Ein Abend, den man nicht so schnell vergisst: Der Pulitzer-Preisträgers Nathan Thrall hat im Literaturhaus sein Buch „Ein Tag im Leben von Abed Salam“ vorgestellt. Es enthüllt die hoffnungslose Lage der Palästinenser, die täglich hoffnungsloser wird.
Nach dem mörderischen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 wurden sofort Stimmen laut, die auf den Schrecken mit dem „Ja, aber“ seiner Kontextualisierung reagierten. Mit guten Gründen konnte man darin die Relativierung eines Geschehens sehen, die sich von welchen unterschwelligen Motiven oder Ressentiments auch immer getrieben, vorschnell über Trauma und Trauer der Betroffenen hinwegsetzen wollte. Inzwischen tobt ein mit rücksichtsloser Härte geführter Krieg, dem jüdische Geiseln wie Tausende unschuldiger palästinensischer Zivilisten zum Opfer fallen. Die Frage der Kontextualisierung stellt sich damit anders als noch vor elf Monaten.
Wenige Tage vor dem Hamas-Massaker hat der amerikanisch-jüdische Journalist Nathan Thrall sein Buch „Ein Tag im Leben von Abed Salama“ veröffentlicht. Er dokumentiert darin den Unfall eines Schulbusses, in dem palästinensische Kinder einen Ausflug unternommen haben. Sechs von ihnen starben dabei, darunter der Sohn jenes Abed Salama. Es ist ein Ereignis unterhalb der Schwelle der Aufmerksamkeit, die im jüdisch-palästinischen Konfliktgebiet für Vorfälle anderer Art reserviert ist. Doch gerade darin liegt die bestürzende Qualität der Recherche, für die der Autor in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis geehrt wurde.
Je weiter Thrall in die Hintergründe des Unglücks eindringt, zeigt sich, dass sich darin eben nicht die Fäden des Schicksals verknüpfen, sondern die Umstände, die dem palästinensischen Alltag in Israel aufgezwungen werden. Ein System von Kontrollen, Ausschließungen, in dem die Farbe des Passes über alles entscheidet, Hochzeiten, Arbeitsverhältnisse – und den verzweifelten Leidensweg eines im Checkpointlabyrinth um das Leben seines Kindes fürchtenden Vaters. In nuce ist in dem, was das Leben Abed Salamas aus der Bahn geworfen hat, die ganze palästinensische Tragödie enthalten. Kein Aspekt der nicht von der Besatzung beeinflusst wäre.
Im Literaturhaus Stuttgart spricht Nathan Thrall mit der Autorin Deborah Feldman über die Entstehung seines Buches. Und das ist nicht selbstverständlich, eine geplante Lesung in Frankfurt wurde noch vor einigen Monaten kurzfristig abgesagt. Thrall stammt aus einer eher konservativen jüdischen Familie, die aus der Sowjetunion in die USA eingewandert ist. Seine israelkritischen Arbeiten stoßen darin auf wenig Begeisterung. Seit zehn Jahren lebt er in Jerusalem, beinahe Wand an Wand mit dem palästinensischen Protagonisten seines Buches, wobei Wand an Wand heißt, dass ihre räumliche Nähe durch den unüberwindlichen Sperrwall geschieden ist, der das Westjordanland von seinem Viertel trennt.
Es sind intime Einblicke in palästinensisches Leben, die sein Buch gewährt, Einblicke, die auch Befremdliches nicht verschleiern. Ihm sei es darauf angekommen seine Figuren so dreidimensional wie möglich zu zeichnen, eben nicht als perfekte Opfer. Genau dieser unvoreingenommene Blick sichert seiner akribisch recherchierten Darstellung ihre Glaubwürdigkeit. Dabei kommt auch die Perspektive der Siedler nicht zu kurz: „Eine linke Zeitung hat mir vorgeworfen, ich würde sie so überzeugend zeigen, als wollte ich die Leute bekehren.“ Diese Absicht kann man ihm nun beim besten Willen nicht unterstellen. In einer Zeit, in der immer mehr Gebiete in der Westbank annektiert wurden, und die Lage der Palästinenser aus dem Focus der Aufmerksamkeit zu rücken drohte, habe er zeigen wollen, was der Status Quo, an dem keine israelische Regierung, ob rechts, Mitte, oder links, etwas geändert habe, für sie bedeutet. Mit der Rede von Israel als einziger Demokratie im Nahen Osten würde unterschlagen, dass unter der Besatzung für einen großen Teil der dort Lebenden grundlegende Bürgerrechte faktisch ausgesetzt seien.
