Psychoanalytiker über Beziehungen Wie Kindheit unser Liebesleben prägt – „Die Neurosen passen oft gut zusammen“
Die Psychoanalytiker Cécile Loetz und Jacob Müller erklären, warum die Kindheit unser Beziehungsleben so stark beeinflusst – und wie es gelingen kann, die eigenen Kinder weniger zu verletzen.
Wie prägen uns die Erziehung und die Erfahrungen aus der Kindheit? Sie beeinflussen jedenfalls, wie wir uns im Beziehungsleben und mit den eigenen Kindern verhalten – oft geschieht das, ohne dass wir es überhaupt bemerken. Damit beschäftigen sich die Psychoanalytiker Cécile Loetz und Jakob Müller aus Heidelberg.
Frau Loetz, Herr Müller, unsere frühesten Beziehungserfahrungen machen wir mit den Eltern. Wie prägen sie uns?
Loetz: Wenn Verletzungen passiert sind, hat das Auswirkungen darauf, wie wir mit unseren eigenen Kinder umgehen. Wir haben die Tendenz, Verletzungen wiedergutmachen zu wollen. Eigentlich wollen wir uns selbst heilen und agieren das manchmal auch mit unseren Kindern aus. Wir wollen ihnen etwas geben, das wir als Kind nicht hatten.
Geben Sie uns mal ein Beispiel.
Müller: Wenn das Kind traurig ist, weil es nicht zu einem Kindergeburtstag eingeladen wurde, rührt das im Vater vielleicht an eigene Kindheitserfahrungen des Ausgeschlossenseins, und er versucht sofort, das Gefühl abzufedern. Dann sagt er: „Ist doch nicht schlimm, sei nicht traurig, du hast andere Freunde.“
Vielleicht will er das Kind trösten.
Müller: Das möchte er bestimmt. Zugleich hält er die Gefühle des Kindes womöglich nur schwer aus, weil sie etwas in ihm selbst berühren. So hört er dem Kind in diesem Moment nicht richtig zu und traut ihm vielleicht auch nicht ganz zu, mit der Enttäuschung umzugehen. Damit ist er mehr bei seinen Themen, beruhigt sich selbst, als sich wirklich für die Gefühle seines Kindes zu öffnen. In solchen Situationen können wir uns fragen, ob es gerade um das Kind geht oder auch um das, was es in uns auslöst.
Neben der Beziehung zu den Eltern gibt es auch andere prägende Verbindungen. Wie groß ist deren Einfluss?
Loetz: Auch Großeltern, Geschwister oder Lehrer können entscheidende Rollen spielen, gerade wenn die Beziehung zu den Eltern konfliktbehaftet ist. Einzelne Figuren können Großes bewirken, der Effekt kann enorm sein. Die Psyche ist ein Überlebenskünstler und kann sich auch in anderen Beziehungen holen, was ihr fehlt. Für Eltern ist es erleichternd, das zu wissen. Sie tragen nicht die ganze Verantwortung, müssen nicht perfekt sein.
Warum sind die frühen Beziehungen überhaupt so prägend? Wir könnten doch sagen: Heute bin ich erwachsen, das liegt weit hinter mir.
Müller: In der Kindheit bildet sich das, was wir psychische Struktur nennen. Ein Kind erfährt Halt durch seine zentralen Beziehungen, meist denen zu den Eltern und dem nahen Umfeld. Hier lernt es: Wer bin ich? Bin ich liebenswert? Gibt es Bedingungen, unter denen ich liebenswert und richtig bin? Wie funktionieren Beziehungen? Die psychische Struktur ist wie ein Haus mit Fenstern, Türen und Verbindungen zwischen den Dingen. Die Kindheit bildet eine Art Fundament, darauf bauen später die weiteren Geschosse des Erwachsenenalters auf.
Wie zeigen sich Erfahrungen der Kindheit im späteren Beziehungsverhalten mit dem Partner oder der Partnerin?
Müller: Wenn ich eine Verletzung aus der Kindheit habe, beispielsweise die fundamentale Erfahrung in mir trage, ich bin nur richtig, wenn ich die Erwartungen der anderen erfülle, nur dann bekomme ich Liebe und Anerkennung von meinen Eltern, wirkt das tief hinein in spätere Beziehungen. Denn ich habe dann gar keine Vorstellung davon, was sonst an mir liebenswert sein könnte. Ich werde in Beziehungen versuchen, die aktive Rolle zu übernehmen, sprich: Um die Liebe der anderen Person zu erringen, muss ich viel tun, ich muss eine Leistung erbringen, dann werde ich gemocht.
