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Kein PC, kein Handy: 16 Jugendliche haben sich für drei Wochen einer Digital-Diät unterzogen.

Stuttgart - 16 Jugendliche von den Fildern haben sich für drei Wochen einer Digital-Diät unterzogen. Sie verzichteten komplett auf Computer, Handy und Videospiele. Die Aktion der Kinderschutzorganisation Kids for Kids wurde wissenschaftlich von dem Jugendpsychiater Karl-Heinz Ruckgaber (Filderklinik) begleitet.

Herr Ruckgaber, ist es mit Blick auf die Schule nicht fahrlässig, Jugendliche drei Wochen lang komplett von der Informationsfülle des Internets abzunabeln?

Ich würde, das haben wir bei dem Projekt gelernt, die Internet-Recherche künftig außen vor lassen. Die Schwierigkeit ist aber die Ablenkung, die bei der Internet-Recherche auftaucht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Facebook und Icq, also die Mitteilungsforen, wenn da nicht die Buttons aufgingen, die zur Abhängigkeit heranziehen.

Ab welchem Alter frühestens sollten Lehrer von ihren Schülern die Arbeit mit dem PC verlangen?

Ich meine, in der Grundschule hat der PC noch nichts zu suchen. Das ist vielleicht ein bisschen altmodisch. Wenn Grundschüler von ihren Eltern herangeführt werden, ist das etwas ganz anderes. Aber den freien Gebrauch würde ich erst an der weiterführenden Schule sehen, wo die Internet-Recherche auch Sinn hat.

Haben Sie als Psychiater an einer antroposophischen Einrichtung eine distanziertere Einstellung zu digitalen Geräten als Kollegen?

Ich glaube schon, dass ich eine kritischere Haltung habe, so wie das Waldorfschulen eben auch haben. In den anthroposophischen therapeutisch-heilpädagogischen Einrichtungen praktizieren wir ja bereits digitale Diät. Auf unserer Station für Psychosomatik, die hauptsächlich Essgestörte behandelt, die ja ein Suchtverhalten zeigen, verzichten wir auf jede Berieselung. Aber das kommt aus dem Suchtkonzept heraus, so dass dort nur in der Schule oder in Begleitung Internet-Recherche für Referate zum Beispiel gemacht wird. Ganz verzichten auch wir nicht auf die Apparate, aber wir unterscheiden zwischen dem ernsthaften seriösen Gebrauch und dem Fun-Gebrauch. Meine Kritik geht gegen das Stopfen von Langeweile. Das muss uns als Jugendpsychiater interessieren, weil aus Langeweile auch Gewalttaten motiviert sind. Im Zusammenhang mit Zukunftsangst kann aus Langeweile Gewalt entstehen.

Sie haben die 16 Jugendlichen betreut: Haben einige gelitten unter dem Entzug?

Ja, die Herausnahme vom Handy fand auch ich eigentlich überzogen. Es war ein Experiment, sozusagen. Herr Berti (Vorsitzender Kids for Kids - Anmerkung d. Red.) war ziemlich konsequent und hat das Handy miteingeschlossen. Das macht man in der Forschung zur Internet-Abhängigkeit bisher nicht. Aber: Er lag vielleicht doch nicht so falsch. Denn inzwischen ist fast jedes moderne Handy internetfähig, also nicht nur die iPhones. Gefehlt hat den Jugendlichen Icq und Facebook, weil da die meisten Mitteilungen laufen. Gegen diese Medien hätte ich grundsätzlich auch nichts. Aber es bleibt, das ist eine Erkenntnis aus der Digital-Diät, eben nicht bei dieser Mitteilung.

Was passiert dann?

Ein Problemfeld ist das Multitasking. Ein Schüler heute macht seine Hausaufgaben, hat den PC an, über den er sowieso seine Musik hört, dann hat er online das Icq offen, und da kommt dann noch, dingdong, eine neue Mitteilung. Das ist Standard. Für uns Ältere ein bisschen schwierig, auf drei Kanälen zu kommunizieren.

Können solche Übungen nicht sogar hilfreich sein, im Berufsleben wird die Fähigkeit des Multitasking ja verlangt?

