Seit 13 Jahren führt Rainer Lorz die Stuttgarter Kickers als Präsident. Vor der Mitgliederversammlung spricht er über Verstärkungen in der Winterpause, die finanzielle Lage und eine mögliche Ausgliederung.
Die Stuttgarter Kickers stehen in der Fußball-Regionalliga vor dem Spiel bei TuS Koblenz (Sonntag, 14 Uhr) auf Platz eins. Sportlich läuft es vor der Mitgliederversammlung am kommenden Montag (19 Uhr/SSB-Waldaupark) optimal. Wie sieht es finanziell aus? Präsident Rainer Lorz gibt Auskunft.
Herr Lorz, war Ihre Lebensqualität als Kickers-Präsident schon mal höher als aktuell?
(lacht) Wir hatten auch in der dritten Liga eine super Phase, in die auch das DFB-Pokal-Spiel gegen Borussia Dortmund fiel. Aber wir präsentieren uns derzeit außergewöhnlich stark, darüber freue ich mich ganz besonders. Ich ziehe den Hut vor der Mannschaft und dem Trainerteam.
Warum läuft es so gut?
Wir haben eine homogene Einheit zusammen, die immer alles gibt, immer fokussiert ist – egal, ob es im WFV-Pokal gegen Backnang geht oder im Spitzenspiel gegen Homburg. Dieses Team ist in der Oberligazeit zusammengewachsen, und wir haben es sehr gut verstärkt.
Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Dass die Mannschaft auch unter Druck top Leistungen abruft. Ob das am ersten Spieltag in Offenbach war, oder im Derby beim VfB II – sie hat auch vor großen Kulissen immer standgehalten und stets mit enormer Wucht dagegengehalten.
Ist die Mannschaft reif für den Durchmarsch?
Damit will ich mich nicht beschäftigen, weil es den Fokus nimmt, wenn man zu viel darüber redet. Wir sind nicht so gut, dass wir in dieser Liga allein aufgrund unserer Klasse die Gegner klar beherrschen. Also müssen wir immer alles mindestens zu 100 Prozent abrufen. Wo wir dann am Ende stehen und ob es zum Durchmarsch reicht, wird man sehen. Aber es steht jetzt schon fest: Mit unserer Mannschaft und vor allem auch mit unseren Fans sind wir jetzt schon eine Bereicherung für die Liga.
„Haben Sie eine Garantie?“
Müsste man nicht die Gunst der Stunde nutzen?
Haben Sie eine Garantie? Natürlich haben wir uns eine gute Ausgangsbasis erarbeitet und wir wären dumm, wenn wir nicht weiter Gas geben würden. Es stimmt auch, dass es keine Übermannschaft gibt. Die Liga ist viel ausgeglichener als in den vergangenen Jahren, man kann sich auch mal eine Niederlage leisten. Und klar: In der neuen Saison heißt es bei den Gegnern der Stuttgarter Kickers schon vom ersten Spieltag an nicht mehr, es geht gegen den Aufsteiger.
Wird in der Winterpause personell nachgelegt?
Wir haben viel Zeit in dieser viel zu langen Winterpause, um zu überlegen, was getan werden kann, um Wahrscheinlichkeiten zu erhöhen. Aber die Jungs haben einen tollen Job gemacht, sie genießen unser volles Vertrauen. Von daher möchte ich jetzt ungern über mögliche Verstärkungen diskutieren, auch wenn ich diese nicht ausschließe.
Wären denn die finanziellen Möglichkeiten vorhanden?
Sollten wir zu der Erkenntnis kommen, dass eine Verstärkung richtig Sinn ergibt, sollte es am Ende an den Finanzen nicht scheitern.
Stichwort Finanzen: Können Sie denn bei der Mitgliederversammlung erneut ein positives Jahresergebnis verkünden?
Nein, das Ergebnis ist leicht negativ. Zum einen sind durch die Erfolge in der vergangenen Spielzeit auch die Prämienzahlungen um einiges höher als geplant ausgefallen. Zum anderen haben wir Vorsorge für Umsatzsteuer-Nachforderungen getroffen, die wir als Ergebnis einer steuerlichen Betriebsprüfung für vergangene Jahre erwarten.
„Ich mache bis 2024 weiter“
Gibt das Anlass zur Sorge?
Nein, es geht hierbei um die Abgrenzung zwischen dem gemeinnützigen, ideellen Bereich, der von der Umsatzsteuer befreit ist, und dem umsatzsteuerpflichtigen wirtschaftlichen Bereich. Aber grundsätzlich ist die Regionalliga schon eine echte Herausforderung, da es hier weiterhin keine Fernsehgelder gibt, aber deutlich höhere Aufwendungen als in der Oberliga anfallen. Im Kern ist es ein Spagat zwischen sportlichen Ambitionen und Finanzierbarkeit. Insoweit sind wir natürlich froh, dass wir auf Top-Sponsoren zählen können, aber auch auf Top-Gönner wie Günther Daiss, der zum Beispiel dafür gesorgt hat, dass die Kickers wieder einen tollen Mannschaftsbus haben.
