Psychisch erkrankte Menschen stehen nicht selten im gesellschaftlichen Abseits – und haben keine Lobby. Foto: mago//Gary Waters

Schwer psychisch Erkrankte, die allein dastehen, womöglich obdachlos sind, haben ein schreckliches Schicksal zu tragen – darauf macht unsere Kolumnistin Anna Katharina Hahn aufmerksam.

Halten Sie Abstand, ich bin nicht Ihr Vater! Die Worte tönen so laut und gebieterisch in meinem Rücken, dass ich gar nicht anders kann, als mich umzudrehen. Der junge Mann trägt Jeans und Kapuzenjacke. In seinen Ohren stecken kleine Kopfhörer. Wir stehen vor dem Neuen Schloss, zwischen uns liegen nur wenige Meter. Eigentlich habe ich die Stare auf der Wiese beobachtet. Im feuchten Gras tummelt sich ein halbes Dutzend, die ersten in diesem Jahr. Jetzt fasse ich den Unbekannten schnell ins Auge. Hinter uns liegt das Theater, vielleicht ist er Schauspieler und memoriert seine Rolle? Oder er telefoniert? Manchmal brabbeln Leute vor sich hin, dabei entpuppen sich diese Selbstgespräche oft als Dialoge, geführt durch das winzige Mikro am Kabel ihrer Headsets. Doch hier ist kein Kabel.

 

Ich bin alt genug, um zu wissen, dass man Leute nicht länger anstarrt als nötig, mein Check dauert nur Sekundenbruchteile. Der Mann wiederholt energisch „Halten Sie Abstand“, da habe ich mich schon umgedreht, verzichte auf die Stare, gehe in Richtung Thouret-Brunnen, zum Schlund der U-Bahn Charlottenplatz. „Ich bin nicht Ihr Vater, nicht Ihre Mutter, nicht Ihr . . . ich weiß nicht.“ Seine Stimme wird leiser, als ich mich von ihm entferne, dabei überlege, an wen seine Worte eigentlich gerichtet waren.

Die Stillen, die im Elend ihre Kreise ziehen

In meinem Viertel oder an Orten, die ich regelmäßig aufsuche, sind mir die Leute vertraut, die von den unbarmherzigen Ansagen in ihren Köpfen durch die Straßen gejagt werden: ein Mann, der bei jeder Temperatur kurze Hosen trägt und in maßlosem Tempo unterwegs ist. Ab und zu fischt er im Lauf Pfandflaschen aus Abfalleimern, aber die meiste Zeit strebt er stumm voran, das Kinn hochgereckt, das wirre Haar über der Stirn gesträubt, die Mundwinkel herabgezogen, als säße ihm ein Verfolger im Nacken.

Der andere, in einer Einkaufspassage, hat mich zunächst erschreckt, er brüllt Schimpfworte, tobt gegen unhörbare Beleidigungen und Gefahren an, beruhigt sich dann wieder und steht erschöpft auf dem Gehweg, während die Passanten ihm schon von weitem ausweichen.

Der Bedarf ist riesig, das Angebot kläglich

Mit einer schweren psychischen Erkrankung allein dazustehen, niemand an der Seite zu wissen, der einen unterstützt, dazu anhält, notwendige Medikamente einzunehmen, damit Besserung, vielleicht sogar Heilung eintreten kann, ist ein schreckliches Schicksal. Erst wenn solche Menschen nicht lediglich zur Gefahr für sich selbst, sondern zur tödlichen Bedrohung für andere geworden sind, geraten sie in den Blick der Öffentlichkeit. Jene Stillen aber, die im Elend ihre Kreise ziehen, oft obdachlos, haben keine Lobby. Selbst ein gut funktionierendes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft kann an der Terminsuche bei einer Neurologin, einem Psychotherapeuten verzweifeln. Der Bedarf ist riesig, das Angebot kläglich.