Knochennähte wie aus dem Lehrbuch: Gregor Schmid ist überzeugt, dass es sich um einen menschlichen Schädelknochen handelt, den er beim Neckar gefunden hat. Wer sich über die Größe Gedanken macht: Auf dem Bild wirkt der Schädel kleiner als er ist, weil die Hand viel näher an der Kamera ist als der Knochen. Foto: Gregor Schmid

Ein Rottenburger macht auf dem Weg zum Neckarufer einen grusligen Fund, der Fragen aufwirft. Stammt das Stück Schädel von einem Menschen? Das sagen Polizei und Experten.

Eigentlich wollte Gregor Schmid am Donnerstag vergangener Woche nur zum Neckarufer runter, um Fische anzufüttern. Es gibt dort, auf Höhe des Baresel-Steinbruchs, eine Stelle, an der man gut angeln kann, sagt der Naturschutzbeauftragte des Bunds Rottenburger Fischerfreunde. Auf seinem Weg vom kleinen Sträßle beim Häckselplatz und der DAV-Kletteranlage über die Bahngleise hinunter zum Neckar, fiel sein Blick auf etwas, das auf dem rötlichen Granitschotter des Bahndamms lag. Trotz der Dunkelheit war das kalkweiße Etwas deutlich zu sehen. Schmid hielt inne und bückte sich – auf dem Bahndamm lag ein gewölbtes Knochenstück.

 

Nun ist Gregor Schmid nicht nur passionierter Angler, sondern auch Mediziner und Facharzt für Psychiatrie. Er war sich sofort ziemlich sicher, was er da gefunden hatte: eine Kalotte, also einen Teil eines menschlichen Schädels. Auf der Innenseite war das Schädelfragment leicht angegrünt. Gut möglich, sagt Schmid, dass es vorher woanders lag, irgendwo im Gebüsch, und ein Tier den Knochen umhergetragen hat.

Klar war Schmid auch, was als Nächstes zu tun war: Er rief beim Rottenburger Polizeirevier an. Die Beamten in der Nachtschicht kamen auch prompt zum Fundort und nahmen den Fund entgegen. Bei der Pressestelle des Polizeipräsidiums Reutlingen heißt es: „Das Knochenstück“ sei mittlerweile bei der Kriminalpolizei und werde jetzt untersucht. Zuerst müsse man feststellen, ob es sich tatsächlich um einen Teil eines menschlichen Schädels handle.

Gregor Schmid ist sich in dieser Sache freilich ziemlich sicher. Ein menschlicher Schädel, sagt Schmid, habe sehr charakteristische Merkmale. „Unter anderem gibt es diese schönen Nähte, wo die Knochenteile zusammenwachsen.“ In der Fachsprache heißen sie Suturen. Und genau solche Knochennähte sind auf der gewölbten Kalotte zu sehen: Verlauf und Linienführung sind wie aus dem Lehrbuch.

Das Alter kann ermittelt werden

Wie kommt der mutmaßlich menschliche Schädel auf das Gleisbett im Neckartal? Und wie alt ist der Schädel? Letzteres wird auf jeden Fall geklärt, sollte auch die Kriminalpolizei zu dem Schluss kommen, dass es sich um einen menschlichen Schädel handelt, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums. „Wenn es um Leben und Tod eines Menschen geht, wird so etwas besonders gründlich untersucht.“

Erst über das Alter des Schädels wird man sich der Frage annähern können, wie der Knochen dorthin kam, und im besten Fall: wer der Tote war.

Friedhofsaushub muss auf dem Friedhof bleiben

Dabei muss es sich nicht um einen Fall von Mord und Totschlag handeln. Denkbar wäre zum Beispiel, dass es sich um Friedhofsaushub handelt – der allerdings dann illegal entsorgt worden wäre. Friedhofsaushub außerhalb der Friedhofsmauern zu deponieren, „ist verboten“, sagt die Sprecherin der Rottenburger Stadtverwaltung, Birgit Reinke. „Das kann es also nicht sein.“ Denn „was aus dem Friedhof rauskommt, muss dort auch wieder rein“, egal ob es sich um Asche, Gebeine oder Erde handelt. Es muss nicht unbedingt am selben Ort, also direkt bei den Gräbern, aber eben irgendwo auf dem Friedhofsgelände wieder eingearbeitet werden.

Die Rottenburger Friedhöfe, egal ob Sülchen- oder Klausen-Friedhof, sind zudem kilometerweit entfernt von der Fundstätte des Schädels, westlich von Rottenburg, zwischen Neckarhalde und Bronnmühle. Auch gibt es dort in der Nähe, wie Stadtarchivar Peter Ehrmann sagt, keine irgendwie bekannten altertümlichen Grabstätten, aus denen ein Tier einen Schädel hätte verschleppen können.

Was es aber in unmittelbarer Nähe gibt, ist der alte Steinbruch. Dort mussten während des Dritten Reichs Häftlinge Steine brechen und zu Schotter verkleinern. Es gab viele Zwangsarbeiter, die aufgrund der unmenschlichen Bedingungen starben, auch Häftlinge, die bei einem Fluchtversuch erschossen wurden. Die Leichen wurden, soweit man weiß, jedoch beerdigt oder zu Forschungszwecken in die Tübinger Anatomie geliefert. Berichte darüber, dass tote Häftlinge in Steinbruchnähe einfach verscharrt wurden, sind bislang nirgends aufgetaucht, sagt die Historikerin Benigna Schönhagen, die unter anderem über Zwangsarbeiter im Rottenburger Steinbruch geforscht hat.

Hat der Biber gebuddelt?

Ebenfalls in der Nähe: der Neckar, der Treibgut aller Art anschwemmt. Womöglich auch den Schädelknochen? An dieser Stelle ist zudem ein Biber sehr aktiv, wie Gregor Schmid berichtet. Der Biber habe seinen Bau dort auf einer kleinen Neckarinsel und gestalte die Landschaft durch Graben und Fällen von Bäumen ordentlich um. Hat er womöglich den Schädel aus der Erde gebuddelt?

Auf Antworten zu den Fragen, die der Fund aufwirft, muss man freilich noch eine Weile warten. „Die Untersuchungen haben erst begonnen“, sagt der Sprecher der Polizei Reutlingen. „Wir sind völlig am Anfang und können noch gar nichts sagen.“ Nicht einmal, ob der Schädelknochen von einem Menschen oder einem Tier stammt.