Ungleiche Brüder: Raymond (Richy Müller, oben) und Charlie (Markus Frank) Foto: imago images/Future Image/Steffi Adam

Richy Müller gibt am Wilhelma-Theater die Titelfigur von „Rain Man“ – den Autisten in der Bühnenfassung des Kinoklassikers von 1988.

Dieses Zimmer bekennt Farbe: rote, weiße Streifen auf der Dachschräge, ein blaues Rechteck oben links, darauf viele Lämpchen. Die Szene spielt in den USA, unverkennbar. Unterm Sternenbanner-Deckenschmuck ein Tisch aus Holz, eine Vase voller Rosen, des Vaters Bild, gerahmt. Ein Vater, der seine Rolle nicht mit großer Herzlichkeit ausfüllte und der nun tot ist. Charlie Babbit hielt sich bisher für den einzigen ungeliebten Sohn, erfährt nun, dass dem nicht so ist: Raymond, der „Rain Man“ seiner Kindheitserinnerungen, den er für eine Fantasiegestalt hielt, sein autistischer Bruder, lebt seit vielen Jahren in einem Pflegeheim.

 

Tom Cruise und Dustin Hoffman spielten die Hauptrollen im oscarprämierten Kinohit von Regisseur Barry Levinson aus dem Jahr 1988; bereits seit 2013 spielt Richy Müller den Raymond in Christian Nickels Bühnenadaption des Stoffes für das Kammertheater Karlsruhe. Zwei Jahre später als geplant ist das Stück nun in Stuttgart zu sehen, in der Stadt, in der Richy Müller auch schon seit 14 Jahren als „Tatort“-Kommissar Thorsten Lannert Bösewichte jagt. Martin Kinzlmaier gestaltete das Bühnenbild, das sich mit einer Drehung vom schlichten Häuschen ins gestreifte US-Zimmer verwandelt. Das Publikum ist enthusiastisch bei der Stuttgarter Premiere am Donnerstagabend – und trägt geschlossen Maske.

Marotten und Rituale

Markus Frank spielt Charlie Babbit, der auf das Geld aus ist, das der Vater dem unmündigen Bruder vermachte. Teresa Hager ist Charlies hübsche Freundin Susanna, die schon zu Beginn des Stückes zweifelnde Blicke in seine Richtung wirft. Später wird sie den aufgekratzten Narzissten verlassen, noch später wird sie zurückkehren: Denn Charlie verändert sich, während er mit dem flug-, highway- und regenscheuen Raymond auf kleinen Straßen gen Los Angeles reist. Raymond, mit all seinen Marotten, Ritualen, Defiziten und genialischen Fähigkeiten, bringt seinen Bruder Charlie durcheinander, er weckt in ihm alles auf, was bisher verschüttet war.

Ein Lachen scheint in Raymonds Gesicht gefroren, sein Mund steht offen, er bewegt sich mit kleinen, steifen Schritten; seine Hände kreisen vor dem Gesicht. Er spricht langsam, mit leiser Satzmelodie, sein Mantra lautet: „Ich weiß nicht“ – nur manchmal scheint er doch zu wissen, scheint ein Schalk sich hinter seinen Unzulänglichkeiten zu verbergen. Richy Müller eignet sich die Figur des Raymond an, gibt ihr einen körperlich betonteren Ausdruck als Dustin Hoffman einst, spielt ihn mit leisem, strahlendem, stoischem Humor.

Endlich Tanzen lernen

Heinz Röser-Dümmig ist zu sehen als Betreiber des Pflegeheims, in dem Raymond bisher lebte, Birgit Reutter als Charlies Sekretärin und als die Prostituierte Iris – ihre Begegnung mit Raymond ist ein skurriler Höhepunkt des Stückes. Hendrik Pape schlüpft in viele Rollen, ist Anwalt, Polizist, ein psychologischer Gutachter, der sein Bärtchen verliert. Und Markus Frank verwandelt sich an Raymonds Seite sehr überzeugend vom Autohändler in einen Menschen, bringt seinem Bruder schließlich das Tanzen bei: ein seltsames Paar, das Schritt für Schritt die Vergangenheit abstreift.

Rain Man. Weitere Vorstellungen: 16. bis 18. und 20. bis 24. April, jeweils 19.30 Uhr. Karten unter: 07 11 / 95 48 84 95 oder: vorverkauf@wilhelma-theater.de