Fernsehgelder gibt’s in der dritten Liga. Träumen Sie von einem Abschied mit dem Aufstieg? Schließlich haben Sie 2021 selbst angekündigt, nicht für eine komplette Amtszeit bis November 2024 zur Verfügung zu stehen.
(lacht) Ich weiß, was meine Aussagen zu meiner eigenen Amtszeit betrifft, bin ich unglaubwürdig. Wie heißt es so schön: Wenn du gehen willst, kannst du nicht. Wenn du gehen kannst, willst du nicht. Also mache ich bis 2024 weiter.
Und darüber hinaus?
Ich habe meine Lektionen gelernt und werde keine Aussagen bezüglich meiner Amtszeit mehr treffen.
Dann probieren wir es mit folgender Personalie: Der ehemalige Sportliche Leiter Lutz Siebrecht wird immer wieder als mögliches neues Präsidiumsmitglied Sport gehandelt. Schließen Sie das aus?
Ich schließe im Sport nichts aus, und wir sind auch über jeden froh, der uns helfen kann. Aber im Augenblick steht diesbezüglich nichts auf der Agenda. Wir sind im sportlichen Bereich gut aufgestellt. Es wird im Präsidium aktuell keine Änderungen geben.
„Ausgliederung aktuell kein Thema“
Und im Aufsichtsrat? Es heißt Lutz Meschke könnte ins Kontrollgremium des VfB wechseln und Sebastian Rudolph, Kommunikationschef bei VW und Porsche, ihn deshalb bei den Kickers ablösen.
Wir sind in einem guten Austausch, aber noch ist der Porsche-Einstieg beim VfB aufgrund der Regularien der DFL formal ja nicht in trockenen Tüchern.
Steht eigentlich eine Ausgliederung der Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft, wie es etwa der SSV Ulm 1846 im Jahr 2020 getan hat, im Raum?
Wir beschäftigen uns kontinuierlich mit der Frage, wie wir uns wirtschaftlich weiterentwickeln und aufstellen können. Aktuell steht eine Ausgliederung bei den Kickers aber nicht auf der Tagesordnung.
Wie ist der Stand, was den beschlossenen Umbau der Gegengerade im Gazi-Stadion betrifft? Wann wird begonnen?
Ich wünschte, es würde schneller gehen. Aber die Planungen gestalten sich als nicht ganz so einfach. Wir gehen derzeit davon aus, dass aufgrund der Waldnähe mit dem Abbruch der bestehenden Tribüne nicht vor Herbst 2025 begonnen werden kann.
Wie hat sich eigentlich das bisweilen angespannte Verhältnis zwischen Sportdirektor und Trainer entwickelt?
Sehr gut. Beide arbeiten professionell und gut zusammen. Mustafa Ünal erkennt an, dass Marc Stein gute Spieler verpflichtet hat. Marc Stein weiß, dass Mustafa Ünal einen super Job macht.
„Wir diskutieren über eine U23“
Ünal war lange Zeit im Nachwuchsbereich tätig. Scheitert bei den Kickers die Wiedereinführung einer zweiten Mannschaft am Geld? Der KSC etwa startet in der kommenden Saison mit einer neugegründeten U23 in der Verbandsliga.
Wir diskutieren das, aber es gibt noch nichts Konkretes. Der Mehrwert einer solchen Mannschaft liegt aus meiner Sicht vor allem in der Möglichkeit, Spielern Spielpraxis zu geben, insbesondere nach längerer Verletzung. Dass auch wirtschaftliche Aspekte in der Diskussion eine Rolle spielen, will ich nicht verhehlen.
Was halten Sie 2024 für am Wahrscheinlichsten: Den Aufstieg der Kickers, die Champions-League-Qualifikation des VfB oder den EM-Titel für Deutschland?
(lacht) Also die größte Überraschung wäre ein Kickers-Aufstieg. Nach 34 Spieltagen Meister zu werden, ist für einen Aufsteiger eine noch größere Leistung als der Titel-Gewinn einer Nationalelf bei einem Turnier im eigenen Land.
Zur Person
Karriere
Rainer Lorz wurde am 14. Dezember 1962 in Darmstadt geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen und lebt seit 1995 in Stuttgart. Lorz spielte Fußball beim FV Wannsee Berlin und für die DJK Konstanz. 2005 kam er in den Aufsichtsrat der Kickers, seit 2010 ist er Präsident, gewählt bis 2024. Er ist Anwalt in Degerloch und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart. Lorz ist verheiratet mit Mirjam. Hobbys: Golf und Literatur. (jüf)