Am Tübinger Landgericht geht es aktuell um eine Messerstecherei in Nagold im Juli 2021. Foto: Sebastian Bernklau

Die Stiche ließen seinen linken Lungenflügel kollabieren. Das Opfer schwebte in Lebensgefahr. Überlebte den Angriff aber. Der Mann, der im Juli 2021 im Nagolder Stadtpark zugestochen haben soll, steht seit Mittwoch vor dem Schwurgericht des Tübinger Landgerichts. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag.

Nagold - Auf der Anklagebank sitzt ein afghanischer Asylbewerber, dessen Alter das Gericht mit 29 Jahren angibt. Aber ganz sicher ist das nicht. Das wurde schon zu Beginn des Prozesses deutlich.

Die Staatsanwaltschaft in Person von Stephanie Schatz wirft dem Mann vor, am frühen Nachmittag des 16. Juli 2021 nach einem Streit mehrfach auf einen 40 Jahre alten Mann eingestochen zu haben, der dadurch so schwer verletzt wurde, dass einer seiner Lungenflügel kollabierte. Es habe bei dem Mann, dessen Nationalität nicht geklärt ist, Lebensgefahr bestanden, so die Staatsanwältin in der Anklage.

Schnell fliegen die Fäuste

Laut dieser Anklage hatte der Konflikt kurz vorher am Edeka-Markt mitten in Nagold begonnen. Dabei sei es um Betäubungsmittel und ihre Bezahlung gegangen. Auf der einen Seite der Angeklagte und sein Kumpel, auf der anderen Seite das spätere Opfer und dessen Bekannter. Man kannte sich – unter anderem aus der Asylbewerberunterkunft. Schnell flogen die Fäuste. Doch die Kontrahenten trennten sich schnell wieder. Wenig später trafen sie im Nagolder Stadtpark Kleb wieder aufeinander. Und wieder flogen die Fäuste. Es floss Blut. Dann habe der Angeklagte ein Messer mit einer neun Zentimeter langen Klinge gezogen und auf das Opfer eingestochen – unter anderem in den Rücken.

Angeklagter zeigt sich geständig

Der Angeklagte zeigte sich vor dem Schwurgericht am Mittwoch geständig, räumte ein, auf den Kontrahenten eingestochen zu haben. Er sagte aus, der Streit habe sich nicht oder nicht nur um die Bezahlung der Drogen gedreht. Das spätere Opfer habe ihn schon beim Streit am Edeka-Markt beleidigt, habe gesagt: "Du bist kein richtiger Moslem." Als er später mit seinem Kumpel im Stadtpark saß, sei dieser Mann auf ihn losgestürmt und habe zugeschlagen.

Er habe stark geblutet, sagte der Beschuldigte vor Gericht aus. "Und als ich mein Blut gesehen habe, bin ich durchgedreht und habe zugestochen", räumte der Angeklagte ein. "Ich wollte Rache für meine blutende Wunde." Er selbst habe nicht mitbekommen, ob er den Mann ernsthaft getroffen habe, und auch das Opfer selbst habe das zunächst nicht wirklich realisiert. Doch kurze Zeit später wurden die schlimmen Folgen der Messerstecherei klar. Rettungswagen und später auch Polizei tauchten am Ort des Geschehens auf.

Gericht befasst sich auch mit weiteren Vorfällen

Bei dem Prozess am Landgericht geht es derweil nicht nur um die eine Tat im Nagolder Stadtpark, sondern auch um Vorfälle wegen denen der Angeklagte schon vorher vor Gericht stand – meist vor dem Calwer Amtsgericht. Gegen ein dort gesprochenes Urteil hat der Angeklagte – beziehungsweise sein Anwalt – Revision eingelegt. Dabei geht es um gleich mehrere Taten. Einmal wurde der Mann Anfang 2021 in der Niederlassung der Erlacher Höhe in Calw von der Polizei auf Drogen kontrolliert. Dabei wurde bei ihm Marihuana entdeckt. In der Folge nahmen ihn die Polizisten mit auf die Wache auf dem Calwer Schlossberg. Als sie ihn durchsuchen wollten, habe er die Kooperation verweigert und Widerstand geleistet, so die Beschuldigung. Bis zu fünf Beamte waren notwendig, um den Mann zu "fixieren".

Eine weitere Tat hat sich laut Urteil in Calw in der Asylbewerberunterkunft Schömberg abgespielt. Dort habe der Afghane einen anderen Bewohner erst mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihm dann von hinten zwei etwa sechs Zentimeter tiefe Messerstiche in den Oberschenkel versetzt. Dazu kommt noch ein Vorfall in Calw, bei dem er erst am ZOB einen Mann ins Gesicht geschlagen habe und dann kurze Zeit später einen anderen Mann im Stadtgarten erst geschlagen und dann ins Gesicht getreten habe, heißt es in dem Urteil des Amtsgerichts.

Eigentlich wollte der Vorsitzende des Schwurgerichts, Richter Armin Ernst, an diesem ersten Prozesstag auch das Opfer der Nagolder Tat vernehmen. Doch der 40 Jahre alte Mann tauchte überraschend nicht vor Gericht auf. Jetzt soll er am nächsten Prozesstag am kommenden Montag aussagen.