Junge private Raumfahrtfirmen stellen ein neues Wirtschaftssegment dar, das sich global rasant entwickelt. Es hat das Zeug zur neuen Basistechnologie – auch für die Autoindustrie.
München - New Space ist ein Begriff, mit dem lange nur Fachleute etwas anfangen konnten. Er steht für eine neue Art privater Raumfahrtfirmen – von denen Elon Musks SpaceX in den USA die bekannteste sein dürfte.
Aber auch hierzulande gibt es immer mehr Hersteller innovativer Trägerraketen wie Isar Aerospace oder Planer innovativer Satellitennetze wie Ororatech zur Überwachung von Waldbränden aus dem All. Technologisch habe man in Deutschland und europaweit viel zu bieten, findet Rafaela Kraus. „Europa hat die Chance, im Weltraumgeschäft der Zukunft ernsthaft mitzumischen“, sagt die Professorin der Bundeswehr-Universität in München und steht damit nicht allein.
Die auf die Branche spezialisierte Uni fördert seit Kurzem mit der französischen Raumfahrtagentur CNES als Partner unter der Dachorganisation Space Founders New-Space-Start-ups mit Potenzial vor allem aus Frankreich und Deutschland. Die benötigten so dringend wie rasch Hilfe, um gegen außereuropäische Konkurrenz bestehen zu können, sagt die Professorin für Personal- und Unternehmensführung, die Space Founders mit ins Leben gerufen hat.
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Der BDI warnt, Deutschland verliere den Anschluss
„Deutschland steht vor einer entscheidenden Wegmarke und muss aufpassen, dass es nicht den Anschluss verliert“, warnt auch Matthias Wachter. Er ist New-Space-Experte des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und sieht nicht nur die USA im New Space immer weiter enteilen, sondern auch China als aufstrebende Weltraummacht im Steigflug.
Bedrohlich wird das, weil sich die neue Form der Raumfahrt nicht mehr wie die traditionelle auf sich selbst konzentriert. „Der Hauptgrund für das Engagement des BDI ist die Verzahnung mit anderen Industrien“, erklärt Wachter und nennt satellitengestützte Präzisionslandwirtschaft, vernetzte Fabriken der nahen Zukunft sowie die Autoindustrie.
Moderne Autos als fahrende Computer auf vier Rädern bekommen ihre Software-Updates und digitalen Informationen immer öfter per Satellit und Mobilfunk. Spätestens wenn die Fahrzeuge massenweise autonom fahren, werden Satellitenverbindungen zum strategischen Wert, betont der BDI.
Früh erkannt hat das der chinesische Autohersteller und Daimler-Großaktionär Geely, der für mehrere Hundert Millionen Euro gerade ein Satellitensystem zur Navigation und Breitbandkommunikation autonom fahrender Autos aufbaut.
Satellitenverbindungen werden zum strategischen Wert
Weiter ist US-Milliardär Elon Musk mit seinem satellitenbasierten Internetdienst Starlink, der bereits gut 1700 Satelliten zählt. Der Start knapp 12 000 weiterer ist genehmigt, und Anträge für bis zu 30 000 zusätzliche der künstlichen Himmelskörper sind gestellt.
Experten warnen, dass Multiunternehmer Musk das System für seine Autofirma Tesla nutzen und Wettbewerbsvorteile schaffen könnte. In Deutschland hat die VW-Holding Porsche SE die Zeichen der Zeit erkannt und sich an Isar Aerospace beteiligt. Dieser Entwickler von Trägerraketen made in Germany gilt als das am besten finanzierte New-Space-Start-up Europas.
Erstmals erfasst wurde die heimische Branche vom Berliner Beratungsunternehmen Capitol Momentum. 92 Jungfirmen mit rund 3000 Beschäftigten listet es in einer aktuellen Studie auf. Zwei Drittel davon machen bereits Geschäfte und kommen in der Summe auf 873 Millionen Euro Jahresumsatz, was knapp ein Drittel aller deutschen Raumfahrtaktivitäten darstellt. Ermittelt wurde auch, dass drei von vier New-Space-Kunden aus Raumfahrt-fernen Industrien kommen. Das stützt die These der strategischen Bedeutung von New Space.
Investoren zeigen sich interessiert
308 Millionen Euro haben Investoren 2020 in deutsche New-Space-Start-ups gesteckt. 2021 zeichnet sich ein weiteres Rekordjahr bei der Finanzierung ab. Das ist keine schlechte Zwischenbilanz für eine Branche, deren Firmen laut Studie zu einem Drittel erst maximal fünf Jahre alt sind.
Mehr Geld notwendig
Verglichen mit den USA, wo allein SpaceX Milliardensummen zufließen, bleibt die hiesige Finanzierung aber immer noch ein Wachstumshemmnis. Das gilt auch für staatliche Gelder, kritisiert der BDI. Knapp 300 Millionen Euro weise das nationale Programm für Weltraum und Innovation in Deutschland aus. In Frankreich seien es jährlich 750 Millionen Euro. Auf mindestens diese Summe müsse auch die neue Bundesregierung rasch aufstocken, fordert der BDI.
„Die Branche braucht mehrere Hundert Millionen Euro jährlich, wenn man etwas bewegen will“, sagt Kraus. Zugleich bezweifelt sie, ob nationale Förderung allein gegen Konkurrenz aus USA oder China reicht. „New Space würde besser funktionieren, wenn Europa zusammenstünde“, mahnt die Expertin. Die Space Founders wollen den paneuropäischen Schulterschluss vormachen, auch weil New Space innovative Grundlagen für Megatrends wie Digitalisierung oder Umweltschutz bietet.
Der BDI fordert einen Systemwechsel in der Förderpraxis nach US-Vorbild, wo der Staat als entscheidender Ankerkunde für steten Geldfluss unter New-Space-Firmen sorgt. „Regierungen müssen als Kunden, nicht als Planer auftreten“, fordert Wachter. Das würde dann auch mehr privates Kapital anziehen und einen sich selbst verstärkenden Effekt auslösen.