Ich mache da inzwischen auch Abstriche und habe selber auch ständig mit Musik gelernt. Wobei die Musik für mich eine Art Klangteppich war, der eher die Ablenkung abgehalten hat.

Das heißt, Sie haben durch das Experiment selbst auch noch etwas gelernt?

Auf jeden Fall! Vor allem, dass es in Ordnung wäre, wenn es beim seriösen Gebrauch bliebe. Aber die Medienmacht ist inzwischen groß. In den Jugendforen werden Spiele wie Happy Aquarium und Farmville angeboten, die an sich auch harmlos sind. Man wird eingeladen, Fische zu füttern, das ist das Gleiche, was früher Tamagotchi als kleiner Apparat war. Dann kommen die Schuldgefühle, und schon ist man an das Medium gebunden. Farmville ist noch ein bisschen raffinierter, da fängt man als Bauer mit Karotten an und endet ein bisschen wie bei Monopoly mit Dependancen in Afrika. Und die Kinder können fast nicht mehr davon lassen. Interessant war dabei, dass mehr als die Hälfte echte Haustiere hatte. Die versorgen sie zwar, sie sind aber trotzdem an den PC gebunden.

Gab es Klagen, dass die Sozialkontakte ohne Handy, SMS und E-Mails eingeschränkt sind?

Es gab eher Klagen, dass die Jugendlichen mal gerne abgeholt worden wären und sich auf Veranstaltungen mit Freunden getroffen hätten. Es hat aber niemand gesagt, dass die wirklich wichtigen Freunde ausgeblieben sind. Das Telefonieren im Festnetz war ja erlaubt. Und man kann sich ja schon vorher verabreden.

Haben die jungen Teilnehmer ihre dazugewonnene Freizeit genutzt oder eher vor dem Fernseher verplempert?

Bei etwa der Hälfte gab es eine Verschiebung zu etwa einer Stunde mehr Fernsehen. Die andern hatten bis zu drei Stunden mehr Zeit am Tag. Sie haben angeblich mehr gelernt und gelesen, gemalt und mehr Zeit mit der Familie verbracht. Aber auch mehr telefoniert. Wir haben dann als neue Option eingeführt, auch den Fernsehkonsum zu senken. Das ist aber nur der Hälfte gelungen.

Wo liegt der Unterschied zwischen übermäßigem Konsum von Büchern und Comics im Vergleich zu maßlosem Computerspiel? Besteht bei Büchern weniger Suchtpotenzial?

Es ist erfreulich, dass das Lesen durch das Internet nicht ausgestorben ist. Lesen bedient auch andere Kanäle. Sie können sich Ihr Bild zu der Sprache machen. Gute Literatur verhunzt die Sprache auch nicht so wie das Internet. Aber: Mein früherer Universitätslehrer Lempp hat ein Buch über Nebenrealitäten verfasst und Gerichtsfälle darin aufgeführt. Bei allen Schulamokläufern war ja die virtuelle Welt so stark, dass der Überstieg in die reale Welt nicht mehr gelungen ist. Tatsächlich hat er einen einzigen Fall unter vielleicht 10 oder 15 in dem Buch, wo die fantasierte Realität in einem Buch auch zu einem Kriminalfall führte.

Wie viel Zeit maximal sollten Jugendliche täglich vor dem PC und Fernseher sitzen?

Man sagt heute, mehr als drei Stunden Bildschirm, also Internet, DVD, TV und Videospiele, am Tag fördern die Abhängigkeit. Es gibt eine große Studie mit mehreren Tausend Schülern. Wer mehr als drei Stunden täglich konsumiert, ist prädestiniert für Schulversagen, Abhängigkeit und sich psychisch schlechter zu fühlen. Das ist das eigentlich Merkwürdige, weil die Spiele ja gespielt werden, um sich besser zu fühlen. Manfred Spitzer an der Uni Ulm hat herausgefunden, dass schon allein das Fernsehen gewalttätig macht, der Anstieg zwischen der ersten und dritten Stunde ist enorm.

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