Boris Palmer blickt auf Tübingen. Seine Arbeit als OB wird von Weggefährten aus der Region vielfach gelobt. Seine bundespolitischen Äußerungen werden dagegen kritisch gesehen. Foto: Marijan Murat/dpa/Marijan Murat

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagt, was ihn an Boris Palmers Austritt aus der grünen Partei beschäftigt. Auch andere Grüne und Wegbegleiter aus anderen Parteien nehmen zu den Vorkommnissen Stellung.

Diese Personalie bewegt die ganze Region: Boris Palmer kann als einer der erfolgreichsten Oberbürgermeister gelten. Jetzt tritt er aus der grünen Partei aus und nimmt sich eine Auszeit.

 

Was sagen Weggefährten, Parteifreunde und Kollegen aus der Region?

Winfried Hermann (Grüne) Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der ursprünglich aus Rottenburg stammt, kommentiert deutlich: „Boris Palmer ist vor allem an sich selbst gescheitert. Für wohlmeinende Ratschläge war er im Lauf seiner politischen Karriere immer weniger zugänglich. Seine fachliche Kompetenz und seine politische Positionierung gepaart mit einem großen Selbstbewusstsein schlugen zunehmend in Rechthaberei um. Sein Erfolgsmaßstab war immer die mediale Resonanz seines Tuns und seiner Meinungsäußerungen.“

Verkehrsminster Winfried Hermann findet deutliche Worte in Bezug auf Palmers Verhalten. Foto: dpa

Hermann weiter: „Schnelle, nicht wirklich reflektierte oder provokative Äußerungen im Kontrast zu den Grünen waren sein ‚Erfolgsmodell‘, das ihn auch regelmäßig in Talkshows brachte. Er wollte nie werden wie sein Vater und wurde es zunehmend: Zuspitzen, bisweilen beleidigend formulieren, Tabus brechen, sich dann über den Gegenwind aufregen und sich prompt als Opfer stilisieren. Ich wünsche ihm, dass ihn die Entscheidung, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, bei der angestrebten Verhaltensänderung unterstützt!“

Matthias Gastel (Grüne) Der bundespolitischer Bahn-Sprecher der Grünen und – ebenso wie Verkehrsminister Hermann – bei der Eröffnung des Black Forest Terminals in Horb dabei: „Jeder kann mal unüberlegt, ja sogar dumm etwas daherreden. Was geschehen kann, geschieht, und man kann auch mal darüber hinwegsehen. Bei Palmer haben Provokationen, ja sogar Verunglimpfungen von Minderheiten sowie völlig absurde Vergleiche wie jetzt mit dem Judenstern System. Sie wiederholen sich, weil Palmer ein großes Geltungsbedürfnis hat, gerne Empörungen auslöst um sich anschließend verwundert darüber zu zeigen. Verdienste, die er sich als Oberbürgermeister in der Umwelt-, Klima- und Verkehrspolitik erworben hat, geraten angesichts dessen selbstverschuldet in den Hintergrund. Viele Äußerungen bewegen sich in diametralem Widerspruch zu grüner Politik. Wir stehen als wertegeleitete Partei für Respekt und Empathie anderen Menschen gegenüber. Daher ist sein Austritt für beide Seiten die beste Lösung.“

Michael Theurer (FDP) FDP-Landesvorsitzender Michael Theurer hat als OB von Horb einige Jahre mit seinem Tübinger Amtskollegen zusammengearbeitet. Doch nun schweigt er lieber. „Ich möchte dazu keine Stellungnahme abgeben.“

Kathrin Schindele (CDU) Die Landtagsabgeordnete: „Ich respektiere die Entscheidung von Boris Palmer. Weitere Bewertungen kann ich zu den Vorgängen nicht abgeben.“

Timm Kern (FDP) Der Landtagsabgeordnete Timm Kern sagt: „Boris Palmer hat als Oberbürgermeister von Tübingen unbestritten Erfolge vorzuweisen. Gleichzeitig steht er sich immer wieder mit seinen polarisierenden und provozierenden Äußerungen selbst im Weg. Derartige Äußerungen und Vergleiche zur NS-Zeit sind völlig unangemessen und helfen in der Debatte nicht.“

Seine Entscheidung, bei den Grünen auszutreten, sei von ihm als Außenstehendem nicht zu bewerten. „Vor seiner Entscheidung, sich eine Auszeit zu nehmen, habe ich Respekt. Ich wünsche ihm, dass er in dieser Auszeit für sich und seine Familie wieder mehr Ruhe findet“, sagt Kern, der vor einigen Jahren selbst wegen eines Burnouts eine Auszeit genommen hatte.

