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Psychologe zur Corona-Pandemie "Die Politik hat keine Fehler gemacht"

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Psychologe Dietrich Wagner hilft Menschen mit seiner Expertise durch die Krise. (Archivfoto) Foto: Jänsch

Psychologe Dietrich Wagner arbeitet unter anderem mit depressiven und in Abhängigkeit geratenen Menschen. Wie es seinen Patienten in der Krise geht, und warum er die Corona-Pandemie auch als Chance begreift, erklärt der 53-Jährige in unserem (SB+)Artikel.

Neuenbürg - In seiner Neuenbürger Praxis sowie im Pforzheimer Lore Perls Haus betreut Psychologe Dietrich Wagner unter anderem depressive und in Abhängigkeit geratene Menschen.

Herr Wagner, der erneute Lockdown und die Unsicherheit durch die Corona-Pandemie trifft viele Menschen hart. Nehmen Sie in den vergangenen Wochen eine spürbare Zunahme von Klienten wahr?

Nein, das nicht. In der Praxis wie auch im Lore Perls Haus galt mitunter der Lockdown. Im März hatten wir nur noch telefonische Sprechstunde, weil wir direkten Kontakt nicht herstellen durften. Sowas macht sich natürlich schon bemerkbar. Ich kann Ihnen aber eine andere alarmierende Zahl sagen.

Bitte!

Im Lore Perls Haus haben wir eine Fachstelle für psychisch Kranke. 40 Menschen werden dort betreut. Von diesen 40 Menschen hat man etwa alle zwei Monate mal einen, der psychotische Symptome zeigt, also wahnhafte Vorstellungen hat oder sich bedroht fühlt. Davon hatten wir nun seit März vier bis fünf jeden Monat, beispielsweise weil Unterstützungsangebote oder soziale Kontakte weggefallen sind oder aber sie ihre Medikamente nicht mehr nehmen, weil sie aus Angst vor Ansteckung nicht mehr zum Arzt gehen.

Das ist ja fast das Zehnfache! Aber glauben Sie, die Krise kann auch für gesunde Menschen zum Problem werden?

In einer gesellschaftlichen Krise, wenn alles bröckelt, dann haben die Leute wenig Zeit, sich noch um andere Krisen zu kümmern. Sie kümmern sich stattdessen um das ganz offensichtliche: Corona, Kurzarbeit. Da fallen die anderen Themen zunächst hinten runter, die kommen erst später. Da wird es in ein bis zwei Jahren einen Berg an Menschen geben, die Hilfe aufsuchen.

Und diese Entwicklung, glauben Sie, steht in direktem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und den geltenden Einschränkungen für die Menschen?

Ja klar, es gibt eben Leute, die so verunsichert sind durch die ganze Situation und die Verschwörungstheorien. Was stimmt jetzt, wem soll man glauben? Das bringt eben massive Verunsicherung, vor allem bei Menschen mit depressiven oder psychosomatischen Erkrankungen. Die Krisenzeit führt bei zig Leuten dazu, dass Verhaltensweisen, die sie vorher schon gezeigt haben, in so einem Zeitraum zunehmen. Alkoholabhängige beispielsweise trinken viel, werden arbeitslos und trinken dadurch noch mehr. Durch den Verlust dieser Regelmäßigkeit werden die bereits angelegten Muster verstärkt. Aber es gibt auch die Gruppe der Kranken, die in so einer Situation stabiler werden. Weil sie wissen, dass es lohnt, jetzt abstinent zu sein. Weil sie fürchten, wenn sie jetzt rückfällig werden, nie wieder auf die Beine zu kommen.

Wie können Sie den Menschen dann helfen? Immerhin sind die Umstände ja aktuell kaum zu ändern?

Also was sehr hilfreich ist, ist schlichtweg, dass man aufklärt, was Krise wirklich bedeutet und zeigt, welche Phasen einer Krise es gibt.

Welche gibt es denn?

In der ersten Phase zeichnet sich eine Krise dadurch aus, dass man nicht wahrhaben will, dass es eine Krise ist oder wie umfangreich die Krise ist. Da realisiert man, dass man mit seinen bisherigen Möglichkeiten im Verhalten nicht mehr klar kommt. Dann kommt man in die zweite Phase – auf der Suche nach neuen Fähigkeiten, eine Art Lernphase. Was kann ich denn jetzt tun? In der dritten Phase, begreift man die Krise als eine Art Chance, dass ich anders mit meinem Leben umgehe, eine Gesellschaft sich neu organisiert.

Und wie hilft das den Menschen dann?

Wenn die neuen Handlungsmöglichkeiten nicht funktionieren, dann kann man schauen, was kann ich denn noch Neues versuchen. Da muss man sehr sensibel sein, den Menschen die richtigen Werkzeuge an die Hand geben. Therapeutische Gespräche sind in Krisenzeiten aber nicht ganz einfach, weil sich Menschen auch existenziell bedroht fühlen. Eine Therapie verlangt ja, dass man sich längerfristig seine Konzepte anschaut. Wenn man aber sehr stark bedroht ist, dann arbeitet man bei einer Krisenintervention viel mehr im Hier und Jetzt. Wenn jemand das Wasser bis zum Hals steht, brauche ich mit ihm nicht über Schwimmtechniken zu reden, sondern dann muss ich ihm einen Rettungsring geben. Das ist therapeutisch auch wertvoll, aber wir können dann langfristige Ziele kaum besprechen.

Was hätte die Politik Ihrer Meinung nach besser machen können?

Ich glaube, dass die Politik da nicht irgendwas groß falsch gemacht hat. Klar war der Kenntnisstand am Anfang anders als jetzt. Aber ich habe das Gefühl, dass man immer nach dem Kenntnisstand agiert hat, den man hatte. Das große Problem ist, dass wir insgesamt in einer Kultur sind, wo die gründliche Diskussion zulasten von Unterhaltung abhanden gekommen ist. Es fehlt eine gründliche Debatte. Wie wichtig dieser Austausch ist, merkt man jetzt in der Krise auch. Das andere Problem ist: Eine Gesellschaft darf nicht nur auf Effizienz und Effektivität getrimmt sein, sondern sie muss sich längerfristig auch auf das Überleben organisieren, um Krisen gut durchzustehen. Denn was so sicher ist wie das Amen in der Kirche: Die nächste Krise wird kommen. Die Corona-Krise ist nur das laue Lüftchen. Ich bin kein Freund vom apokalyptischem Denken. Aber die Leute haben immer gedacht, dass der Klimawandel irgendwann mal kommt. Aber wir werden viel schneller gezwungen sein, etwas zu ändern, als wir eben denken.

Was raten Sie Menschen, denen zu Hause inzwischen die Decke auf den Kopf fällt?

Ich glaube, dass jeder Mensch ganz individuell in seinem Leben früher oder auch aktuell etwas gemacht hat oder macht, das ihm gut tut. Und wenn es ein Musikinstrument war, das er irgendwann mal gelernt hat und jetzt nicht mehr macht. Jeder Mensch muss in dieser Krise schauen, ob er etwas findet, was ihn selbst bereichert. Das ist ja immer das Schöne an meinem Beruf. Ich helfe Menschen, durch meinen offenen Blick, dass sie etwas bei sich entdecken können. Das kann man aber auch alleine – sein Leben wohlwollend anschauen, und etwas Schönes finden. Da hat jeder was, glaube ich.

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