Beleuchteten die Herausforderungen junger Menschen: Vanda Dürring und Alain Di Gallo Foto: Alexandra Günzschel

In der Gesprächsreihe „Mensch.Psyche“ haben sich die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) diesmal dem Thema „Jugend in Stress“ angenommen.

Insbesondere Lehrkräfte zeigten großes Interesse an der für alle – auch via Online-Stream – öffentlichen Podiumsdiskussion, die von Vanda Dürring von SRF2 Kultur moderiert wurde. Zur Expertenrunde von der Basler UPK für Kinder und Jugendliche (UPKKJ) gehörten der langjährige Direktor Professor Alain Di Gallo, die Psychologin Sara Koller sowie der Entwicklungspsychologe und Resilienzforscher David Bürgin.

 

Es gebe mittlerweile mehr Familien, die bei der UPKKJ Hilfe suchten und diese auch benötigten, bestätigte Di Gallo. Sicherlich sei die Gesellschaft aber auch sensibler und offener gegenüber solchen Themen geworden, erklärte der vor wenigen Tagen ausgeschiedene Direktor mit 30 Jahren Berufserfahrung und ergänzte: „Das ist auch gut so.“

Druck und Stress

Sara Koller betonte, dass Druck und Stress zum Erwachsenwerden dazugehörten. Doch heutzutage hätten die jungen Menschen mehr Möglichkeiten, wenn es darum geht herauszufinden, was sie aus sich und ihrem Leben machen wollen. Diese größere Vielfalt könne auch überfordernd sein.

Bürgin wiederum wies darauf hin, dass die Pubertät heute früher beginne, es jedoch länger dauere, bis die jungen Menschen auf eigenen Beinen stehen. Lange Bildungswege könnten diese schwierige Phase bis zur Unabhängigkeit gut und gerne auf zehn Jahre ausdehnen. Er fand es wichtig, solche Übergänge gut zu begleiten, gerade dann, wenn das Elternhaus in dieser Hinsicht eher zurückhaltend agiert. Di Gallo hielt es für problematisch, dass Phasen der Langeweile nicht mehr ausgehalten würden. „Leerstellen werden sofort weggeklickt.“ Er appellierte an die jungen Leute, die Seele auch mal baumeln zu lassen und sich bewusst der Stille auszusetzen. Von gestiegenen Erwartungen der Eltern schon im Kleinkindalter, berichtete Koller.

Krieg und Klimawandel

Die Bedeutung der Beziehungsarbeit durch Lehrkräfte im System Schule hob Bürgin hervor und bedauerte, dass die Zeit dafür oft fehle. Di Gallo wiederum mutmaßte angesichts gestiegener Absolventenzahlen, ob die Matura vielleicht nicht für alle der richtige Weg sei. „Es muss keine Katastrophe sein, wenn ein angestrebter Abschluss auch mal nicht erreicht wird“, ergänzte Koller. Nicht selten würden sich dadurch viele weitere coole Wege eröffnen.

Trotz aller Zukunftsängste durch Kriege oder auch den Klimawandel, am Ende seien zwischenmenschliche Beziehungen und finanzielle Sorgen die beiden großen Themen, hat Bürgin festgestellt. Mit sozialer Verunsicherung, Rückzug und einer starken Tendenz zur Ablenkung sieht sich Koller immer wieder konfrontiert. Di Gallo hält es für möglich, dass Depressionen bei männlichen Jugendlichen schlechter erkannt werden. „Vielleicht stellen wir die falschen Fragen“, so seine Vermutung. Er weist aber auch darauf hin, dass 85 Prozent der Jugendlichen den Anforderungen unserer Zeit gut gewachsen seien.

Beratung und Gespräch

Es muss nicht immer gleich eine psychiatrische Behandlung sein, die die Kinder und Jugendlichen benötigen. Darin war sich die Expertenrunde weitgehend einig. In vielen Fällen reiche vielleicht ein wenig Beratung, ein Gespräch mit Freunden oder der Schulsozialarbeiterin. Di Gallo sieht deshalb im Koordinieren der vielfältigen Hilfsangebote einen guten Hebel, um Verbesserungen zu erzielen. Bei der UPKKJ werde mittlerweile genauer hingeschaut und die Wartelisten nach Dringlichkeit priorisiert, sagte er. Auch Bürgin fand eine bessere Vernetzung wichtig, inklusive digitaler Angebote zur Überbrückung der Wartezeiten.

Lob auf die Halbheit

Am Ende der Diskussion stand ein Lob auf die „Halbheit“ beziehungsweise das „Gut genug“ als Gegenentwurf zum Perfektionismus. Die vielen Lehrkräfte unter den Zuschauern brachten noch den Absentismus, also das Schulschwänzen, als ein großes Problem aufs Tapet. Die starke Zunahme, so eine Vermutung, hänge auch mit den vielen virtuellen Verlockungen zusammen.

Schließlich betrat noch Nathan Keiser, neuer Chef der UPK, die Bühne, um Di Gallo gebührend zu verabschieden. „Junge Menschen sind Seismografen unserer Gesellschaft“, griff er ein Statement des scheidenden Direktors auf. „Wir alle müssen uns in herausfordernden Zeiten Gedanken darüber machen, was wir ändern wollen“, so sein Appell.