Kristina Sauter (Grüne) Die Ur-Grüne Kristina Sauter, Stadträtin in Horb, sieht die Entscheidung von Palmer ebenfalls als folgerichtig an. „Es kommt immer wieder zu Überreaktionen, mit denen er den Leuten vor den Kopf stößt. Als erwachsenem Mann, der in Amt und Würden ist, sollte das nicht passieren. Seine Reaktion ist daher jetzt sehr gut.“ Sie schätze ihn als OB von Tübingen. „Er hat viel zustandegebracht.“ Sauter denkt, dass sein Abschied nicht für immer sein wird: „Ich glaube nicht, dass wir ihn verlieren. Entweder bleibt er parteilos, aber er wird immer ein Grüner in seiner Politik bleiben. Oder er kehrt, wenn er demütiger geworden ist, wieder zu den Grünen zurück. Wenn er sagen kann: ‘Jetzt kann ich mich den Grünen wieder zumuten‘.“

Stephan Neher (CDU) Und was sagt Rottenburgs OB Stephan Neher (CDU)? Vor wenigen Tagen hatte er Palmer wegen „rassistischer und rechtspopulistischer Äußerungen“ kritisiert, obwohl sie sich freundschaftlich verbunden fühlen. Hat er nun zum „Palmer-Beben“ beigetragen? „Das hoffe ich nicht“, antwortet er. Zu Palmers Auftreten in der Vergangenheit eine klare Meinung: „Man muss als Oberbürgermeister nicht zu jedem Thema seine Meinung sagen.“ Sein Gemeinderat habe ihm oft Signale ausgesendet, sich überregional etwas mehr zurückzuhalten und nicht über „jedes Stöckchen zu springen“. Dass er es könne, habe Palmer vor der OB-Wahl bewiesen. Neher findet es erstaunlich, wie Palmer es schaffe, ständig überall präsent zu sein und sogar einzelne Facebook-Beiträge zu kommentieren. „Mich wundert das ehrlich gesagt.“

Zu den Vorkommnissen in Frankfurt sagt Neher: „Man kann sich schon mal hinreißen lassen, aber man sollte es nicht noch verteidigen.“ Neher und Palmer betonten zuletzt, sich persönlich gut zu verstehen. Wird der Rottenburger OB nun Kontakt mit ihm aufnehmen? „So eng sind wir nicht befreundet. aber wenn er einen Gesprächspartner benötigt, kann er sich gerne bei mir melden.“

Wolf Hoffmann (Grüne) Mit Bedauern äußert sich Wolf Hoffmann, Mitglied der Grünen Kreisverbandes Freudenstadt und Stadtrat in Horb: „Die Fehler von Boris Palmer sind nicht entschuldbar, eine in der Gesellschaft zu beobachtende ‘Verurteilungskultur‘ halte ich für bedenklich. Das Wählervotum der OB Wahl sprach ein anderes Bild, gerade weil er auch andere Meinungen als den Mainstream vertritt. Sein Austritt bedeutet einen Verlust von Vielfalt in der Partei.“

Chris Kühn (Grüne) Chris Kühn, Bundestagsabgeordneter der Grünen für den Landkreis Tübingen, hat den Parteiaustritt von Boris Palmer als konsequenten Schritt bezeichnet. Kühn, der einige Jahre im Tübinger Kreisvorstand der Grünen saß und Landeschef der Grünen war, galt als parteiinterner Gegner Palmers. Zu den Vorgängen in Frankfurt hatte Kühn am Samstag getwittert, dass er sich als Tübinger wieder einmal für den Oberbürgermeister seiner Heimatstadt schäme.