Kickers-Präsident Rainer Lorz genießt die Aufstiegsfeier auf der Waldau nach dem Spiel in Reutlingen. Foto: Baumann/Julia Rahn

Rainer Lorz, der Präsident der Stuttgarter Kickers, spricht über die Zielsetzung nach dem Aufstieg, mögliche Neuzugänge, das Verhältnis zwischen Trainer und Sportdirektor und seine persönliche Zukunft.

An diesem Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) bekommen die Stuttgarter Kickers im Rahmen des Heimspiels gegen die SG Sonnenhof Großaspach Schale und Wimpel für die Meisterschaft in der Fußball-Oberliga überreicht. Präsident Rainer Lorz blickt bereits auf die neue Saison.

 

Herr Lorz, über welchen Aufstiegsglückwunsch haben Sie sich am meisten gefreut?

Über alle. Ich habe so viele bekommen, da möchte ich keinen herauspicken. Es zeigt mir, wie viele Leute sich mit den Kickers freuen, da sind viele alte Weggefährten aus dem Fußball darunter wie etwa auch Holger Sanwald vom 1. FC Heidenheim.

Bei dem Vorstandsvorsitzenden des FCH können Sie sich vielleicht schon am Sonntag revanchieren.

Es wäre schon der Wahnsinn und eine Riesenleistung, wenn dem 1. FC Heidenheim der Sprung in die Bundesliga gelingen würde, Respekt! Ich kann mich noch gut an die Duelle in der dritten Liga erinnern, aber auch an ein Testspiel, das wir als Drittligist gegen den damaligen Oberligisten FCH ausgetragen haben. Eine irre Entwicklung, die der Club genommen hat.

„FCH keine Blaupause“

Die was zeigt?

Dass man mit harter, fokussierter Arbeit, gepaart mit Kontinuität vieles erreichen kann. Das muss auch unser Anspruch sein. Aber auch wenn wir den gleichen Trikotsponsor haben, kann man den FCH nicht einfach als Blaupause für uns nehmen. Am Ende muss immer alles zusammenpassen, damit man einen solchen Weg gehen kann.

Was hat bei den Kickers diese Saison zusammengepasst?

Die Nackenschläge haben uns zusammengeschweißt und uns noch stärker gemacht. Alle wollten unbedingt aufsteigen und haben diesem großen Ziel alles untergeordnet. Auch als es mal nicht so lief, sind alle ruhig geblieben, und die Mannschaft hat sofort eine Reaktion gezeigt. Das Ergebnis ist phänomenal.

Welchen Anteil hat der Chefcoach?

Einen sehr hohen. Mustafa Ünal hat es geschafft, die Spannung permanent hochzuhalten. Die Fokussierung auf das Leistungsprinzip war ganz entscheidend, kein Spieler konnte sich ausruhen.

Wie lautet eine Etage höher die Zielsetzung?

Wenn wir glauben, dass es einfach so weitergeht, tun wir uns sicher keinen Gefallen. Wir spielen seit 2018 nicht mehr in der Regionalliga. Deshalb sollten wir sie demütig annehmen und mit großem Respekt in die neue Saison gehen. Wir werden uns garantiert nicht zurücklehnen, aber jetzt großspurig etwas zu verkünden, das wären nur zusätzliche Motivationshilfen für die Gegner. Wir freuen uns auf jedes Spiel – und wir freuen uns auch, dass es Spiele sind, in denen wir nicht automatisch Favorit sind.

Aber zumindest ein sicherer Mittelplatz mit möglichst früher Planungssicherheit für einen nächsten Schritt wäre schon wünschenswert?

Wie gesagt: Wir sind ehrgeizig genug, wollen nicht stehen bleiben, sondern uns weiterentwickeln. Aber für das Verkünden von großen Zielen gibt es keine Punkte. Wir wollen ankommen in der Liga und zeigen, dass wir jederzeit mithalten können.

„Trier und Freiberg Warnung genug“

Den diesjährigen Aufsteigern gelingt das nicht.

Dass Eintracht Trier sofort wieder absteigt, der SGV Freiberg sich als Tabellen-13. schwertut – all das ist Warnung genug. Es tummeln sich in dieser Liga sehr viele etablierte Mannschaften, robuste Männerteams und gefährliche zweite Mannschaften von Profiteams.

Wie viele Verstärkungen sind nötig?

Wir haben den Kader ja schon vergangenes Jahr mit Blick auf die Regionalliga zusammengestellt. Wir haben einen sehr guten Stamm. Aber klar, vor allem im Mittelfeld und Angriff wollen wir etwas tun.

Balingens Stürmer Jan Ferdinand und Freibergs offensiver Mittelfeldspieler David Tomic würden sehr gut ins Profil passen. Ist die Tinte noch nicht trocken?

(Lacht) Namen werde ich nicht kommentieren. Noch ist mit keinem Spieler etwas perfekt.

Wie steht es um die Verlängerung der am Saisonende auslaufenden Verträge von Maxi Otto, Ivo Colic und Luigi Campagna?

Da gehe ich davon aus, dass wir vernünftig weiterkommen.

Sie persönlich wollten als Präsident mit einem positiven Erlebnis abtreten und ließen sich die Option offen, vor Ende Ihrer Amtszeit 2024 aufzuhören. Ist das bei der nächsten Mitgliederversammlung im November der Fall?

Also das Ganze ist ja kein Ego-Trip von Rainer Lorz. Wir haben die Aufgabe vor uns, uns von der Oberliga in den professionellen Bereich zu entwickeln. Hierfür müssen in den nächsten Wochen und Monaten die richtigen Weichen gestellt werden. Dieser Aufgabe stelle ich mich, wie dies auch alle anderen Personen tun, die bei uns Verantwortung tragen.

„Stein hat seinen Job gut gemacht“

Wie beurteilen Sie die Arbeit des Sportdirektors?

Marc Stein hat seinen Job gut gemacht und mit seinen fundierten und sachlichen Analysen den Aufstieg gut begleitet. Er hat es geschafft, Verträge mit wichtigen Spielern zu verlängern. Auch er hat seinen Beitrag zum Erfolg geleistet.

Er wirkt bisweilen etwas isoliert vom Trainerteam. In Sachen konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Chefcoach – im Sinne des Vereins – gibt es Luft nach oben. Wie beurteilen Sie das?

Erst einmal freue ich mich, dass wir alle zusammen das Ziel erreicht haben und jeder seiner Verantwortung gerecht geworden ist. Ihr Eindruck mag daher rühren, dass wir es mit unterschiedlichen Typen zu tun haben, deren Tätigkeiten zudem einen unterschiedlichen Zuschnitt haben. Der Trainer arbeitet im Hier und Jetzt, der Sportdirektor hat stärker die mittel- und langfristige Ausrichtung im Blick. Und da bin ich bisher nicht enttäuscht worden.

Auf was freuen Sie sich in der Regionalliga am meisten?

Auf Spiele wie gegen Kickers Offenbach oder möglicherweise den SSV Ulm 1846, wir wollen eine Stufe höher auch gegen solche Gegner zeigen, dass wir gut mithalten und Akzente setzen können.

Zur Person

Karriere
Rainer Lorz wurde am 14. Dezember 1962 in Darmstadt geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen und lebt seit 1995 in Stuttgart. Lorz spielte Fußball beim FV Wannsee Berlin und für die DJK Konstanz. 2005 kam er in den Aufsichtsrat der Kickers, seit 2010 ist er Präsident. Er ist Anwalt in Degerloch und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart.

Persönliches
Lorz ist verheiratet mit Mirjam. Hobbys: Golf und Literatur. (jüf)