Susanne Renz hat den Gesprächskreis gegründet: eine Anlaufstelle für Eltern von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Depressionen und Angst- oder Zwangsstörungen. Foto: Holzäpfel

Das eigene Kind leiden zu sehen, ist schmerzhaft für Eltern. Susanne Renz aus Balingen schafft nun im Zollernalbkreis erstmals eine Anlaufstelle für Eltern, die sich allein fühlen.

Der Rückzug ins Jugendzimmer wird zum Dauerzustand. Die anstehenden Klausuren zur unüberwindbaren Hürde. Die Führerscheinprüfung zum Sinnbild eines Leistungsdrucks, der lähmt, statt antreibt. Was für Gleichaltrige scheinbar problemlos funktioniert, scheitert bei anderen an inneren Blockaden, die lange unsichtbar bleiben. Mehr als ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen kämpft laut einer Studie der Krankenkasse DAK mit psychischen Problemen. Viele junge Menschen haben aber keine Diagnose. Der Weg dahin ist lang: Bis Betroffene überhaupt verstehen, dass sie Hilfe brauchen, vergeht oft viel Zeit. Noch mehr Zeit verstreicht, bis sie sie tatsächlich bekommen.​

 

Den Kreislauf durchbrechen

Zwischen dem ersten Hilferuf und einer tatsächlichen Diagnose liegen oft Monate – manchmal Jahre, weiß die Balingerin Susanne Renz. Sie engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich im Bereich der Beratung und Seelsorge in der Eyachstadt. „In der Beratung ist mir aufgefallen, dass es viele Eltern gibt, die ein psychisch belastetes Kind haben.“ Das Thema sei schambehaftet. Vor allem die Frage nach der Schuld treibe die Eltern häufig um. Und die Frage, wie ihr Kind den Weg ins Leben findet.

Renz war sich sicher, dass es eine Initiative für betroffene Eltern im Zollernalbkreis gebe. „Ich war erstaunt, als ich dann herausfand, dass es das im ganzen Zollernalbkreis nicht gibt. Zumindest nicht für Eltern, deren Kinder keine Diagnose haben.“

„Die Spannungen innerhalb der Familie sind oft groß – umso wichtiger ist es, dass Eltern sich in geschützten Räumen austauschen können“, betont die vierfache Mutter. Betroffene Eltern stellen sich und ihre Bedürfnisse häufig hinten an, so ihre Erfahrung. „Aber sie müssen für sich sorgen, sonst ist das ein Kreislauf. Wenn der Jugendliche sieht: Meiner Mama geht es schlecht, fühlt er sich nur noch schlechter. Und umgekehrt.“

Hauptberuflich Krankenschwester

Die 54-Jährige arbeitet hauptberuflich als Krankenschwester. Susanne Renz sagt: Anderen Menschen zu helfen, ist ihr ein wichtiges Anliegen. Ihre Idee, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, ließ sich so nicht umsetzen. Renate Liener-Kleinmann von der Kontakt- und Informationsstelle für gesundheitsbezogene Selbsthilfe der AOK Neckar-Alb erklärte ihr, dass nur selbst Betroffene eine Selbsthilfegruppe gründen dürfen. „Aber was ich tun kann, ist, einen Gesprächskreis für Betroffene zu organisieren“, sagt Renz.

Dann ging alles ziemlich schnell. Die evangelisch-freikirchliche Gemeinde in Zillhausen stellt ihr einen Raum im Gemeindehaus zur Verfügung. Interessierte Eltern haben sich bereits bei ihr gemeldet. „Die Initiative soll vor allem eine Plattform für Eltern sein. Ein Ort, an dem sie Menschen mit denselben Herausforderungen finden und endlich über das reden können, was sonst oft keinen Raum hat.“

Nicht an eine Konfession gebunden

Der Gesprächskreis sei nicht an eine Konfession gebunden, betont Renz. Auch eine Anmeldung zum ersten Treffen sei vorerst nicht nötig (siehe Infokasten). Allerdings richtet sich das Angebot nur an Eltern, deren Kinder Depressionen oder Anzeichen davon zeigen und mit Angst- und Zwangsstörungen kämpfen. Geplant ist ein monatliches Treffen ab März. „Viel ist natürlich davon abhängig, ob überhaupt Menschen kommen und wenn ja, wie viele.“ Ein wichtiger Grundsatz für die Beraterin: „Es gibt kein richtig oder falsch. In der Initiative soll nicht be- oder verurteilt werden.“

Zu Beginn der Treffen möchte die Balingerin mit einem Input zu einem Thema einsteigen. Etwa einer Geschichte. Sie kramt ein Buch aus ihrer Tasche: „Mein schwarzer Hund – wie ich meine Depression an die Leine legte“ von Matthew Johnstone. Es gehe auch darum, zu erkennen, dass man mit Depressionen leben könne. Und dass das Leben damit nicht nur düster ist, betont Renz. Ein Raum voller Stimmen, in dem Sorgen geteilt, Ängste kleiner und Hoffnung größer werden – genau das möchte die Balingerin mit ihrem Gesprächskreis schaffen.

Erstes Treffen

Zeiten
Das erste Treffen der Initiative findet am 17. März um 19.30 Uhr im Balinger Stadtteil Zillhausen, in der Riesestraße 8 (Gemeindehaus der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde) statt. Der Eingang ist beim hinteren Parkplatz. Danach ist ein Treffen für jeden 3. Dienstag im Monat geplant. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Bei Fragen können sich Interessierte per E-Mail an gespraechskreis-balingen@web.de wenden. Susanne Renz will mit dem Hilfsangebot eine Anlaufstelle für betroffene Eltern schaffen.​