Wir bleiben ein Leben lang die Kinder unserer Eltern. Oft beeinflussen uns die Wünsche und Forderungen der eigenen Eltern, auch wenn wir längst schon erwachsen sind. Wie kann eine Beziehung auf Augenhöhe gelingen?
Eine Mutter klagte kürzlich vor einem Gericht in der norditalienischen Stadt Pavia gegen ihre beiden Söhne, die inzwischen 40 und 42 Jahre alt sind, aber immer noch bei ihr lebten. Die Mutter wollte, dass ihre Söhne endlich ausziehen. Das Gericht gab ihr recht. Die Jungs müssen nun bis Mitte Dezember eine eigene Bleibe finden. Ein ungewöhnlicher Fall. Denn oft erleben erwachsene Kinder das genaue Gegenteil: Die Eltern mischen sich immer noch ständig in ihr Leben ein oder stellen Forderungen. Warum besuchst du uns so selten? Warum gibst du so viel Geld aus?
Plötzlich ist man wieder das kleine Kind
Und dann sitzen viele Erwachsene mit Ende dreißig beim Sonntagskaffee bei den Eltern und werden wieder zornig wie damals als Fünfjährige. Denn egal, wie alt wir werden, wir bleiben doch ein Leben lang die Kinder unserer Eltern. Und oft versuchen wir immer noch unbewusst deren Erwartungen zu erfüllen. „Wir sind dann zwar finanziell unabhängig, längst ausgezogen und haben vielleicht sogar eigene Kinder und ein eigenes Zuhause, aber die emotionale Ablösung hat nie stattgefunden“, sagt die Hamburger Psychologin Sandra Konrad. Seit 20 Jahren arbeitet sie als systemische Therapeutin vornehmlich zu Familienkonflikten.
Sie hat zudem ihre Doktorarbeit über die mehrgenerationale Weitergabe von Traumata geschrieben. Kürzlich ist ihr Buch „Nicht ohne meine Eltern – wie gesunde Ablösung all unsere Beziehungen verbessert“ erschienen. Es geht um die emotionale Abnabelung von den eigenen Eltern. Konrad betont: „Das ist ein lebenslanger Prozess und die wichtigste Aufgabe unseres Lebens.“
Wenn Erwachsene immer noch viele Konflikte mit ihren Eltern haben und sie diese sogar häufig zur Weißglut treiben, stecken dahinter oft unbewusste Erwartungen aus längst vergangenen Zeiten. Beispielsweise, dass die Eltern ihren Kindern endlich das geben, was diese in ihrer Kindheit vermisst haben: Liebe, Anerkennung und Respekt. Häufig kochen diese alten Verletzungen wieder hoch, wenn die Eltern plötzlich pflegebedürftig werden und die Kinder in die Rolle der Versorger schlüpfen müssen. Dann werden auf einmal auch gestandene 60-Jährige plötzlich wieder zum wütenden Teenager, der die 90-jährigen Eltern hilflos anschreit. Die amerikanische Autorin Harriet Sarnoff Schiff nannte diese Personen „Chadult“ (Zusammensetzung aus „adult“ und „Child“); sie meinte damit Frauen und Männer, die angesichts der hilfsbedürftigen und alt werdenden Eltern wieder mit ihrer eigenen Kindheit und alten Verletzungen konfrontiert werden und sich dann oft auch wieder wie Kleinkinder gegenüber den Eltern benehmen.
Manchmal muss man die Eltern enttäuschen, um selbst glücklich zu werden
Deshalb kommt erschwerend hinzu, dass es eben die eigene Lebensaufgabe ist, sich von unerwünschten Erwartungen der Eltern zu befreien. Es kann zum Beispiel sein, dass die Eltern ihr Kind später immer als Ärztin oder Anwältin gesehen haben, dieses sich aber für einen anderen Beruf entschieden hat. „Natürlich dürfen die Eltern das blöd finden, wenn wir einen anderen Beruf gewählt haben“, sagt Konrad. „Sich selbst treu sein heißt mitunter, die Eltern zu enttäuschen, und das kann man als Erwachsener aushalten lernen.“
Viele tun sich schwer damit. Eine Studie von Heike M. Buhl, Professorin für pädagogische Psychologie an der Universität Paderborn, kam zu dem Ergebnis, dass die Beziehung zu den eigenen Eltern im Erwachsenenalter konflikthafter ist als die zu Freunden. Positiv daran sei, so Buhl, dass die Kinder oft Rat bei den Eltern suchen konnten, umgekehrt aber bei nicht gewünschter Einmischung schnell alte Widerstände hochkamen.
Erwachsen werden, das bedeutet auch, vollständig die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Konrad rät: „Dazu müssen wir die eigenen Erwartungen an die Eltern hinterfragen. Und aufhören, uns etwas von ihnen zu wünschen, was sie uns noch nie geben konnten.“ Gerade dies sei wichtig, um unabhängig von den Eltern zu werden.
Aber wie kann ein erwachsener Umgang mit den eigenen Eltern gelingen? „Das Allerwichtigste bei der Abnabelung von den Eltern ist nicht die neu gestaltete Beziehung zu den Eltern, sondern die liebevolle Beziehung zu uns selbst“, betont sie. Sie nennt es „sich selbst eine gute Mutter sein“.
Sie rät, sich bewusst zu machen, was die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele im Leben sind. Und dafür einzustehen. „Irgendwann können wir mit einer erwachseneren Brille auf unsere eigenen Eltern schauen“, sagt die Psychologin. Dazu müsse man den eigenen Blick wieder etwas weiten: „Wie sind die Eltern aufgewachsen? Welche Mängel und Wunden haben sie in ihrer Kindheit erfahren? Dann erkennen wir oft, dass sie uns schon die besten Eltern waren, die sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte sein konnten – auch wenn das für uns nicht immer gut genug war.“
Viele alten Wunden tauchen später im Leben wieder auf
Erkennen wir unsere alten Wunden aus der Kindheit an und lösen sie auf, werden wir laut Konrad erst frei im Leben. Je verstrickter die Beziehung zu den Eltern ist und je mehr Konflikte bestehen, desto eher neigen wir dazu, die Dramen unbewusst mit anderen Menschen zu reinszenieren, vor allem mit dem Partner und den eigenen Kindern. „Wir fallen dann oft auf kindliche Anteile zurück, reagieren über und können uns nur schwer beruhigen“, sagt Konrad.
Doch auch Eltern tun gut daran, die Abnabelung als Lebenswerk zu begreifen. Denn diese Ablösung ist keine Einbahnstraße. Und so gibt es auch Eltern, die sich unbewusst gegen eine Abnabelung wehren und Kindern später im Erwachsenenalter kaum Freiheiten einräumen. Als sei es die Aufgabe der Kinder, ein Leben lang integraler Teil des elterlichen Alltags zu bleiben. Die eigentliche Aufgabe der Eltern sei, ihren Kindern Wurzeln und Flügel zu geben, sagt Sandra Konrad. Wenn Eltern ihre Kinder bei einer gesunden Abnabelung unterstützen, haben es auch die Kinder später einfacher. Eigentlich haben es dann alle leichter.
Zur Person
Leben
Sandra Konrad, geboren um 1975, ist Diplom-Psychologin, systemische Einzel-, Paar- und Familien-Therapeutin und Autorin mehrere Sachbücher.
Werk
Ihr aktuelles Buch „Nicht ohne meine Eltern. Wie gesunde Ablösung all unsere Beziehungen verbessert“ dreht sich darum, wie eine gesunde Abnabelung von den eigenen Eltern im Erwachsenenalter vollzogen werden kann. (nay)