Mehr eine Therapiestunde als ein Gerichtsverfahren gab es im Amtsgericht Rottenburg. Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte stand auf der Tagesordnung. Doch trotz einem Geständnis der Angeklagten kommt es zu keiner Verurteilung.
Viel Zeit und Einfühlvermögen brachte am Donnerstag die Justiz mit in den Saal des Amtsgerichts. Denn eine einfache Entscheidung war es für sie nicht.
Die Angeklagte, welche bereits drei weitere Vorstrafen im Register hat, ist psychisch krank. Drei verschiedene Medikamente helfen ihr durch den Alltag. Eine Nikotin- und Cannabis-Sucht seien ein weiteres Problem, wie die Angeklagte selbst mehrfach zugibt.
Frau war in psychischem Ausnahmezustand
Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, sowie mutwillige Zerstörung fremder Dinge, Beleidigung sowie versuchte Körperverletzung werden ihr zur Last gelegt. Am 19. April des vergangenen Jahres rief die Mutter der 43-jährigen Angeklagten bei der Polizei an. Ihre Tochter würde in ihrer Wohnung randalieren. Als die Polizei mit zwei Streifen eintraf, solle die Angeklagte von Personen auf ihrem Dachboden berichtet haben, die sie seit Tagen dort höre und ziemlich aggressiv gewesen seien. Auch über ihren Nikotin- und Cannabis-Entzug klagte die Frau. Die Polizei entschied, die scheinbar in einem psychischen Ausnahmezustand befindliche Frau, in eine psychiatrische Klinik zu bringen.
Auf der Rücksitzbank des Polizeiwagens soll die Angeklagte begonnen haben, sich mit den Handschellen gegen den Kopf zu schlagen, woraufhin die Polizistin ihre Hände fixieren musste. Danach habe sie sich von ihr abgewendet und wollte den Kopf gegen die Fensterscheibe schlagen. Die Angeklagte habe versucht, die Fixierung der Polizistin durch beißen, kratzen oder abschlecken zu verhindern.
Angeklagte beschimpft Polizistin als Domina
Dabei habe die Frau der Polizistin zugeschrieben: „Du Domina, findest das geil. Du willst das doch so“ und „Du Domina, willst mich reiten, du sitzt doch schon nur in Unterhose da.“ Danach soll sie die Seiten des Autos verkratzt haben und mit den Füßen einen Teil der Mittelkonsole kaputt gemacht haben. Dabei ist, laut der Polizei, ein Schaden in Höhe von etwa 780 Euro entstanden.
Seit die Angeklagte 35 Jahre alt war, sei sie psychisch krank, erklärt die Frau. Paranoide Schizophrenie, Verwahrlosung, Antriebslosigkeit und sie höre Stimmen, wie die Richterin aus einem Bericht der Klinik entnimmt. Zum Zeitpunkt des Vorfalls seien die Medikamente, die kurz zuvor umgestellt worden seien, noch nicht richtig eingestellt gewesen, wie die Angeklagte beschreibt. Ihre Wahrnehmung auf die Tat, die sie nicht abstritt, waren jedoch ein wenig anders als die der Polizei, wie das Bodycam-Video zeigt. Sie könne sich nicht mehr an die gesamte Fahrt zur Klinik erinnern, gibt sie später zu.
Später, bei der Zeugenaussage der Polizistin, entschuldigte sie sich für ihr Verhalten. Sie hätte sie nie angreifen oder verletzten wollen.
Nach Psychiatrie „wie ein anderer Mensch“
Seit dem Aufenthalt in der Psychiatrie, Besuchen bei einem Psychologen und der täglichen Einnahme ihrer Medikamente sei sie „wie ein anderer Mensch“, sagte die Mutter der Angeklagten. Seit April habe es keine Vorfälle mehr gegeben.
Die Angeklagte möchte seither eine Betreuung als Unterstützung im Alltag haben. Dies sei nun auf den ersten Zügen, wie der zuständige Berater erklärt. Dieser zeigte auf, dass die Angeklagte von sich aus gewillt sei, an sich zu arbeiten und Hilfe anzunehmen. Sie wolle ihr Leben wieder in den Griff bekommen.
Urteil soll der Angeklagten eine neue Chance bieten
Daran hatten auch die Staatsanwältin, die Richterin und der Verteidiger keine Zweifel. Auch bestätigten sie der Angeklagten immer wieder, dass sie ihr helfen wollen. So wirkte das Verfahren mehr wie eine Therapiestunde, wie ein Strafprozess.
Und auch das Urteil spricht dafür. Das Verfahren wurde mit zwei Auflagen eingestellt. „Ich glaube wir müssen sie heute nicht bestrafen“, ist sich die Staatsanwältin sicher, „Es ist wichtig, dass sie es weiter hinbekommen. Mir geht es um Hilfe, nicht um Strafe.“