Die Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz beschreibt die Frau, die den Inspekteur anzeigte, als „wahrnehmbar schockiert“.
Was ist in den Tagen zwischen dem abendlichen und nächtlichen Umtrunk im Innenministerium und der Einleitung eines Verfahrens gegen den ranghöchsten Polizisten im Land geschehen? Das hat am Dienstag die bislang prominenteste Zeugin in dem Prozess gegen den Inspekteur der Polizei, Andreas Renner, berichtet. Sie hatte an dem Abend an einer Sektrunde teilgenommen und einige Tage später von den Vorwürfen einer jungen Kommissarin gegen deren höchsten Vorgesetzten erfahren.
Renner steht wegen des Vorwurfs der sexuellen Nötigung vor Gericht. Er soll die Kollegin, der er Tipps zum weiteren beruflichen Vorankommen geben sollte, zu sexuellen Handlungen genötigt haben, als sie nach einem Umtrunk in Diensträumen des Innenministeriums noch zu zweit in einer Kneipe in Bad Cannstatt weiter tranken.
Zunächst konnte Hinz erklären, warum sich der Angeklagte und die Anzeigeerstatterin kannten: Andreas Renner habe ein Gespräch nach einem Vortrag der Kommissarin vor jungen Kolleginnen und Kollegen mitbekommen. Sie selbst und die Landespolizeipräsidentin thematisierten dabei Schwächen in der Präsentationsarbeit. Renner soll Hilfe in Form von Tipps angeboten haben. Denn Hinz sah die Kollegin als geeignete Kandidatin für den Höheren Dienst. An ihrer Heimatdienststelle, dem Polizeipräsidium Ludwigsburg, war sie im Sichtungsverfahren nicht berücksichtigt worden. Mit Renners Hilfe sollte sie das Assessment Center bestehen, das sie auf der Karriereleiter voranbringen würde. Hinz machte vor Gericht auch klar, dass er keinesfalls als Mentor in Frage gekommen wäre, da er am Auswahlverfahren mitgewirkt hätte.
Während und nach dem Gespräch mit den Tipps zum beruflichen Fortkommen der Kommissarin floss im Dienstzimmer des Inspekteurs Sekt. Mit nur einem Glas habe sie sich begnügt, so Hinz, denn sie habe ja noch Auto fahren müssen. Andere tranken weiter, bis Renner und die junge Kollegin in der Cannstatter Eckkneipe landeten, wo die vorgeworfene Tat stattgefunden haben soll – in der Nacht zum Samstag.
Die Kommissarin fühlte sich „ausgenutzt und missbraucht“
In der Folgewoche habe die Anzeigeerstatterin zunächst ihren Vorgesetzten informiert, der Hinz einschaltete. Sie vereinbarte mit der jungen Beamtin ein Treffen außerhalb der Diensträume. Bei diesem hatte Stefanie Hinz offenbar keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Frau: „Sie war für mich wahrnehmbar angeekelt und schockiert von dem Zwischenfall.“ Sie habe gesagt, sie sei mit der Situation „ völlig überfordert“ gewesen und habe nicht gewusst, was sie tun sollte – zumal sie ja wusste, dass der Inspekteur über ihre Zukunft entscheiden würde. Ein Vernehmungsbeamter, der in Mannheim das Dezernat für Sexualdelikte leitet, zitierte, die Kommissarin habe sich „hintergangen, in meiner Situation als Anwärterin für den höheren Dienst ausgenutzt und missbraucht gefühlt“. Wie Hinz sprach auch er davon, dass sie ihre Aussage mehrfach weinend unterbrochen habe.
Das Gespräch sei am Donnerstag gewesen. Sie habe sich am Freitag mit ihren engsten Kollegen besprochen und sie seien einhellig zu der Einschätzung gekommen, dass der Vorfall angezeigt werden müsste, sagte Hinz. Am Montag unterrichtete sie Andreas Renner über die Eröffnung des Disziplinarverfahrens, das Verbot, die Amtsgeschäfte zu führen, und die Anzeige. Dessen Reaktion auf die Meldung der Kollegen lautete laut Hinz: „Das kann sie doch nicht machen, da habe ich keine Chance.“ Doch die Verfahren waren schon angestoßen. Mehr als ein Jahr später stand dann die Anklage für den seit 21. April laufenden Strafprozess.
Die Bedienung berichtet von früheren Besuchen des Inspekteurs im Lokal
Am Dienstag kam auch noch etwas mehr Licht ins Dunkel jener Nacht, in der es zu den Vorfällen gekommen sein soll, und auch andere Episoden aus der Eckkneipe kamen zur Sprache. Im Zeugenstand berichtete eine Bedienung der Eckkneipe, „der Andreas“ sei ein Stammgast gewesen, der gern sonntags kam, Weizenbier trank, Fußball schaute und Zeitung las.
Dass er mit einer jungen Frau kam und dieser auch näher kam, sie sogar küsste, das habe sie nicht gewundert. Denn das sei schon öfter geschehen, zuletzt wenige Wochen vor der besagten Nacht des 11. November. Drei Frauen würden ihr spontan einfallen, die in den zwei Jahren davor mit „dem Andreas“ in der Kneipe gelandet seien, sagte sie. Sie habe das Geschehen in der Kneipe im Auge gehabt. „Sie saßen da, wo ich dauernd vorbei kam“, so die Bedienung. „Wenn wir gemerkt hätten, dass sie sich nicht wohl fühlt, hätte Andreas eine Verwarnung bekommen von mir“, sagte sie. Das sei nicht so gewesen. Ob die Frau zur Toilette gegangen sei, konnte die Bedienung nicht sagen. Die Anzeigeerstatterin hatte angegeben, das vermieden zu haben. Denn der Inspekteur habe unvermittelt angefangen, von sexuellen Vorlieben zu sprechen. Dazu gehöre auch, Frauen beim Urinieren zuzuschauen. Und das soll auch eine Rolle bei dem vorgeworfenen Übergriff gespielt haben: Draußen vorm Lokal soll der Inspekteur, so die Anklage, die Hand der Frau genommen und an sein Geschlechtsteil gelegt haben. Dann habe er uriniert. Die Kommissarin sagte auch dazu gegenüber den Vernehmungsbeamten und der Präsidentin, sie habe keine Möglichkeit gesehen, der Situation zu entkommen.