Der Angeklagte beim Prozessauftakt am 1.Oktober. Foto: Wolff

Am dritten Prozesstag zum versuchten Mord in Bochingen sagten unter anderem die Schwester sowie die Tochter des Angeklagten aus. Der Angeklagte soll sehr Gewaltbereit gegenüber seinen Kindern gewesen sein.

Am Dienstagmorgen um 9 Uhr startete der dritte Prozesstag am Landgericht Rottweil gegen einen 46-Jährigen, der laut Anklage versucht haben soll, seine Frau in der gemeinsamen Wohnung in Bochingen mit mehreren Messerangriffen zu töten.

 

Am dritten Verhandlungstag sagte unter anderem die Tochter aus. Was sie berichtete, zeichnete ein düsteres Bild von ihrem Vater. Mit bedrückter Stimme sprach die junge Frau von ihrer „schwierigen Kindheit“, wie sie es selbst ausdrückte. Immer wieder habe ihr Vater sie mit Schlägen bestraft. Mit der verbalen und vor allem der körperlichen Gewalt ihrer Kindheit und Jugend habe sie bis heute zu kämpfen. „Wenn ihn etwas gestört hat, hat er mich geschlagen“, erzählte die 21-Jährige. Der Bruder hingegen sei selten geschlagen worden.

Tochter erzählt von Gewalt

Außerdem berichtete die Zeugin, wie ihre Mutter immer wieder versucht habe, sie zu schützen, und oft die Schläge ihres Mannes einstecken musste. „Immer wenn er Alkohol getrunken hat, ist er aggressiv geworden.“ Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Karlheinz Münzer, wie viel ihr Vater getrunken habe, antwortete sie: „Viel Bier und ein bis zwei Flaschen Wodka am Tag.“ Die Aussage der Tochter nahm der Angeklagte, wie auch zuvor, fast regungslos hin, und es gab kaum Blickkontakt zwischen Vater und Tochter.

Teils unter Tränen erzählte die junge Frau von mehreren Gewalttaten, die ihr Vater ihr angetan haben soll. Als sie etwa elf Jahre alt war, habe sie beispielsweise einen lautstarken Streit ihrer Eltern mitbekommen und sei dazwischengegangen. Der Angeklagte habe daraufhin versucht, auf sie loszugehen während die Mutter versuchte, das Kind zu schützen. Der Streit eskalierte, und der Angeklagte schlug wild auf seine Ehefrau ein. Die Tochter erinnerte sich daran, viel Blut gesehen zu haben.

Vom Tattag berichtete sie, dass ihre Mutter bis zum Abend bei ihr gewesen sei, und: „Meine Mutter war fest entschlossen auszuziehen.“ An diesem Tag soll der 46-jährige Angeklagte seine Frau mehrmals angerufen haben. „Wo bist du, bei welchem Mann? Wenn ich erfahre, mit wem du bist, steche ich euch beide ab“, zitierte die Tochter ein Telefonat. „Seit ich elf bin, habe ich immer wieder Alpträume, dass er uns alle drei ersticht und danach sich selbst“, erklärte sie am Ende ihrer Aussage.

Hausgeist läuft anscheinend durch die Wohnung

Die Schwester des Angeklagten hingegen versuchte, ein liebevolles Bild von ihm zu zeichnen. Er sei hilfsbereit und fürsorglich gewesen. Die Ehefrau hingegen sei oft laut und aggressiv gegenüber ihrem Mann aufgetreten und „sehr rechthaberisch“ gewesen. Kurz vor der Tat habe es zudem vermehrt Streit wegen Geld gegeben, da die Frau wohl mehrfach Beträge über 1000 Euro vom Konto ihres Mannes abgehoben haben soll.

In der Aussage der Schwester wurde auch die psychische Gesundheit der Geschädigten thematisiert. Denn diese habe ihr gegenüber behauptet, Schritte aus einer leeren Wohnung zu hören und von einem „Domowoi“ gesprochen, einem Hausgeist, den sie angeblich in der Wohnung herumlaufen sah.

Aussagen widersprechen sich teils stark

Auch die Mutter des Angeklagten war als Zeugin geladen, machte jedoch von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Den Beginn des Verhandlungstages machte die Hausärztin der Familie, die erklärte, dass die Geschädigte zwar durch die Tat leide, aber ansonsten keine psychischen Auffälligkeiten zeige.

In dem Verfahren bleibt vieles bisher unklar, die psychische Verfassung der Ehefrau aber auch der Alkoholkonsum des Angeklagten bleiben im Zentrum der Verhandlung. Außerdem widersprechen sich die Aussagen zum Charakter des Täters stark, je nachdem, zu welchem Teil der Familie die Zeugen gehören.

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