Am Himmel sind Raketen zu sehen, die in Richtung Israel fliegen. Militante Palästinenser im Gazastreifen haben am frühen vergangenen Samstag unerwartet Dutzende von Raketen auf Ziele in Israel abgefeuert. Foto: dpa/Mohammed Talatene

Seit 46 Jahren reisen Marianne und Walter Schechinger aus dem Wildberger Stadtteil Sulz am Eck regelmäßig nach Israel. Doch so etwas haben sie noch nie erlebt. Drei Wochen sind sie in Israel und mittendrin bricht vor Ort ein Krieg aus – die Hamas griff am Samstag mit tausenden Raketen das Land an. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählen sie von den letzten Tagen in Israel.

„Ding – Ding – Ding – Ding“, das Handy von Walter Schechinger aus Sulz am Eck bleibt nicht still. „Das sind Raketen“, sagt er. Raketen, die momentan über Israel fliegen. Raketen, die vom Gaza-Streifen auf Israel abgeschossen werden. Raketen, die zum Teil einschlagen und Zerstörung hinterlassen. Während dem rund einstündigen Gespräch mit unserer Redaktion gibt die App „Red Alert“ circa 20 Warnungen ab.

 

Schechinger und seiner Frau Marianne ist die App geläufig. Seit nunmehr 46 Jahren reisen sie immer wieder nach Israel. Unter anderem, da sie mit ihrem Unternehmen Schechinger Tours Gruppenreisen organisieren. Aber sie haben selbst viele Freunde in Israel, außerdem wohnt ihre Tochter seit mehr als 20 Jahren dort.

Erst am Mittwoch sind die beiden wieder zu Hause im Wildberger Stadtteil angekommen. Drei Wochen waren sie auf einer Reise. Zwei Wochen davon verliefen normal: Sie besuchten Freunde, ihre Tochter und reisten durch das Land. Doch plötzlich war es „als würde ein Schalter umgelegt“. Von einer Sekunde auf die andere ist das alltägliche Leben vorbei.

Am Mittwoch sind Marianne und Walter Schechinger wieder sicher in der Heimat gelandet. Foto: Menzler

Samstagmorgen, 7. Oktober

Um 7 Uhr steht Walter Schechinger auf und macht sein Handy an. Schock überfällt seinen Körper. Er sieht unzählige Raketenalarme und Nachrichten. Was war passiert? Nur einen Tag vorher feierten sie mit Freunden in Shavei Tzion, einem Ort im Norden Israels, das Ende des Laubhüttenfests. Dort ist auch das Gästehaus „Beth El“ der Bad Liebenzeller Organisation Zedakah beheimatet.

Einen Tag später – am Tag des großen Angriffs: „Zwei Söhne von Zedakah-Mitarbeitern wurden noch beim Frühstück eingezogen – um zu kämpfen“, erzählt Schechinger. „Wir wussten erst am späten Nachmittag mehr.“ Samstagmorgens hält die israelische Regierung Informationen noch zurück, nur ein bisschen sickert über Kontakte und Medien hindurch. Dann die schreckliche Nachricht: Es war nicht kein reiner Raketenangriff.

„Der Raketenangriff sei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, sagen sie“, sagt Marianne Schechinger. „Damit die Terroristen den Zaun um den Gaza-Streifen überwinden konnten.“ In Israel spräche man von 2000 Terroristen. „Die haben den Zaun gesprengt, sind mit Lastwagen, Traktoren, Autos nach Israel rein“, führt ihr Mann aus. „Und in den Dörfern haben sie dann einfach Leute abgeschlachtet.“ So etwas habe er in 46 Jahren noch nicht erlebt.

„Alle fragen sich auch, wie der Angriff geschehen konnte“, betont Walter Schechinger. Immerhin habe Israel die beste Armee, den besten Geheimdienst. „Das Schlimme ist auch, dass Terroristen ins Land kamen“, verdeutlicht Marianne Schechinger. Auf Raketen sei Israel vorbereitet – aber nicht auf Terroristen, „die ihre Bürger abschlachten – ein Massaker begehen.“ Damit habe keiner gerechnet, viele Soldaten seien aufgrund des Laubhüttenfests auch im Urlaub gewesen. So dauerte es am Samstag einige Zeit, diese zu mobilisieren.

Touristen aus der Region

Am Tag des Angriffs befanden sich auch Reisegruppen von ihnen vor Ort. Rund 30 Menschen aus der Region tourten durch Israel. „Zum Glück sind von dieser Gruppe wieder alle zu Hause“, betont Schechinger. Zwar wurde deren Rückflug gestrichen, doch die Fluggesellschaft organisierte andere Rückflüge – über andere Länder. Aktuell befinde sich noch ein Gruppe mit 48 Touristen in Jordanien. „Eigentlich fliegen sie am Dienstag zurück. Der Flug ist auch noch nicht gestrichen“, erklärt Walter Schechinger. Aber man müsse abwarten, wie sich die Situation noch entwickle.

„Unser Anliegen an alle ist: Betet für Israel!“, betont das Ehepaar im Einklang. Die Situation sei so schlimm wie noch nie. Und niemand wisse, wie es weitergehe. „Ich bin wirklich beeindruckt von den Israelis, die Raketenangriffe nicht nur jetzt, sondern immer wieder durchleben. Und mit ihrem Leben weitermachen. Das haben wir jetzt auch live erlebt.“

Die restlichen Tage der Reise

Nachdem die heftigsten Angriffe vorüber sind und sie sich einiger maßen sicher fühlen, macht sich das Ehepaar auf in den Süden. Schechingers besitzen eine Wohnung in Ma’ale Adummim, östlich von Jerusalem. Sie treffen sich mit ihrer Tochter. „Zwei Mal mussten wir in den Bunker“, erinnert sich Schechinger. Obwohl das erst drei Tage her ist, klingt es wie eine lange Zeit. „Hier ist alles egal. Jeder lebt sein völlig normales Leben“, unterstreicht Walter Schechinger. „Dort muss jeder beim ersten Sirenenton zum Bunker rennen.“

Denn man hat nur 20 Sekunden Zeit, um den Bunker zu erreichen. Dann können Raketen in der Nähe schon einschlagen. „In den Sicherheitsräumen gibt es etwas zu Essen und Trinken. Die Tür geht zu und dann sitzt man da und wartet.“ „Dann macht es nur noch Boom! Boom! Boom!“, ergänzt Marianne Schechinger. „Acht oder neun Mal haben wir das gehört.“ Dann warte man noch 10 Minuten und nach Entwarnung kann man den Bunker wieder verlassen. Jedes neuere Gebäude habe einen eigenen Sicherheitsraum, weiß Walter Schechinger. Aber viele Kibbuze oder ältere Gebäude eben nicht. Dann ist der Weg in die Sicherheit noch länger. Sie zeigen ein Video, in dem gerade die Sirene tönt und Menschen zu einem Gemeinschaftsbunker rennen – ein Szenario, dass man sich in Deutschland nicht vorstellen kann.

Während beispielsweise Lufthansa und Turkish Airlines alle Flüge absagten, flogen Schechingers mit der Fluggesellschaft El Al wie geplant nach Deutschland. Am Mittwoch kommen sie dann wieder zu Hause in Sulz am Eck an. Vergessen haben sie das Erlebte selbstverständlich nicht. Marianne Schechinger unterstreicht: „Das werden wir vielleicht auch nie wieder.“