Kirsten Kastner zeigt das „besondere“ Dokument. Es geht nicht nur um Konzepte, sondern um Menschen. Foto: Roland Stöß

Schwere Unglücke treffen nicht nur Opfer, sondern auch Rettungskräfte hart. Der Landkreis Calw stärkt nun sein Netzwerk für psychosoziale Notfallversorgung.

Oft treffen Unglücke Betroffene, Angehörige, aber auch die Einsatzkräfte unvorbereitet und schwer. In vielen Fällen traumatisierend.

 

Im Landkreis Calw hat man die Wichtigkeit erkannt, dass eine psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) unumgänglich ist. Dazu möchte man auf ein tragfähiges Netzwerk bauen können, das professionell, engagiert und abgestimmt handelt.

„Mit einer Vereinbarung hat man heute ein starkes Zeichen für Zusammenarbeit, Verlässlichkeit und gemeinsame Verantwortung gesetzt“, so Kirsten Kastner, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung.

Worum geht es konkret bei der PSNV?

Mit der Schilderung einer Einsatzsituation machte Kastner deutlich, um was es sich konkret handelt: „Es ist 22 Uhr. Bei mir ertönt der Pager. Die Einsatzmeldung ist kurz und nüchtern: Schwerer Verkehrsunfall – zwei Personen tot – ein Kind schwer verletzt. Wenige Minuten später bin ich gemeinsam mit meinen Team, der ‚psychosozialen Notfallversorgung‘, auf dem Weg zur Einsatzstelle. Polizei, Rettungsdienst, Notärzte und Feuerwehr sind schon Vorort. Jeder von ihnen weiß, was zu tun ist.

Doch schnell wird deutlich: Es gibt hier mehr zu tun als das, was medizinisch und technisch geleistet werden kann. Da sind Augenzeugen, die das Geschehen nicht begreifen können. Betroffene müssen das Unfassbare miterleben. Angehörige müssen informiert werden. Und da sind auch Einsatzkräfte. „Die später dann das Erlebte mit nach Hause nehmen.“

In genau solchen Situationen wird die Bedeutung der PSNV spürbar. Sie richtet sich an alle Bürger, die von solchen Ereignissen betroffen sind. Eben auch an Frauen und Männer im Einsatz. André Weiss, er hat schon sehr viel in seinem Berufsleben als Helfer miterlebt, erzählt später aus seinem eigenen Seelenleben; als er neulich zum schweren Unfall in Schömberg mit zwei Toten gerufen wurde. „Nein – man wird eben nicht im Laufe der langen Laufbahn abgebrüht. Im Gegenteil: „Jeder Tote mehr, macht etwas mit einem.“

Umfangreiches System bei der Hilfeleistung

Seit Jahren gibt es im Landkreis ein funktionierendes Netzwerk. Mit diesem Zusammentreffen der Vertreter aus Politik, den Blaulicht-Organisationen und den Kirchen sowie der Ratifizierung dieser Vereinbarung wurde deutlich, wie groß und vielschichtig ein Aufgebot an Helfern ist, wenn ein Unglück geschieht, welches wiederum ein umfangreiches Hilfeleistungssystem in Gang setzt.

Neben Andreas Knörle als Vertreter des Landrates traten die meist uniformierten Funktionsträger nach vorne, um die Unterschrift unter das „besondere Dokument“ zu setzen: Bernd Meyer (Kreisbrandmeister), André Weiss (Abteilung Brand- und Katastrophenschutz und stellvertretender Kreisbrandmeister), Alexander Nobel und Marco Martins-Morgado (Polizei), Norbert Weiser, Simon Böttinger und Frank Heitmar (DRK Kreisverband Calw), Tobias Geiger (Co-Dekan vom Evangelischen Kirchenbezirk Calw-Nagold) und Markus Ziegler (Kommissarischer Dekan des Katholischer Kirchenbezirk Calw), beide als Vertreter der Notfallseelsorge Calw. Zudem Markus Fritsch (Vorsitzender Kreisfeuerwehrverband), Marc Stahl (Ortsbeauftragter THW Calw), Bastian Huss (Sprecher der Leitenden Notärzte im Landkreis Calw) und Michael Rentschler (Integrierte Rettungsleitstelle) zeigten mit Unterschrift und Grußworten, wie wichtig Ihnen diese Kooperation als „unverzichtbarer Bestandteil moderner Gefahrenabwehr und Krisenbewältigung ist.“

Menschen brauchen mehr als medizinische Hilfe

Kirstner blickte zurück, als vor etwa 30 Jahren die Seelsorger sowie Pfarrer der Kirchen die Initiative ergriffen. Diese erkannten, dass Menschen mehr brauchen als medizinische Hilfe: Beistand, Orientierung und jemand, der verlässlich Betroffenen zur Seite steht.

Im Landkreis Calw, sicherlich auch geprägt von den Unglücken in Ramstein (Flugunglück) und Enschede (Zugunglück) wurde die Entwicklung konkret, als der damalige Landrat Köblitz auf den evangelischen Dekan Becker zuging und einen wichtigen Impuls für den Aufbau der Notfallseelsorge setzte. Zehn Jahre später wurde die Notfallseelsorge im Landkreis gegründet, die mittlerweile bundesweit geregelt wurde.

Feste Säule im Bevölkerungsschutz

Heutzutage wird für die Mitarbeiter eine qualifizierte und spezifische Ausbildung vorausgesetzt. Kistner: „Somit entwickelte sich die Notfallseelsorge von einer Initiative zur festen Säule im Bevölkerungsschutz.“

Im Jahr 2009 wurde die PSNV durch den Notfallnachsorgedienst des DRK ergänzt; 2021 wurde das Einsatznachsorgeteam, welches psychosoziale Fachkräfte (Seelsorger, Sozialpädagogen, Ärzte, Einsatzkräfte der Feuerwehr, Rettungsdienstes, THW und DLRG) gegründet.

Aktuell engagieren sich im Landkreis Calw 22 Mitarbeitende sowie weitere fünf ehrenamtliche Kräfte des DRK. Im Bereich der Einsatznachsorge sind zusätzlich zwölf speziell ausgebildete Mitarbeiter tätig. Im vergangenen Jahr 2025 war die PSNV in 220 Einsätzen tätig. Die Tendenz ist steigend.

Unterstützung für Betroffene und Einsatzkräfte

Letztendlich steht die PSNV, so Kirsten Kastner, für Qualität und Verbindlichkeit, klare Absprachen, für gemeinsame Standards und für den Anspruch, die Unterstützung für Betroffene und Einsatzkräfte kontinuierlich weiter zu verbessern.

Kastner: „Die heutige Unterschrift ist mehr als ein formaler Akt. Sie ist ein gemeinsames Versprechen, dass wir niemanden alleine lassen. Am Ende geht es nicht um Strukturen, Zuständigkeiten oder Konzepte, es geht um Menschen.“