen.“

Für die Forderung von Merz, dass die Deutschen mehr arbeiten sollen, hat Pfütze einen Gegenvorschlag – nämlich, dass Politik und Verwaltung den Handwerksbetrieben mit einem Bürokratie-Abbau unnötige Arbeit ersparen.

Ellen Wagner, Lahr: Die Unternehmerin leitet in zweiter Generation gemeinsam mit ihrem Bruder Ulrich Wagner die Firma Wagner System. Der weltweit agierende Konsumgüterhersteller entwickelt und produziert mit rund 200 Mitarbeitern Alltagsprodukte wie Türstopper, Möbelgleiter- und rollen, Transporthilfen, Pflanzenroller und Wandhaken.

Auf die Frage unserer Redaktion, was sie von der Kanzler-Forderung nach mehr Leistung hält, erwidert sie: „Wie Herr Merz sich ’Mehrarbeit’ konkret vorstellt beziehungsweise insbesondere für Arbeitnehmer möglich und attraktiv machen will, ist mir noch nicht bekannt.“ Sie sei der Ansicht, dass jeder so lange oder so viel arbeiten können soll, wie er möchte. Aus Unternehmersicht werde der Mittelstand aber auf Vollzeit-Arbeitskräfte und eine Fünf-Tage-Woche nicht verzichten können.

Die Firma Wagner beschäftige einen gesunden Mix aus Teilzeit- und Vollzeitkräften. „Und wir arbeiten in der Regel fünf Tage und 40 Stunden in der Woche.“ Dabei sei klar, dass sich für Arbeitgeber die Basis-Personalkosten bei höherer Arbeitsleistung gewinnbringender amortisieren. „Das ist ein wirtschaftlicher Vorteil, aber vermutlich kein ausschließliches Zukunftsmodell, mit dem wir den gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland Rechnung tragen können“, so Wagner.

Maja Reusch, Offenburg: Die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Offenburg betont, dass die Kanzlerworte bei den Betroffenen nicht gut angekommen sind: „Viele fühlen sich durch solche Aussagen nicht nur missverstanden, sondern regelrecht beleidigt. Wer täglich unter schwierigen Bedingungen arbeitet, Überstunden macht, Schichtdienste übernimmt und gleichzeitig Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss – oder wer aufgrund mangelnder Auftragslage das Arbeitszeitkonto zugunsten des Betriebs geplündert hat oder mit weniger Einkommen in Kurzarbeit lebt –, der erwartet  Anerkennung und Unterstützung, keine pauschalen Vorwürfe.“

Die Gewerkschafterin verteidigt die Arbeitnehmer

Reusch wird deutlich: Man erlebe in den Betrieben keine Wohlfühl-Idylle, sondern Auftragsrückgänge und Kurzarbeit. „Die Menschen haben nicht zu wenig Leistungsbereitschaft – sie haben zu wenig Arbeit und echte Zukunftssorgen“, so die Gewerkschafterin. In dieser Lage pauschal mehr Arbeit zu fordern, sei „ein Schlag ins Gesicht derer, die täglich unter schwierigen Bedingungen alles geben“.

Das Problem sei nicht fehlende Arbeitsmoral oder mangelnde Flexibilität, betont Reusch. Wer das Arbeitszeitvolumen wirklich steigern wolle, müsse sich mit den Ursachen für Teilzeit auseinandersetzen – „etwa mit der unzureichenden Kinderbetreuung und der fehlenden Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Die Realität in den Betrieben sei „komplexer als jede Schlagzeile“, so Reusch.

Deutschland ist Drittletzter

Laut einer aktuellen Erhebung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft mit Sitz in Köln liegen die Deutschen mit im Schnitt 1036 Arbeitsstunden pro Jahr auf dem drittletzten Platz des Industrieländerclubs OECD. Nur Franzosen und Belgier arbeiten noch weniger. Am meisten wurde in Neuseeland gearbeitet (rund 1402 Arbeitsstunden).