Absolute Verzweiflung
Und dann kam der 7. Oktober. In den letzten Monaten sei mehr Land beschlagnahmt worden als in den zehn Jahre zuvor, sagt Thrall. „Wir befinden uns an einem Punkt absoluter Verzweiflung und es gibt kein Zeichen am Horizont, dass hier Einhalt geboten würde – im Gegenteil.“ Der Prozess von Vertreibung und Landnahme gewinne mit dem Gaza-Krieg immer mehr an Fahrt. Die Vorstellung, es müsse auf die Alternative entweder eines eigenen Staats für die Palästinenser oder ihre gleichberechtigte Teilhabe innerhalb Israels hinauslaufen, führe in die Irre. Zwar habe die palästinensische Seite inzwischen akzeptiert, sich mit 22 Prozent des ursprünglichen Gebiets Palästinas zufrieden zu geben. Aber Israel habe durchaus eine dritte Möglichkeit, nämlich keines von beidem umzusetzen und so weiterzumachen wie bisher.
An dieser Stelle übernimmt der Nahostexperte Jörg Armbruster den Part des Fragenden, sichtlich berührt von den „harten und herausfordernden“ Einsichten des Abends. Ob der mit exzessiver Gewalt geführte Gaza-Krieg auf die Westbank überzugreifen drohe? Thrall sieht dafür deutliche Anzeichen, die Militärmacht gehe dort mit einer Brutalität vor, wie man sie bisher nur in Gaza erlebt habe. Möglicherweise plane man, die palästinensischen Gebiete im Westjordanland vollständig zu umzingeln und von außen zu kontrollieren. Als Reaktion gewinne die dort nie besonders starke Hamas unter jungen Leuten Zulauf. Die Fatah sei diskreditiert, sie habe gegen die eigene Bevölkerung mit Israel kollaboriert, in der vergeblichen Hoffnung auf einen eigenen Staat.
Mit der militanten Hamas, die das Existenzrechts Israels negiert, als Verhandlungspartner würden die Aussichten auf eine Lösung nicht gerade steigen, merkt Armbruster an. Wie sollte mit diesem Gegenüber für das zentrale Problem der israelischen Politik, die Sicherheit, eine Antwort gefunden werden? Thrall wendet ein, die Frage der Sicherheit lasse sich so instrumentalisieren, dass es nie zu einer Änderung kommen werde, stattdessen die Annexion palästinensischer Gebiete immer weiter voranschreite.
„Gibt es überhaupt noch Hoffnung, dass dieser Konflikt irgendwann einmal gelöst wird“, will Armbruster am Schluss wissen? Zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr, antwortet Thrall, aber vielleicht würden seine Kinder es noch erleben. Etwas optimistischer klingt Deborah Feldman. Sie kenne so viele junge Palästinenser und junge Israelis, deren Art und Weise über diesen Konflikt zu sprechen so grundsätzlich anders sei als die ihrer Eltern: „Es kommt darauf an, sie gegen die gewaltsamen Kräfte zu unterstützen, ihnen Raum zu geben und ihren anderen Ansätzen Gehör zu verschaffen.“ Die Emotionen, die sie an diesem Abend im Saal gespürt habe, gäben ihr Mut. Langer Beifall.
Man tut gut daran, sich in diesem Konflikt nicht vorschnell in Überzeugungen zu vermauern, sondern gut zuzuhören. Neben der Geschichte, die Nathan Thrall festgehalten hat, mag es andere geben. Wer sich aber ein Bild der Situation machen will, wird um sein erschütterndes Buch nicht herumkommen.
Nathan Thrall: Ein Tag im Leben von Abed Salama. Übersetzt von Lucien Deprijck. Pendragon Verlag. 336 Seiten, 26 Euro.