Die Spur für seine weiteren Recherchen fand Pfarrer i.R. Norbert Dilger im Verkündbuch der Rangendinger St. Gallusgemeinde – geschrieben vom verstorbenen Pfarrer Stephan GauggelFoto: Beiter Foto: Schwarzwälder Bote

Kirche: Norbert Dilger rekonstruiert Besuch der Jugendgruppe und bringt "Licht ins Dunkel" eines mutmaßlichen Missbrauchsfalls

Die Spuren eines Missbrauchsfalls in der katholischen Kirche Karlsruhe führten auf bisher unbekannten Wegen auch nach Rangendingen. Die ganze Geschichte ist 66 Jahre her. Doch Pfarrer i.R. Norbert Dilger konnte mit seinen Recherchen "Licht in das Dunkel" bringen.

Rangendingen. Angefangen hatte alles mit einer Ansichtskarte von Rangendingen auf dem Titelblatt des SZ-Magazins Anfang Mai. In dem dazu gehörigen Artikel, geschrieben von der Journalistin Nina Schick, ging es um einen Jahrzehnte zurückliegenden Missbrauchsfall eines Priesteramts-Studenten aus Karlsruhe an einem Jungen – Nina Schicks Vater.

Der Theologiestudent war mit der ihm anvertrauten Jugendgruppe im August 1954 im Hohenzollerischen gewesen und hatte die Postkarte mit einer Dorfansicht des Ortes von Rangendingen aus nach Karlsruhe an die Mutter des Jungen verschickt. Viel mehr wusste die Autorin von dieser Ferienfahrt nicht (wir berichteten).

"Der Artikel hat mich sehr angesprochen. Ich war sofort infiziert von der Idee und sah mich geradezu verpflichtet, die junge Frau bei ihrer jahrelangen Recherche und Suche nach den Hintergründen zum Suizid ihres Vaters zu unterstützen", sagt Pfarrer i.R. Norbert Dilger. Zumal eine bis dato noch sehr undeutliche Spur auch nach Rangendingen führte, wo Dilger 35 Jahre Pfarrer und Leiter der Seelsorgeeinheit war. So bot er Nina Schick seine Hilfe an, die diese dankend annahm.

"Es hat mich schon immer interessiert, unbekannten Sachverhalten nachzugehen", erklärt Dilger seinen detektivischen Spürsinn, der ihn im Verlauf der Spurensuche immer mehr einnahm. Zeit hatte er aufgrund der selbst auferlegten Corona-Ausgangssperre sowieso – und so bot die Recherche ihm auch etwas Abwechslung im sonst doch eher etwas langweiligen Pandemie-Alltag, wie er lachend zugibt.

Weil bekannt war, dass die katholische Jugendgruppe aus Karlsruhe während ihrer Freizeiten in der Ferne auch christliche Auftritte in den örtlichen Kirchen veranstaltete, durchsuchte Dilger das Verkündbuch der St.-Gallusgemeinde aus dem betreffenden Jahr 1954. "Aus diesem handgeschriebenen Buch verlas der Pfarrer am Sonntag die (kirchlichen) Veranstaltungen der kommenden Woche", erklärte Dilger der Journalistin in einer E-Mail.

"Schlüssel" im Verkündbuch gefunden

Auf Seite 173 fand der Pfarrer schließlich den "Schlüssel zu der ganzen Geschichte": Einen eindeutigen Hinweis darauf, dass die Karlsruher Jugendgruppe vom 21. bis zum 23. August 1954 in Rangendingen war und hier auch in der Kirche das Melodram "Gipfelsturm" aufführte. "Die Buben waren also tatsächlich in Rangendingen und wurden hier auch verpflegt. Und sogar die Kollekte wurde für sie eingesammelt", erzählt Dilger stolz von seinen Fund.

Pfarrer Stephan Gauggel hatte vor der Predigt den Aufenthalt der Jungen am 15. August – es war der Feiertag Maria Himmelfahrt – mit folgenden Worten angekündigt: "25 Mann der Kath. Jugend St. Bonifaz von Karlsruhe sind am Sa und So unsere Gäste, Sa. Anreise, sie werden am So.Abend uns ein Weihespiel in der Kirche geben; Nachtquartier brauchen sie nicht; aber sie zelten! Aber Gelegenheit zum Essen; es sind sicher 25 Familien da, die Sa.Abend, So.Morgen, So.Mittag und Abend ein gutes Werk an unseren Brüder in Christo tun werden; Adresse der Familie möge uns mit Bezeichnung der Hs.Nr. im Verlauf der Woche zugereicht werden. Schon im Voraus ein herzl. Vergeltsgott!"

Die Aufführung sollte am Abend des 22. August sein, was Gauggel am Sonntagfrüh bei der Messe wie folgt ankündigte: "Abends 3/4 8 Uhr Feierstunde mit Melodrama ›Gipfelsturm‹. Die ganze Gemeinde ist herzlich eingeladen. Die dabei erfolgte Kollekte ist für die Spielschar bestimmt! Denen, die einem Jungen Verköstigung gewährten, sage ich ein herzliches Vergeltsgott!"

