Ein Lahrer Fußballfunktionär soll im großen Stil mit Corona-Testzentren betrogen haben. Mit einem Umzug hat er sich der Justiz entzogen. Seine Frau blieb und wurde angeklagt.
In der Verhandlung am Mittwoch vor dem Amtsgericht wurden Summen genannt, dass es einem schwindlig werden konnte. Laut Staatsanwalt Esta Nassall überwies die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) dem Lahrer im Jahr 2021 in drei Tranchen insgesamt gut vier Millionen Euro. Es war die Vergütung für die Corona-Tests, die er in seinen angeblich acht Testzentren in Lahr und Umgebung für den Zeitraum April bis Oktober 2021 abgerechnet hatte. Allerdings: „Nur ein Bruchteil dieser Tests“ sei auch tatsächlich ausgeführt worden, so der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklage.
Der Unternehmer hat sich nach Dubai abgesetzt, wo er vor der deutschen Justiz sicher ist. Seine Frau lebt dagegen weiter in Lahr, gemeinsam mit ihrem Sohn und ihrer Mutter. Die Ehefrau stand nun vor Gericht, allerdings nicht wegen fingierter Corona-Tests: Im Dezember 2021 hatte ihr Mann ihr 250 000 Euro überwiesen, die er als Erbschaftsvorauszahlung deklariert hatte.
Die Justiz hat den starken Verdacht, dass er die KVBW um dieses Geld betrogen hatte, eben durch die Abrechnung von Corona-Tests, die es nicht gab. Dann wäre es „böses Geld“, wie es ein Ermittler als Zeuge vor Gericht formulierte. Auch die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau wusste, dass mit diesen 250 000 Euro etwas nicht stimmt. Entsprechend lautete die Anklage gegen sie auf Geldwäsche.
Es war ein recht zäher erster Verhandlungstag, der durch schier endlose Zeugenbefragungen des Verteidigers weiter verkompliziert wurde. Wir beantworten hier die wichtigsten Fragen.
Wo sind die vier Millionen Euro?
Das Geld ist weg. Der Ermittler vom Polizeipräsidium Offenburg hatte die Kontobewegungen des Lahrer Unternehmers untersucht und berichtete nun davon, wie der die Vergütungen der KVBW vor dem Zugriff der Behörden in Sicherheit gebracht hat: Ein Teil des Geldes sei an eine Krypto-Plattform geflossen, außerdem habe es Überweisungen nach Dubai gegeben, zu einer Investmentfirma und einer Immobiliengesellschaft dort.
Wer ist der Ehemann der Angeklagten?
Den Mann kennt in der Lahrer Fußballszene jeder. Im November 2018 ließ er sich zum Vorsitzenden des damaligen Landesligisten FV Langenwinkel wählen, für den er ehrgeizige Pläne hatte. Der FVL erhielt sogar einen zweiten Rasenplatz, an dessen Bau die Stadt sich finanziell beteiligte. Statt in die Verbandsliga aufzusteigen, wie von dem Lahrer gewünscht, geriet der FVL aber in arge finanzielle Nöte. Beim Bau des 2020 eingeweihten Sportplatzes waren Mehrkosten entstanden, um deren Übernahme sich der Verein mit der Stadt stritt. Es ging um mehr als 140 000 Euro.
Im Februar 2024 beantragte der Lahrer dann die Insolvenz für den FV Langenwinkel, zugleich erklärte er mit einer Mitteilung seinen Rücktritt als Vereinschef. Zu dem Zeitpunkt lebte er schon in Dubai. Der FV Langenwinkel wurde später aufgelöst.
Was hat man von dem Lahrer noch gehört?
Die Verhandlung war gut eine Stunde alt, als Richter Tim Richter die Frau nach ihrem Gatten fragte und ob sie mit ihm noch spreche. Sie erwiderte, dass sie „sehr selten, eigentlich fast nie“ miteinander telefonierten. Das letzte Mal sei er vor gut zwei Jahren in Lahr gewesen, zur Geburtstagsfeier der gemeinsamen Tochter.
Richter wollte auch wissen, ob sie und ihr Gatte mal über den Betrugsvorwurf gegen ihn gesprochen hätten. „Ja, er hat gesagt, dass alles in Ordnung war“, erwiderte sie mit leiser Stimme.
Welche Dimensionen hat der mutmaßlich Betrug mit Corona-Tests?
Sehr große. Vor Gericht war zu hören, dass der Lahrer Unternehmer teils 115 000 Tests in einem Monat abgerechnet haben soll – dafür flossen Millionen von der KVBW auf sein Konto. Dabei wussten weder das Gewerbe- noch das Gesundheitsamt etwas von seinen Teststationen, berichtete ein Ermittler vor Gericht. Zumindest einige dieser Schnelltestzentren hat es indes nachweislich gegeben und in denen wurde auch getestet.