Das geschieht völlig unwillkürlich und man kann nichts dagegen tun?
Müller: Doch, ich kann es bemerken und versuchen, das zu durchbrechen. Dafür müsste ich es aber erst einmal bemerken. Das ist schwierig, denn viele Beziehungen weisen sogenannte Kollusionsmuster auf. Das bedeutet, die Partner ergänzen einander in ihren unbewältigten Grundkonflikten. Unsere Beziehungen bilden sich nicht selten aus kompatiblen Mustern. Die Neurosen passen gut zusammen.
Das klingt bedenklich.
Müller: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn man einen Vater hatte, der abwesend war, innerlich oder äußerlich, der einem nicht die Aufmerksamkeit geben konnte, die man gebraucht hätte, dann bleibt eine Verletzung zurück sowie der starke Wunsch, die Liebe doch noch zu bekommen. Kinder beziehen alles auf sich, sie denken also, sie haben nicht genug gegeben oder etwas falsch gemacht, woraufhin der Vater sich nicht für sie interessiert hat. Diese Erwartung trägt man mit ins Erwachsenenalter.
Wie beeinflusst das dann spätere Beziehungen?
Loetz: Man hat die Tendenz, Partner zu suchen, mit denen sich genau das wiederholt. Also einen Partner, der so ähnlich strukturiert ist wie der Vater, der vielleicht viel arbeitet und nicht so stark an der Partnerschaft interessiert ist. Dieser Partner übt eine ungewöhnlich starke Anziehung aus. Außenstehende können das oft gar nicht verstehen. Freunde fragen: Wieso gerade der? Aber man selbst empfindet diese starke Anziehung, weil da dieses Thema liegt. Und dann glaubt man, an der Stelle etwas reparieren zu können, denkt, wenn man nur genug in die Beziehung investiert, kriegt man am Ende noch die ersehnte Zuwendung.
Wie merkt man, dass man sich sich in so einer Kollusion befindet?
Müller: Täglich grüßt das Murmeltier, sage ich immer. Man merkt es daran, dass sich Dinge wiederholen. Wenn man nur einmal eine Erfahrung mit einem distanzierten Partner macht beispielsweise, ist das nicht problematisch. Aber wenn es wieder und wieder passiert, ist es ein Zeichen dafür, dass da etwas ungelöst ist. Dann sollte ich darüber nachdenken, was das ist.
Bewusst ist einem vielleicht so einiges – doch wie kann man etwas verändern oder es bewältigen?
Loetz: Es ist immer die Frage, ob es einen Leidensdruck gibt und wenn ja, ob man das im Alltag regeln kann, indem man über sich nachdenkt, Bücher liest, Podcasts hört zum Thema Kollusion oder mit anderen Menschen spricht. Ich erkenne mein Muster, ich kann biografisch verstehen, woher das kommt, das reicht mir, um Spielraum zu gewinnen. Oder das Thema ist so stark fixiert, dass ich nicht mit Alltagsmitteln herauskomme. Dann könnte eine Psychotherapie gezielt helfen. Wichtig ist es, die eigene Rolle dabei zu erkennen.
Worin besteht die eigene Rolle?
Loetz: Wenn wir bei dem genannten Beispiel bleiben, geht es ja nicht darum, festzustellen, dass der Partner böse ist, weil er sich zu stark distanziert. Wenn man so denkt, vergisst man seinen eigenen Part in dieser Kollusion. Es sind immer zwei beteiligt. Das ist ein entscheidender Faktor, denn an der Stelle, nämlich bei mir selbst, kann ich wirklich etwas verändern. Im besten Fall zieht der Partner mit. Aber auch wenn das nicht geht, kann man erkennen, was man sucht, wenn man immer wieder in die gleiche Position gerät, und was man selbst dazu beiträgt. Das gilt auch für das Verhältnis zu Arbeitskollegen übrigens.
Inwiefern?
