Bernd und Kathrin Vogelbacher halten insgesamt 200 Ziegen und Schafe, 150 Lämmer sowie sechs Mutterkühe, sechs Kälber und einen Bullen. Foto: Florian Dürr

Im Schwarzwald wurde erstmals wieder ein Wolfspaar gesichtet. Es könnte sein, dass sich nun ein Rudel bildet. Wie ist nun die Stimmung bei Landwirten und Tierhaltern? Und ist die Angst aus Sicht von Experten berechtigt? Ein Besuch in Schluchsee.

Die Lämmer und Zicklein springen aufgeregt durch den Stall, wirbeln Stroh auf und knabbern mit ihren Mäulern alles an, was sie interessant finden. Sie sind neugierig – auch auf das, was hinter den hohen Stallwänden im Südschwarzwald auf sie wartet. Noch sind sie im geschützten Bereich des Biohofs Vogelbacher in der Gemeinde Schluchsee. Doch sobald sie im April raus auf die Weide dürfen, schützt sie nur noch ein Elektrozaun. Auf der anderen Seite des Zauns streift in der Region ein Wolfspaar, wie das Bild einer Fotofalle zeigt.

 

„Es ist Zufall, dass sich in Baden-Württemberg bis zuletzt kein weibliches Tier angesiedelt hatte“, sagt Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA). In den kommenden Wochen werden der Wildtierbiologe und seine Kollegen genau beobachten, ob sich nun tatsächlich eine Familie bildet.

Wölfe können ganze Herde in Panik versetzen

Ein Rudel Wölfe könnte nicht nur in den Lämmern und Zicklein, sondern auch in den ausgewachsenen Schafen und Ziegen von Bernd und Kathrin Vogelbacher sowie anderen Bauern in der Region leichte Beute sehen. „Wenn ein Wolf ein Schaf jagt, versetzt das die ganze Herde in Panik. Das ist nicht nur wegen des Geldwerts ein Thema, sondern auch emotional, weil uns die Tiere ans Herz wachsen“, sagt Kathrin Vogelbacher.

Die Landwirte wappnen sich mit wolfsicheren Zäunen, die mit über einem Meter etwas höher sind als herkömmliche und vom Land Baden-Württemberg finanziert werden. Doch es gibt die Befürchtung, dass das ein mögliches Rudel nicht abhält. „Unsere Hunde springen da aus dem Stand drüber. Wenn der Wolf will, dann kommt er da auch drüber“, sagt Martin Würtenberger, der sich um seine 400 Schafe sorgt. „Im Moment schlafen wir noch gut, weil sie im Stall sind, aber wenn sie draußen sind, nicht mehr.“

Ein Herdenschutzhund sei keine Option

Doch sowohl das Umweltministerium als auch die FVA beruhigen Tierhaltende: Sie müssten sich keine Sorgen machen, solange diese die Schutzmaßnahmen befolgten, heißt es. Tatsächlich hat bisher kein einziger Wolf in Baden-Württemberg einen Herdenschutz überwunden, der von den Experten empfohlen wird. Dazu gehören etwa die Elektrozäune, aber auch die Behirtung oder der Einsatz von Herdenschutzhunden. Letztere seien sowohl für die Vogelbachers als auch für Würtenberger keine Option: „Die Herdenschutzhunde bellen auch gegen andere Hunde und in der Nacht, das gibt Theater mit den Anwohnern“, sagt er. „Sobald sich ein Wolf auffällig verhält, muss man ihn abschießen, damit er sich nicht vermehrt.“

Aus Sicht der Experten erhöhe sich die Gefahr nicht, wenn sich ein Rudel bilde. „Wenn man Herdenschutz in den Wolfsgebieten umsetzt, kann man bei einem Rudel sogar eine geringere Gefahr haben“, sagt Herdtfelder. Denn wenn eine Wolfsfamilie an einem Ort bliebe, wisse diese genau, welche Zäune sie nicht überwinden könne. Das sei bei durchziehenden Tieren anders.

Schafzüchter fordern Obergrenze für Wölfe

Die Schafzüchter im Land sehen das anders; sie sind alarmiert. „Herdenschutzmaßnahmen schützen nicht immer zu 100 Prozent“, sagte die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbands, Anette Wohlfarth. Sie spricht von einer existenziellen Bedrohung für die Weidetierhaltung. Der Verband fordert eine Obergrenze für Wölfe im Land.

Im Umweltministerium gibt man sich gelassen

In dem von der Grünen-Politikerin Thekla Walker geführten Umweltministerium zeigt man sich unterdessen überrascht über die Aussagen des Landwirtschaftsministers Peter Hauk (CDU). Der hatte von „Alarmstufe Rot für Mensch, Weidetier und Biodiversität im Schwarzwald“ gesprochen in Bezug auf das gesichtete Wolfspaar. In einem dicht besiedelten, touristischen Gebiet wie dem Schwarzwald wäre ein Wolfsrudel nach der Einschätzung von Hauk nicht tragbar. „Uns wundert das, weil das Agrarministerium am Wolfsmanagement-Plan beteiligt war“, sagt Matthias Schmid, ein Sprecher des Umweltministeriums. Wölfe haben in Deutschland keine natürlichen Feinde und stehen als streng geschützte Art unter Naturschutz. Das Abschießen ist verboten, es sei denn, die eigentlich menschenscheuen Tiere verhalten sich aggressiv oder springen mehrfach über Zäune. Wird ein Tier dann durch einen Wolf verletzt oder getötet, bekommt der Halter alle Kosten vom Land ersetzt.

„Wir sind nicht anti Wolf“, sagt die Landwirtin

Die Vogelbachers verfallen nicht in Panik: „Mit dem Schluchsee-Wolf hatten wir nie Probleme, wir müssen abwarten, was ein mögliches Rudel macht“, sagt Bernd Vogelbacher. Seine Frau ergänzt: „Wir sind nicht anti Wolf, die dürfen gern ein Rudel bilden.“ Nur bitte hinter dem Zaun – damit die Lämmer und Zicklein auch im Freien ihre Neugier in Sicherheit ausleben können.