Morddrohungen, ständiger Lärm, mögliche Schüsse und Polizeieinsätze: Bewohner eines Hauses in Dauchingen schildern ein Jahr voller Angst. Jetzt gehen sie an die Öffentlichkeit.
Seit mehr als einem Jahr leben die Menschen rund um ein Mehrfamilienhaus im Dauchinger Mummelseeweg in Angst – dem Psychoterror eines Mannes ausgesetzt, der nicht vor Morddrohungen zurückschreckt und mit ständigen Ausrastern für Polizeieinsätze sorgt. Das schildern mehrere Anwohner unserer Redaktion glaubhaft. Hilfesuchend wenden sie sich an die Öffentlichkeit – „bevor etwas Schlimmes passiert“, erklären sie.
Selbst von besinnlichen Weihnachten konnten die Bewohner, die aus Angst vor dem Betroffenen anonym bleiben möchten, nur träumen. An Heiligabend und am ersten Weihnachtsfeiertag musste abermals die Polizei, teils mit zwei Streifen, anrücken. „Er randalierte in seiner Wohnung aufs Übelste, bis die Gläser in meiner Vitrine wackelten (!!!), schrie aus vollem Hals und drehte wieder die Musik voll auf“, schreibt einer der Betroffenen über die jüngsten Ereignisse. Ein Zustand, der die Anwohner zu nervlichen Wracks macht. Das wird beim Besuch unserer Redaktion vor Ort deutlich.
„Bei jedem Geräusch bin ich in Habachtstellung“
Die Frauen und Männer erzählen von einem Jahr „in der Hölle“, geprägt von ständiger Angst und der Ungewissheit, wann wieder etwas passiert. „Bei jedem Geräusch bin ich in Habachtstellung“, heißt es von einer Bewohnerin. Schlafstörungen seien die Folge. Eine andere aus dem Umfeld erklärt: „Ich habe Angst, aus der Wohnung zu gehen.“ Teilweise traue man sich nur mit gezücktem Pfefferspray und dem Handy in der Hand aus dem Haus, um sich im Notfall zu wehren und Hilfe zu rufen.
Wie kam es dazu, dass die Menschen im Mummelseeweg augenscheinlich kaum noch in Frieden leben können? Die Betroffenen erklären, dass der Mann bereits seit einigen Jahren dort wohne und lange Zeit unauffällig gelebt habe. Das habe sich vor zwei Jahren schleichend geändert. Im November 2024 habe sich die Lage schließlich deutlich zugespitzt.
20 Polizeieinsätze in einem Jahr
Eine Bewohnerin berichtet davon, zur Zielscheibe des Mannes geworden zu sein – Stalking und Beleidigungen seien die Folge gewesen. Ein Annäherungsverbot laufe faktisch ins Leere. Und das Ganze sollte erst der Anfang des Unheils sein, das sich über dem Mummelseeweg zusammenbraute.
Laute Beschallung zu jeder Tages- und Nachtzeit, oftmals bei geöffnetem Fenster, Schläge gegen die Wohnungstüren, Schreie, laute Rufe im Treppenhaus („Ich bin wieder da!“), ein Entlangfahren mit Stiften an der Heizung, um den Lärm ins ganze Haus zu tragen – die Palette des Psychoterrors scheint vielfältig. Die Grünflächen um das Haus zeugen davon, dass der Mann regelmäßig Gegenstände aus dem Fenster wirft. Das zieht zahlreiche Polizeieinsätze nach sich (seit einem Jahr kamen die Beamten rund 20 Mal an die Wohnadresse) – unter anderem auch jenen, der in ganz Dauchingen und darüber hinaus für Aufsehen sorgte.
Beamten fahren mit Maschinenpistole vor
Denn am 7. Dezember habe der Mann zunächst einem Anwohner mit dem Tod gedroht („Du bist tot, du Hurensohn“). Dann beobachteten Bewohner, wie er mit einer mutmaßlichen Schusswaffe durch die Straße lief, zwei Knallgeräusche schreckten die Nachbarschaft auf. Die Polizei wurde alarmiert – die Beamten legten schutzsichere Westen an und rüsteten sich mit Maschinenpistolen aus, bevor sie in den Mummelseeweg fuhren.
Als zahlreiche Streifen mitsamt Polizeihund anrückten, war der mögliche Aggressor bereits verschwunden. Erst nach einiger Zeit wurde er aufgegriffen – ohne Waffe. Eine solche wurde auch im Nachgang nicht gefunden. Hinweise auf den Verbleib habe die Polizei, wie sie im Nachgang über einen Pressesprecher mitteilen ließ, nicht erlangen können.
Anwohner mit den Nerven am Ende
Die Beamten sprechen in diesem Zusammenhang von einer „psychischen Auffälligkeit“ – das können die Anwohner bestätigen und sehen die Zustände als Auswirkung einer möglichen Psychose. 36 Stunden kam der Mann daraufhin in eine Fachklinik. Dann stand er wieder auf der Matte – der Psychoterror und die Angst begannen von neuem.
„Wir sind mit den Nerven am Ende“, fasst es eine Bewohnerin zusammen. Der Mann habe „unser Privatleben in seiner Macht“, Besuch empfange man in den eigenen vier Wänden nicht mehr. Doch trotz der massiven Auswirkungen werde dem Treiben kein Riegel vorgeschoben. Die Bewohner fühlen sich nicht ernst genommen – ihnen gegenüber werde von verschiedenen Stellen erläutert, dass den Behörden die Hände gebunden seien. Dabei sehen sie auch die Notwendigkeit, dem Mann mit seinen offensichtlichen Problemen zu helfen.
Die Voraussetzungen, um ein nachhaltiges Eingreifen durch die Behörden zu ermöglichen, seien bislang nicht erfüllt. Auch ein gesetzlicher Betreuer finde keinen Zugang zu ihm. „Es muss wohl erst jemand zu Schaden kommen“, sagt ein Anwohner. Und im Mummelseeweg ist man überzeugt: Wenn die Behörden nicht bald einschreiten, wird genau dies passieren.
Was unternimmt die Gemeinde Dauchingen gegen den Psychoterror und wie beurteilen Polizei und Staatsanwaltschaft die Situation? In weiteren Artikeln lassen wir die Behörden zu Wort kommen.
Die Sicht der Behörden auf die Lage in Dauchingen
Fortsetzung
Was unternimmt die Gemeinde Dauchingen gegen den Psychoterror und wie beurteilen Polizei und Staatsanwaltschaft die Situation? In weiteren Berichten widmen lassen wir die Behörden zu Wort kommen.