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Rangendingen Hamsterkäufe? Das geht bei uns nicht

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Für die Büglers hat die diesjährige Zirkussaison gerade erst begonnen. Rangendingen war ihre erste Station – und wird vorerst auch die einzige bleiben. Denn wegen des Corona-Virus sitzen sie hier fest.

Rangendingen. Die Nachricht kommt per Anruf aus dem Rathaus. Bürgermeister Johann Widmaier hat Hannelore Bügler soeben mitgeteilt, dass die Zirkusfamilie Strom und Wasser während ihres Zwangsaufenthaltes in Rangendingen nicht bezahlen muss. Sie und ihre Mutter Monika Bürgler sind erleichtert. Eine Sorge weniger drückt auf die Schultern der Zirkusleute, die es gewohnt sind, einiges auszuhalten.

Früh und voller Freude war die traditionsreiche Zirkusfamilie aus der Winterpause in die Saison gestartet. Der Zirkus hatte fest mit den Einnahmen aus den kommenden Auftritten gerechnet. "Da waren keine Rücklagen mehr da", erzählt Monika Bügler. Rangendingen und weitere Orte waren fest im Terminplan eingestellt. Die Werbung für Empfingen und weitere Gemeinden war bereits angelaufen. "Das haben wir alles schon bezahlt", sagt Monika Bürgler. Doch gleich nach dem ersten Wochenende mit drei Auftritten ist der Zirkus nun am Rand der Corona-Pandemie gestrandet.

Alle zukünftigen Standorte wurden den Büglers abgesagt. "Wir haben kein Eigentum, kein Haus. Wir haben nur unsere Wohnwagen und den Zirkus. Wir können nirgends hin" Damit bliebt der Zirkusfamilie nichts anderes übrig, als auf dem Festplatz in Rangendingen auszuharren. Der Versuch, am vergangenen Wochenende über drei weitere Auftritte in der Starzelgemeinde ein wenig Geld in die Kasse zu bringen, ging nicht auf. "Wir wollen ja Auftreten. Das ist unser Leben. Doch wir durften nicht mehr", sagt Monika Bügler.

Bis weit ins 19. Jahrhundert reicht ihre Geschichte zurück

Sie seien Lebenskünstler, erzählt sie stolz. "Und wir halten einiges aus. Doch das war ein großer Schock für uns alle." Denn mit den Absagen bleiben nun die dringend erforderlichen Einnahmen aus. "Die Ausgaben sind ja da. Die Tiere haben Hunger." Und auch der Vorrat an Windeln für die beiden Babys der Familie gehen langsam zur Neige. "Hamsterkäufe? Das geht bei uns nicht", macht die 71-Jährige die Situation deutlich. Für das Geld aus einer Spende haben die Büglers jetzt zuerst Futter für die Tiere gekauft. "Denn die stehen für uns und den Zirkus an erster Stelle."

Einen Chef gibt es bei den Büglers nicht. "Wir sind eine Familie." Doch die Oma und Uroma ist sozusagen das Familienoberhaupt. Ihre beiden Urenkel, erzählt Monika Bügler voller Stolz, sollen einmal die neunte Generation der Zirkusfamilie geben.

Bis weit ins 19. Jahrhundert reicht deren Geschichte zurück. Ihren Ursprung haben die Büglers im Akrobaten-Ort Alsenborn bei Kaiserslautern in der Pfalz, der "Heimat der Seiltänzer", wie der Ort auch genannt wird, und der heute ein eigenes Zirkus-Museum beheimatet.

Mit 15 Personen wohnt die Großfamilie in ihrer Wagenburg. Sie sind stolz auf ihr Leben als "fahrendes Volk" und ihre Tradition. Aufbau, Abbau, der Transport, die Tierpflege und die Auftritte: Sämtliche Arbeiten übernehmen die Büglers selbst. "Das ist ein echter Knochen-Job" und von einer 40-Stunden-Woche können die Familienmitglieder nur träumen", erzählt die einstige Artistin. "Wir haben keine Schausteller oder Artisten angestellt."

Und trotzdem: Die Kasse ist nach diesen zwei Wochen Zwangspause in Rangendingen leer. Die Büglers dürfen zwar umsonst den Festplatz benutzen und die Gemeinde übernimmt die Kosten für Wasser und Strom. Doch einen Zuschuss gibt es nicht. Dafür wurden sie an das Sozialamt und die Arbeitsagentur verwiesen. Dort hat die Familie nun Anträge auf Unterstützung ausgefüllt – was aber dauern kann, bis diese ankommt.

"Tiere brauchen kein Corona. Tiere brauchen Futter"

Und die Tiere? Für die fühlt sich niemand zuständig. Zehn stolze und pechschwarze Araber-Hengste, zwei Ponys, zwei Lamas, drei Kamele, mehrere Ziegen und eine Laufentenfamilie gehören zur Zirkusfamilie dazu. Sie brauchen Heu, Stroh und ein wenig Kraftfutter.

Für die Tiere kein Futter kaufen zu können, belastet die Familie am meisten. "Wir leben mit unseren Tieren. Und wir sterben für unsere Tiere", sagt Hannelore Bügler und dreht sich zur Seite, damit man ihre Tränen nicht sehen soll. "Wir wissen nicht, wie wir mit den Einschränkungen wegen des Corona-Virus die nächsten fünf Wochen über die Runden kommen sollen", fügt deren Mutter hinzu.

Umso glücklicher sind die Zirkusleute über die Sammelspende der Familien aus dem Umfeld der Tanzgarde der Narrenzunft Jägi. In einem Kuvert steckte Geld und eine Karte: "Tiere brauchen kein Corona. Tiere brauchen Futter" steht darauf. Für ein paar Tage reiche das nun erst einmal, sagt Monika Bügler, die heute die Programmansage übernimmt. Und es bleibe die Hoffnung, dass sich der Zirkus mit weiteren Spenden über Wasser halten könne und einsichtige Landwirte ihm und den Tieren in der Not helfen.

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