Loetz: Angenommen, jemand erlebt immer wieder, wie Arbeitskollegen ihm etwas wegnehmen, und er selbst bleibt passiv, innerlich wird er wütend. Es sind oft kleine Dinge, an denen sich Verletzungen der Kindheit zeigen. Wer seit damals davon ausgeht, er muss sich klein machen, passiv bleiben, um anerkannt zu werden, glaubt auch als Erwachsener, das tun zu müssen. Unwillkürlich trägt er dazu bei, dass die Situation mit den Kollegen immer gleich frustrierend abläuft. Da lohnt es sich, über das eigene Verhalten nachzudenken – und es zu verändern.
Müller: In der Psychoanalyse machen wir Biografiearbeit und schauen uns das ganz große Panorama an, doch die Mühen der Ebene sind diese Alltagssituationen. Jemand kommt in die Therapiestunde und sagt: Ich habe mich geärgert, heute war da schon wieder dieser blöde Kollege, ich halt’s nicht aus. An solchen Situationen arbeiten wir.
Was sind die häufigsten Kindheitswunden, die Ihre Patienten mitbringen?
Müller: Neben sehr schweren Traumata, die etwas Spezielles sind und ich hier mal ausklammern möchte, geht es viel um das Gefühl, nicht gesehen worden zu sein von den Eltern als eigene Person oder darum, dass Liebe Bedingungen hatte. Man ist also mit dem Gefühl aufgewachsen, sich dem anpassen zu müssen, andernfalls wird man nicht geliebt, sondern bestraft oder ignoriert.
Loetz: Dazu kommt dann der Wunsch, doch noch anerkannt zu werden. Der ist bei vielen Menschen sehr groß. Da ist das Alter der Patienten egal, das Thema gibt es auch mit weit über 60 noch. An diesen Stellen seine Vergangenheit loszulassen, ist für viele eine große Aufgabe.
Wenn die Kindheit das Beziehungsleben so stark prägt, wie kann es uns gelingen, unsere eigenen Kinder in dieser Hinsicht möglichst wenig zu verletzen?
Loetz: Ich glaube, Kinder spüren, wie man zu ihnen bezogen ist, ob man wirklich versucht, sie zu sehen und zu verstehen. Als Vater oder Mutter sollte ich auch Verantwortung für meine eigenen Fehler übernehmen. Wenn es Konflikte gibt – und die gibt es immer –, sollten wir versuchen, wirklich offen zu sein für die Perspektive des Kindes.
Müller: Ich glaube, es ist sehr wichtig, anzuerkennen, dass es zwischen Erwachsenen und Kindern ein Gefälle von Macht und Ohnmacht gibt. Weil der Erwachsene viel mehr weiß und viel mächtiger ist, ist das Kind in einer ohnmächtigen Position ihm gegenüber. Und das nicht auszunutzen, um seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen, sondern sich dessen immer bewusst zu sein, was das für das Kind bedeutet, das ist das A und O, es ist das, was den ganzen Rahmen bildet.
Aber Grenzen setzen sollte man doch.
Müller: Man muss natürlich als Erwachsener Grenzen setzen und kann dieses Macht-Ungleichgewicht nicht völlig aufheben. Man weiß mehr und muss dafür sorgen, dass das Kind bestimmte Dinge tut, selbst wenn es das nicht möchte. In so einer Position zu sein, in der man dauernd etwas muss und in der einem immer etwas vorgegeben wird, das ist für ein Kind aber nicht einfach. Ich kann die Grenzen also aus einem Verständnis heraus setzen oder ich kann alles blind durchsetzen. Das ist ein großer Unterschied.
Das Therapeutenpaar
Wissenschaft
Dr. Cécile Loetz, geboren 1987, und Dr. Jakob Müller, Jahrgang 1985, sind beide Psychologen, Psychoanalytiker und Psychotherapeuten. Loetz hat in Paris und in Heidelberg studiert, in München promoviert und lebt und arbeitet in Heidelberg mit Müller zusammen, sie sind auch Eltern eines kleinen Kindes. Müller ist Habilitationsstipendiat der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Das Therapeutenpaar betreibt zusammen den erfolgreichen Podcast „Rätsel des Unbewussten“.
Buch
Nach dem Buch „Mein größtes Rätsel bin ich selbst“ hat das Paar ein zweites Buch veröffentlicht, das jetzt erschienen ist: „Jetzt bin ich schon wie meine Eltern. Wie Erziehung über Generationen wirkt“, Hanser Verlag, 272 Seiten, 19 Euro.