Über den Erfolg und die Aufführung selbst ist bei Pfarrer Gauggel zwar nichts mehr zu lesen. Doch das Interesse in Rangendingen dürfte wohl riesengroß gewesen sein, wie es eine Notiz des Pfarrers am Fuß im Verkündbuch zum Sonntagabend vermuten lässt: "So.Abend war die Kirche überfüllt!"

Pfarrer Dilger fügt dem lachend hinzu: "Da waren alle Leute neugierig. Schließlich war damals ja sonst nicht viel los im Ort." Umso erstaunlicher ist für ihn, dass sich bei seinen gesamten Nachfragen niemand der älteren Einwohner an dieses "sicher außergewöhnliche Ereignis" erinnert. "66 Jahre, das ist dann halt doch eine lange Zeit."

Einzelheiten zu den Auftritten fand der Pfarrer dann erst bei der "zweiten Etappe" seiner Nachforschungen, wie er er diese nennt: Der gezielten Suche im Archiv des Schwarzwälder Boten. Bei der Zeitungsrecherche im Jahrbuch 1954 fand Dilger zwar keinen Artikel zur Aufführung in Rangendingen, dafür brachte sie aber zu Tage, dass am Montag, 23. August, also einen Tag nach der Aufführung in der St.-Galluskirche, die "Spielschar Bonifatius Karlsruhe für die katholische Jugend und für Erwachsene eine religiöse Feierstunde" in St. Luzen halten werde, wie es in einer Meldung heißt.

In der Nachbetrachtung zwei Tage später schreibt der Schwarzwälder Bote: "Die Spielschar der katholischen Jugend von Karlsruhe St. Bonifatius gestaltete am Montagabend in St. Luzen in echter jungenhafter Frömmigkeit eine feine Feierstunde. Das von den Buben gut gespielte und gesungene Melodrama ›Gipfelsturm‹ hatte zum Thema das Leben unseres Herrn und seiner Mutter in den Geheimnissen des Rosenkranzes. Neben innig betrachtenden Motiven stand immer wieder der Hinweis auf die Verwirklichung im Leben selbst. Die Lieder, von den Buben frisch vorgetragen, ergänzten die Texte und gaben dem Spiel eine große Lebendigkeit."

Jugendliche spielen in mehreren Gemeinden

Die Jungengruppe spielte das Melodram dann ein weiteres Mal: Am Dienstag in der St.-Ägidiuskirche, wie Dilger bei seiner Suche im Zeitungsarchiv ebenfalls herausfand. "Ihre Zeltstadt hatten sie nahe eines Waldstücks aufgeschlagen", heißt es am Donnerstag im Schwarzwälder Boten. Also mussten die Buben auch in Höfendorf kampiert haben. "Gesang wie Vortrag, als Mut und Hochleistung der Jugendlichen" wurde von den zahlreichen Besuchern im Gotteshaus sehr geschätzt, steht zu deren Auftritt geschrieben.

Außerdem fand sich in diesem Artikel erstmals auch der Name des mutmaßlichen Peinigers von Nina Schicks Vater Michael Baumann: der "stud. theol. Hermann Leon".

Im Höfendorfer Verkündbuch allerdings war keine Notiz verzeichnet. Über den Grund spekuliert Norbert Dilger: "In der entsprechenden Woche gab es keinen einzigen Eintrag. Vielleicht war der Pfarrer zu dieser Zeit gar nicht in der Gemeinde."

Das Geheimnis, warum der Theologiestudent auf der in Rangendingen abgeschickten Postkarte das Pfarramt in Heiligenzimmern als Postadresse angegeben hatte, konnte auch Dilger nicht lüften. Doch über das Studium des Verkündbuchs der dortigen Pfarrei kam zum Vorschein, dass eine Aufführung der Jugendlichen am Abend des Sonntags, 29. August, auch in der St.-Patriciuskirche in Heiligenzimmern angekündigt wurde. Pfarrer Theodor Bürkle hatte am 5. September – da waren die Jugendlichen schon lange wieder abgereist - lediglich die Stichworte "Spielschar der Kath. Jugend St. Bonifaz Karlsruhe" notiert. Vermutlich, so spekuliert Dilger, weil dieser im nächsten Gottesdienst noch etwas zu deren Auftritt sagen wollte. In das Verkündbuch hatte Dilger über Umwege ebenfalls Einblick bekommen.

Für Nina Schick war die detektivische Ader des Ruhestandspfarrer Norbert Dilger ein Glücksfall. Mit seinen Recherchen konnte er den "weißen Fleck" der Jugendausfahrt der Spielschar im Hohenzollerischen mit einer Geschichte beleuchten. Ent-sprechend überschwänglich habe sich die junge Frau bei ihm bedankt, erzählt der Pfarrer. Und sie habe ihm geschrieben: "Jemanden wie Sie bräuchte ich auch in Montabaur." Dort hatten die Jungen im selben Jahr einen zweiten Teil der Ferien verbracht.

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