„Manchmal vergisst mein Kopf, dass mein Umfang jetzt kleiner ist‘, sagt die 32-jährige Donaueschingerin Bianca Mäule und lacht. Foto: Nadja Varsani

Jahrelang kämpft Bianca Mäule mit Übergewicht. Sie entscheidet sich für einen Eingriff, der er viel abverlangt. Doch ihr Durchhaltevermögen zahlt sich aus.

„Ich kann bis heute nicht mit Komplimenten umgehen“, sagt Bianca Mäule, „denn das musste ich davor nie lernen.“ Sie sitzt an ihrem Esstisch im Wohnzimmer. Neben ihr liegt ein Puzzle, eine Landschaft mit einem Sonnenuntergang aus tausend Teilen. Heute sagen ihr Menschen, sie sei attraktiv, Männer sprechen sie auf der Straße an.

 

Doch das war nicht immer so. „Wenn du dick bist, wirst du auch wahrgenommen – aber anders.“ Dicke Menschen werden gesehen, aber nicht beachtet, findet sie. „Ich war mein ganzes Leben lang immer ein bisschen mehr und war dennoch zufrieden mit mir“, erzählt die 32-jährige Donaueschingerin.

Sie sei keine Person gewesen, die sich wegen ihres Gewichts versteckt habe. „Ich hatte Freunde, einen Partner, habe am See Bikini getragen und bin feiern gegangen“, sagt sie. Immer wieder habe sie dennoch versucht, ihr Gewicht zu reduzieren. Vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Zahlreiche Diäten, Sportversuche und eine Kur später weiß die damals 27-Jährige, dass es so nicht funktionieren wird. In der Kur wurde zuvor festgestellt, dass sie unter anderem an einer Schilddrüsenunterfunktion leidet und eine Fettverteilungsstörung (Lipödem) hat.

„Das waren keine besonders guten Voraussetzungen, um nur mit einer Verhaltensänderung langfristig Gewicht zu reduzieren, und so habe ich mich damals von meinem Hausarzt zu alternativen Methoden beraten lassen“, berichtet Bianca Mäule. Mit Ende 20 habe sie sich auch Gedanken darüber gemacht, wie es sein würde, eine Familie zu haben: „Ich konnte mir nicht vorstellen, meinem Kleinkind auf dem Spielplatz hinterherzujagen und nach zwei Metern aus der Puste zu sein“, betont sie. Auch verschiedene gesundheitliche Probleme wie Rücken- und Knieschmerzen motivierten sie, langfristig etwas ändern zu wollen.

Sie führt Tagebuch

Bianca Mäule entscheidet sich für eine Magenverkleinerung mittels Bypass-Methode. Kein einfacher Weg. Sechs Monate lang bereitet sie sich auf die Operation vor. Damit sie einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse stellen kann, führt sie Tagebuch, notiert täglich, was sie isst und wie viel sie sich bewegt. Auch ein psychologisches Gutachten und verschiedene ärztliche Bewertungen sind Teil des Antrags.

Jede Mahlzeit wird überwacht

Im März 2021 steht schließlich der Operationstermin an. Zu diesem Zeitpunkt wiegt sie 131 Kilogramm. „Ich musste morgens noch einen Corona-Test machen, erst danach konnte ich operiert werden“, erinnert sie sich. Wegen der Pandemie muss sie die Tage im Krankenhaus allein verbringen, Besuch ist nicht erlaubt. Anfangs habe sie nur geringe Mengen Wasser trinken können, jede Mahlzeit wurde überwacht. „Mein Magen hatte ein Fassungsvermögen von 100 Millilitern“, berichtet sie.

Wochenlang nur Brühe

Es folgen Wochen, in denen sie sich nur von Brühe ernähren kann. Erst langsam gewöhnt sich der veränderte Stoffwechsel wieder an feste Nahrung. „Rinderbrühe, Hühnerbrühe, Eiweißshakes, irgendwann dünne Cremesuppen. Erst nach zwölf Wochen konnte ich wieder etwas festere Nahrung zu mir nehmen. Diese Ernährung führte dazu, dass ich keine Energie hatte und lange krankgeschrieben war“, erklärt Bianca Mäule. Zu der Zeit arbeitet die gelernte Kauffrau für Dialogmarketing in einem Callcenter der Telekom. Ihr damaliger Freund und ihr Arbeitgeber unterstützen die Heilungsphase. „Mein Partner hat damals alles übernommen, was mehr Kraft brauchte. Ich konnte keinen vollen Wäschekorb heben.“ Erst nach fünf Monaten kann sie wieder größere Mengen essen und ihre Kräfte kommen zurück.

Sie möchte anderen Menschen Mut machen, sich nicht zu verstecken. Bianca Mäule aus Donaueschingen teilt ihre Geschichte deshalb auf Instagram. Foto: Nadja Varsani

Innerhalb eines Jahres nimmt Bianca Mäule 60 Kilogramm ab. Sie teilt ihr Leben auf Instagram. Die Frau auf den Bildern des Kanals schaut selbstbewusst in die Kamera, sie trägt ein kurzes Top. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Narbe, die horizontal über den Bauch verläuft. „Ich hatte einen enormen Hautlappen am Bauch. Denn die Haut konnte sich nicht so schnell zurückbilden, wie ich abgenommen habe“, erzählt sie.

Weitere OPs folgen

Nach und nach unterzieht Bianca Mäule sich weiteren Operationen. Sie lässt die Oberschenkel und den Bauch straffen. „Das war auch medizinisch notwendig, denn ich hatte immer wieder wunde Stellen in den Hautfalten.“

Ihre Narben will sie nicht verstecken. „Ich hatte nie das Bedürfnis, geheim zu halten, dass ich eine Magenverkleinerung oder die Hautstraffungen hatte. Ich kann mich jetzt anders anziehen und möchte mich nicht einschränken, nur weil da Narben sind“, sagt sie.

Nicht nur ihr Kleidungsstil hat sich verändert. „Ich fühle mich jetzt viel freier in der Bewegung. Aber es hat gebraucht, bis ich das auch mental verarbeitet hatte. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass ich jetzt weniger Raum einnehme“, sagt Bianca Mäule und lacht.

„Das ist mir früher nie passiert“

Auch ihr Umfeld reagiert anders auf sie. „Ich werde häufig auf der Straße angesprochen, das ist mir früher nie passiert.“ Der Weg dorthin war lang und oft schmerzhaft. Doch die Strapazen würde sie jederzeit wieder auf sich nehmen, sagt sie. Denn am Ende habe sie vor allem eines gewonnen: gesundheitliche und körperliche Freiheit. Sie nimmt eines der Puzzleteile auf dem Tisch und schließt damit eine Lücke im Landschaftsmotiv.

Magenbypass

Für wen kommt das infrage?
Bei starkem Übergewicht ist ein Magenbypass eine chirurgische Behandlungsmöglichkeit, den Magen zu verkleinern. Die führt zusammen mit einer Umleitung des Dünndarms zu einer schnellen Sättigung und geringerer Nährstoffaufnahme. Betroffene können so weniger Nahrung aufnehmen, und die Sättigung tritt schneller ein. Die Operation wird in der Regel nur empfohlen, wenn andere Maßnahmen wie Ernährungsumstellung, Bewegung oder medizinische Programme langfristig nicht geholfen haben. Vor dem Eingriff finden umfangreiche medizinische und oft auch psychologische Beratungen statt.