Eine Schar an Narren stürmte am Schmotzigen Donnerstag, 27. Februar das Rathaus in Freudenstadt. Ihr Ziel? Ein anderes als sonst. Dieses Jahr hatten sie es auf den neuen Oberbürgermeister Adrian Sonder abgesehen. Jedoch hatte der sich in seinem neuen Amtssitz offenbar bereits so gut eingelebt, dass er ihn den Narren zumindest nicht ohne Protest überlassen wollte.
Zahlreiche närrische Gestalten zogen um 16 Uhr, angeführt von Zunftmeister Derk Wittnebel, zum traditionellen Rathaussturm auf den oberen Marktplatz. Musikalisch untermalt wurde die Szenerie mit dem Pop-Song „Major Tom“, gespielt von den Grenzweg-Sinfonikern Kniebis.
„He, Schultes, mach sell Rathaus frei, denn ab heit regiert die Narretei“, forderte der Anführer der Narrenschar. Sonder blieb kein anderer Ausweg, nur die Flucht nach vorn. „Ich weiche nur roher Gewalt, das Chaos regiert in Eurer Gestalt“, entgegnete er – verkleidet als Dracula am Fenster thronend – den Narren.
Kurz darauf verschwand sein blass geschminktes Gesicht auch schon vom Fenster und tauchte erst wieder auf, als er schon in Ketten gelegt von mehreren Bärenfängern und Bären aus dem Rathaus gezerrt wurde.
Keine Sonderbehandlung
Vor dem Rathaus machten die versammelten Narren dann dem Stadtoberhaupt den Prozess. Nur weil Sonder noch recht neu im Amt ist, hatte er sich bei den Narren jedoch keine Sonderbehandlung verdient. „Waas, jetzt ham ma ganz Christophstal für die Gartenschau omgraben, die Rußhütte für viel Geld von der Stadt ins Tal nah’ tragen“, klagten die Narren.
Auch die Haushaltssperre und die Ladenschließungen am Marktplatz blieben nicht unerwähnt. Die Loßburger Straße gebe auch nicht mehr viel her. „Brauchsch du a Zahnpasta oder vielleicht ebbes zom esse, des kasch in dera Stroß echt vergessa“, klagten die Narren.
Gemeinsam für Freudenstadt
Allerdings sei nicht alles schlecht. Immerhin habe man wieder den Weihnachtsmarkt und auch über das Stadtfest freute man sich, mussten die Narren gestehen. „Denn wir sind gemeinsam für Freudenstadt, das ist klar“, hieß es von den Narren.
„Der Umzug der Rußhütte ist für Freudenstadt doch ein Segen. Es gibt Platz für den Tunnel, das neue Dach das schützt vor Regen“, versuchte Sonder sich zu verteidigen. „Na gut, es gibt keine Zahnpaste von Friscodent. Aber mal ehrlich: gehört das zum Zentrums-Sortiment?“, fragte er die Ankläger. Er sei sich sicher, dass man in seiner Stadt noch immer alles bekommt.
In Bezug auf den teuren Umzug der Rußhütte erklärte er „Die Finanzierung ist doch für uns das Refugium, und die Rechnung bezahlt das Regierungspräsidium.“ Auch dürfte man nicht vergessen, dass die Gartenschau viele Gäste in die Stadt bringe, was wiederum dem Handel nutze.
„SONDER-Einsatz“
Mit den Worten „Jetzt trete ich halt ab und räum brav das Feld. Hier ist der Schlüssel, leider fehlt’s grad am Geld“ übergab Sonder den Narren symbolisch den Schlüssel der Stadt. „Ihr wisst ja: jedem zur Freude und niemand zum Leid. Ade, macht’s mal gut, eine glückselige Zeit!“, dichtete er noch.
Für gute Stimmung sorgten allerdings auch die verschiedenen Ämter der Stadt, die im Anschluss beim Kostümwettbewerb gegeneinander antraten. So kamen die Mitarbeiter des Amts für Migration und Flüchtlinge verkleidet als Barbies in ihren Plastikboxen. Die Mitarbeiter des Tourismusamts erlaubten sich, verkleidet als SEK-Mitglieder, einen Witz mit dem Wort „SONDER-Einsatz-Kommando“.
Zum Schluss wurde dem Hospizdienst Freudenstadt, noch ein Scheck in Höhe von 1111 Euro von den Narren übergeben.