Vor Gericht sagten zum Beispiel drei Mitarbeiter der Lahrer Firma Maier + Kaufmann aus, dass sie sich im Testzentrum des Lahrers in der Tullastraße, nur ein paar Schritte von ihrem Arbeitsplatz entfernt, hatten testen lassen. Wobei sie aber nicht bestätigen konnten, dass das dortige Zentrum bereits im April 2021 eröffnet wurde, wie von dem Lahrer bei der KVBW angegeben.
Der Unternehmer betrieb außerdem mobile Teststationen, etwa vor dem Stadtpark, wo sich die Besucher vor einer Abendveranstaltung testen lassen konnten. Die Justiz hegt freilich den dringenden Verdacht, dass der Lahrer bei den Abrechnungen ganz gewaltig übertrieben hat, er viel mehr Tests in Rechnung stellte, als es tatsächlich gab.
Gerichtlich aufgearbeitet worden ist das freilich bisher nicht – der Mann hält sich nun mal in Dubai auf. Dafür muss sich nun seine Ehefrau einem durchaus komplizierten Prozess stellen. Denn obwohl ihr keine Mittäterschaft an dem mutmaßlichen Betrug mit Corona-Tests vorgeworfen wird, muss erst mal bewiesen werden, dass es diesen Betrug wirklich gab. Es ist die Voraussetzung, um ihr die mutmaßliche Geldwäsche nachzuweisen. Vor Gericht geht es auch darum, herauszufinden, was sie über die Teststationen ihres Mannes wusste. Damit habe sie nichts zu tun gehabt, betonte sie.
Welche Verteidigungslinie fährt die Frau?
Um die Geldangelegenheiten in ihrer Ehe habe sich ausschließlich ihr Mann gekümmert, erklärte sie vor Gericht– und begründete diese Rollenverteilung mit ihrer Herkunft.
Ihr Mann und sie hätten sich in Rumänien bereits in der Schule kennengelernt. Er sei dann als Spätaussiedler nach Deutschland ausgewandert, sie ihm später gefolgt, an ihrem 19. Geburtstag. Drei Jahre später hätten sie geheiratet. In der Ehe habe er das Sagen gehabt, habe etwa Möbel und Urlaubsziele ausgesucht, ohne sie um ihre Meinung zu fragen. In Rumänien sei das nun mal so, dass der Mann dominiert. Trotzdem sei ihr gemeinsames Zusammenleben „nicht lieblos“ gewesen.
Aber die Geldtransfers habe er übernommen, beim Online-Banking zum Beispiel unter ihrem Account operiert. Die Frau führte ein in Lahr bekanntes Kosmetikgeschäft, betonte aber vor Gericht, dass sie dort formal die Angestellte ihres Mannes war, der ihr ein Gehalt überwies.
Diese Lohnzahlungen von ihm für sie bestätigte ein Ermittler vom Polizeipräsidium vor Gericht. Außerdem zählte er zahlreiche weitere finanzielle Transaktionen mit teils sehr hohen Summen zwischen den Eheleuten auf, die ein halbes Dutzend Konten besaßen, sei es gemeinsam oder allein, Privat- oder Unternehmenskonten.
Welche Maßnahmen haben die Behörden ergriffen?
Vor Gericht stellen kann die Justiz den Lahrer nicht und an sein Geld kommt sie auch nicht heran. Dafür haben die Behörden gegen seine Frau einen Vermögensarrest, so der Fachbegriff, über 750 000 Euro erwirkt. Dabei handelt es sich um Gelder oder Besitztümer in ihrem Eigentum, von denen die Justiz annimmt, dass ihr Mann sie nur deshalb an sie übertragen hat, um sie dem Zugriff des Staates zu entziehen. Konkret geht es um die 250 000 Euro von der Überweisung im Dezember 2021. Außerdem überschrieb er ihr seine Hälfte (Wert: 500 000 Euro) am gemeinsamen Eigenheim.
Bei der Frau wurden ein Auto, Handtaschen und persönliche Schmuckstücke (etwa ihr Verlobungsring) konfisziert. Sie wirkte am ersten Verhandlungstag, der sich vom Mittag bis in den Abend zog, arg geknickt und betonte, dass sie unschuldig sei.
Die Staatsanwaltschaft Offenburg bestätigte am Donnerstag auf Nachfrage unserer Redaktion indes, dass wegen der „Vortaten“ gegen einen weiteren Beschuldigten ermittelt werde, womit der Mann der Angeklagten gemeint ist. Weitere Auskünfte zum Stand dieses Verfahrens wolle man aus ermittlungstaktischen Gründen nicht erteilen, hieß es.
Richter Tim Richter sah noch Klärungsbedarf und vertagte das Verfahren. Fortgesetzt wird der Prozess am Lahrer Amtsgericht demnach am Mittwoch, 18. Februar, um 9.30 Uhr. Bis dahin soll etwa festgestellt werden, ob die Schnelltestzentren, die der Lahrer Unternehmer in Umlandgemeinden betrieb, bei den Kommunen vor Ort gemeldet waren.