Mit einem Faustschlag (Symbolbild) soll der Angeklagte einem Arzt das Nasenbein gebrochen haben. Die Verhandlung gegen den damals Minderjährigen Syrer ging nichtöffentlich weiter, nachdem das Verfahren gegen die ebenfalls angeklagte Mutter vorläufig eingestellt worden war. Foto: ©nito – stock.adobe.com

Was ist tatsächlich passiert im Behandlungsraum einer Truchtelfinger Klinik? Ein damals 17-Jähriger und seine Mutter sollen einen Arzt geschlagen und schwer verletzt haben. Der Prozess brachte freilich weitere Facetten des Falls ans Tageslicht.

Albstadt-Truchtelfingen - Um den Angriff gegen ein Auto am Bürgerturmplatz, bei dem der angeklagte, damals 17-jährige Albstädter die Windschutzscheibe eines 24-Jährigen zertrümmert haben soll, und um Widerstand und Beleidigung von Polizeibeamten bei der Festnahme seines Bruders im Elternhaus ging es am Dienstag vor dem Jugendschöffengericht in Hechingen auch.

Öffentlich für Aufsehen gesorgt hatte jedoch der Fall, dessentwegen auch die Mutter des syrischen Staatsbürgers neben ihm auf der Anklagebank saß. Sie war im Januar spätabends wegen starker Rückenschmerzen in eine Truchtelfinger Klinik eingeliefert und dort zunächst von einer Schwester so gelagert worden, dass ihr Rücken entlastet wurde. Dem behandelnden Arzt brachte der Abend ein mehrfach gebrochenes Nasenbein, eine stark blutende Platzwunde an der Stirn und weitere Verletzungen am Kopf ein.

Der Arzt ist selbst noch in Behandlung

Wie es dazu kam? Der Arzt konnte nicht aussagen, ist er doch wegen postraumatischer Belastungsstörung noch mindestens bis Monatsende in einer Klinik und war seit dem Vorfall nicht mehr im Dienst. Die Erklärungen des heute 18-Jährigen und seiner Mutter verlasen deren Anwälte: Demnach war der Sohn als Dolmetscher für die kaum Deutsch sprechende Mutter dabei. Sie ließ verlauten, dass der Arzt sie unhöflich behandelt, sie durch seine Behandlung zum Weinen gebracht und auch die Schwester am Arm gepackt habe. Dem Sohn habe der Arzt vorgeworfen, erst spätabends zu kommen, ihn aus dem Zimmer werfen wollen – aus nicht nachvollziehbarem Anlass. Die Mutter habe der Arzt geschubst, sie sei gestürzt, worauf der Sohn zurückgekommen sei und den Arzt zu Boden gestoßen habe. Geschlagen habe sie den Arzt nicht, so die Erklärung der Mutter – sie habe ja starke Schmerzen gehabt.

Die Rechtsanwältin des Sohnes gab lediglich zu Protokoll, dass die körperliche Auseinandersetzung nicht alleine vom Angeklagten ausgegangen sei, räumte aber Schläge gegen den Arzt ein.

Die Krankenschwester weiß mehr

Mehr Licht – und eine andere Facette – brachte die Krankenschwester in den Fall, die als einzige Zeugin öffentlich aussagte: Der Arzt habe ihr Anweisung gegeben, die Patientin zu lagern, und ihm Bescheid zu sagen, wenn der Sohn da sei, um zu übersetzen. "Als er sah, wie ich sie gelagert hatte, hat er mich am Unterarm gepackt" und weggezogen, so die Zeugin. Seine Behauptung: Sie habe die Frau falsch gelagert. Die Schwester war auf dem Flur, als sie Geschrei hörte, kam wieder ins Behandlungszimmer, sah den Arzt, der sein Handy auf den Sohn richtete – mutmaßlich, um ihn zu filmen – und versuchte, die Patientin zu beruhigen und die beiden Männer zu trennen. Denn überall sei Blut gewesen, die Nase des Arztes entstellt und eine Platzwunde an seiner Stirn. Den Angeklagten habe er angeschrien.

Woran sich der Streit entzündet hatte? Die Schwester hatte den Angeklagten schreien hören, das Krankenhaus sei verpflichtet, seine Mutter zu behandeln.

Ausländische Ärzte haben sich ebenfalls beschwert

Intern habe sie den Vorfall gemeldet und darauf gehofft, dass die Klinikverwaltung aktiv werde, so die Schwester, zumal sich schon weitere Kollegen – "ausländische Ärzte" – über den Arzt beschwert hätten. Sie dürften hier arbeiten, hätten aber "das Maul zu halten", habe er zu Kollegen gesagt. Und dass sie hingehen sollten, "wo sie herkommen". Zwei Wochen vorher habe er in der Ambulanz gesagt, "dass er den ärztlichen Direktor schlagen möchte". Einen Anlass, die Frau nicht zu behandeln, habe der Arzt nicht gehabt.

Schläge gesehen hat die Schwester selbst nicht, sagte sie, hatte aber den deutlichen Eindruck, dass die Schlägerei eine wechselseitige war.

"In seiner Persönlichkeit sehr speziell"

Nach der Pause erklärte die Rechtsanwältin, ihr Mandant gebe zu, den Arzt geschlagen und dabei einen Siegelring getragen zu haben. Die Kurzschlussredaktion aufgrund der abgelehnten Behandlung seiner Mutter bedauere er im Nachhinein. Für den Staatsanwalt war das der Auslöser für sein Angebot, nach Verlesen der Aussage des Arztes die Verhandlung gegen die Mutter abzuschließen – und er lief auch bei der Richterin offene Türen ein, zumal der Arzt "in der Persönlichkeit speziell" sei, wie nun zu erfahren gewesen sei.

Schließlich einigten sich Staatsanwalt, Rechtsanwalt und Richterin gar darauf, das Verfahren gegen die Mutter nach einer Zahlung von 300 Euro an das Rote Kreuz einzustellen, ohne dass die Aussage des Arztes noch verlesen worden wäre.

Weil nur noch gegen den damals minderjährigen Sohn verhandelt wurde, ging es nichtöffentlich weiter. Ob am Dienstag ein Urteil fiel und wie es aussieht, war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren.