Nachdem er selbst schwer vom Schicksal getroffen wurde, hat sich Mario Dieringer das Ziel gesetzt, sich für das Gedenken von Suizidopfer einzusetzen. Dafür läuft er durch ganz Deutschland und pflanzt Bäume. Ihm ist es wichtig, die Stigmatisierung zu beenden und ohne Vorurteile aufzuklären.
Rangendingen - Der 54-Jährige weiß wovon er redet, wenn er sagt: "Ich fühlte mich wie eine Marionette. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit, wenn das Gehirn eigenmächtig agiert." 30 Jahre lang hat er selbst an einer Depression gelitten. 2014 wurde er nach einem Suizidversuch reanimiert.
Zwei Jahre später suizidierte sich sein Lebenspartner. "Diese Zeit in meinem Leben war sehr schwer", berichtet Dieringer. "Ich musste sowohl mit Trauer und Schmerz sowie Schuldvorwürfen leben. Ich habe praktisch sechs Monate durchgeheult, es war wirklich furchtbar." Seine Geschichte hat der 54-Jährige mittlerweile auch in seinem Buch "Psychisch erkältet" verarbeitet.
Danach hat er seinen Alltag komplett hinter sich gelassen und sich voll und ganz einer neuen Lebensaufgabe gewidmet: Er initiierte das Projekt "Trees of Memory". "Ich stand unter der Dusche und plötzlich kam mir diese bekloppte Idee: Pflanze Bäume der Erinnerung. Es war ein lebensrettender Gedanke, der mir wieder einen Lebenssinn gegeben hat", sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.
Weniger Tage später hat er angefangen eine Webseite zu erstellen, sich auf Facebook zu vernetzen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit seinem Lauf quer durch Deutschland möchte er auf die stetig steigenden Suizidzahlen aufmerksam machen.
Den ersten Baum hat er im März 2018 in Frankfurt gepflanzt. Mittlerweile stehen 32 Bäume in ganz Deutschland. Der letzte wurde vor wenigen Wochen in Tübingen gepflanzt. "Zehn bis 15 weitere sind derzeit in Planung." Insgesamt ist Dieringer für sein Projekt bereits über 5000 Kilometer gelaufen.
Die Formulierungen "Selbstmord" und "Freitod" sieht Dieringer sehr kritisch
Über den Winter sammelt er die Anfragen zu neuen Bäumen und stellt sich anhand der verschiedenen Standorte eine Route zusammen, die er dann zusammen mit seinem umgebauten Fahrradwagen und seinem Hund abläuft. Auf seinem Weg versucht er auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zu dem Thema zu sensibilisieren.
"Ich möchte, dass dieses Märchen vom ›Freitod‹ aufhört, das suggeriert, es war der Wille der Person, sich das Leben zu nehmen", kritisiert Dieringer. Es sind in aller Regel psychische Erkrankungen wie schwere Depressionen, die zum Suizid führen, sagt er. Diese Art der Aufklärung werde durch dieses Wort erschwert. "Der Suizid ist ausnahmslos das letzte Symptom einer psychischen Erkrankung."
Auch die Formulierung "Selbstmord" sieht Dieringer sehr kritisch. "Dieses Wort ist extrem stigmatisierend und außerdem faktisch nicht korrekt. Mord wird als heimtückische Tat aus niederen Beweggründen definiert." Das sei bei einem Suizid nicht gegeben.
Besonders schlimm sei jedoch, so Dieringer, dass Hinterbliebene häufig zusätzlich unter einer starken Stigmatisierung leiden müssen. "Häufig heißt es: ›Dir hätte doch etwas auffallen müssen.‹ oder ›Wie kannst du nicht merken, dass es deinem Kind schlecht geht?‹" Im schlimmsten Fall kommt es zu Schuldzuweisungen. Er selbst wurde nach dem Tod seines Lebenspartners teilweise damit konfrontiert.
"In der Altersklasse 13 bis 25 ist Suizid die zweithäufigste Todesursache", sagt Dieringer. Man dürfe das Phänomen nicht unterschätzen. Corona habe das Phänomen durch die Lockdown-Isolation möglicherweise nochmals verstärkt, so der 54-Jährige.
Im kommenden Jahr möchte er sich in Richtung Österreich aufmachen
An diesem Mittwoch wird sich Dieringer auf dem Weg in Richtung Bechtoldsweiler machen. Seine Route wird ihn schließlich nach Herrenberg führen, dort soll der nächste Baum gepflanzt werden. Anschließend geht es dann Richtung Altensteig weiter. Sein diesjähriger Lauf soll am 10. Oktober in Berchtesgaden enden. Im kommenden Jahr möchte er sich dann in Richtung Österreich aufmachen.
Wer einen Baum in Auftrag geben möchte oder sich zu dem Thema austauschen möchte, kann sich unter 0176 / 58 88 04 35 direkt an Mario Dieringer wenden. Auf seiner Webseite www.treesof memory.com finden sich außerdem weitere Informationen zu seinem Projekt.
Darüber hinaus gibt es den gemeinnützigen Verein "Trees of Memory e.V.", der im November 2017 in Frankfurt gegründet wurde. Die derzeit 50 ehrenamtlichen Mitglieder tragen die Idee und das Engagement von Dieringer weiter. Weitere Infos dazu lassen sich unter www.treesofmemory-ev.com finden.
Anmerkung der Redaktion: Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie bei der Telefonseelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: www.suizidprophylaxe.de.