Übers Telefon, aber auch in Mails, hat der Angeklagte immer wieder Leute bedroht und beleidigt. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Ein 25-Jähriger mit paranoider Persönlichkeitsstörungen terrorisierte verschiedene Menschen. Nun sitzt er vor dem Hechinger Landgericht auf der Anklagebank.

Drei Verhandlungstage sind vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Hechingen angesetzt im Fall von Nachstellung. Eine halbe Stunde hat die Verlesung der Anklageschrift gedauert, in der schier unzählige Fälle von Nachstellung, zum Teil in Tateinheit mit Beleidigung, Bedrohung, Verleumdung, Nötigung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch genannt wurden. Der Angeklagte? Ein 25-Jähriger aus einer kleinen Gemeinde im Oberen Schlichemtal. Dort dürfte ihn niemand kennen, da er nicht lange im Ort gewohnt hat und zurückgezogen lebte. Zwischenzeitlich war seine Anschrift die Justizvollzugsansalt in Hechingen. Bis er auch dort auffällig wurde und jetzt in Bad Schussenried untergebracht ist.

 

Angeklagter wirft Eier an die Hauswand

Wer da mit Fußfesseln und Handfesseln in den Sitzungssaal geführt wurde, war ein sehr schmächtiger, eher unscheinbar wirkender junger Mann. Regunglos saß er rund acht Stunden neben seinem Verteidiger auf der Anklagebank und verzog keine Mine. Angaben wollte er weder zur Sache noch zu seiner Person machen. Lediglich der Anwalt ließ in seinem Namen verlauten, dass er alle Tatvorwürfe einräume und es ihm leid tue, was geschehen sei. Was das im Einzelnen war, hatte man ja schon ausführlich gehört. Allerdings konnte man es kaum glauben.

Nach der Kündigung im Betrieb hat er quasi Telefonterror betrieben. Nicht nur in der Personalabteilung, sondern vor allem beim Bereichsleiter, der lediglich die Unterschrift unter das Kündigungsschreiben gesetzt hatte. Noch schlimmer: Der Angeklagte hatte herausgefunden, wo die 87-jährige Mutter des Betriebsleiters wohnt, hat die alte, herzkranke Frau ständig angerufen, ihren Sohn beleidigt und Eier an deren Hauswand geworfen, ein männliches Geschlechtsteil mit schwarzer Farbe an deren Garage gemalt. Die alte Dame lebte in permanenter Angst, da sie ihr Haus allein bewohnte.

Ständiger Telefonterror

Inzwischen hat die Seniorin einen Schlaganfall erlitten und ist halbseitig gelähmt. Jetzt ist sie im Heim. Der Betriebsleiter hat Schlafstörungen und nahm lange Zeit Antidepressiva. Seine Gattin muss immer wieder für längere Zeit krankheitsbedingt eine Auszeit nehmen, weil sie ebenfalls psychisch angegriffen ist. Gefühlt war am ersten Verhandlungstag ein großer Teil der Belegschaft einer namhaften Firma auf dem Großen Heuberg geladen, um die einzelnen Szenen, die sich abgespielt hatten, zu schildern. Der Angeklagte hat in diesem Betrieb seine Lehre absolviert und war eigentlich nie auffällig geworden. Bis zum Jahresende 2024. Was die Kehrtwende im Leben des inzwischen 25-Jährigen gebracht hat, versuchte Richter Volker Schwarz herauszufinden. Die Staatsanwältin hatte von einer paranoiden Persönlichkeitsstörung gesprochen, die eine eingeschränkte Schuldfähigkeit nach sich ziehe.

Plötzliche Wutausbrüche

Licht ins Dunkel konnte auch die Familie nicht bringen. Die Eltern machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Der Großvater konnte sich selbst nicht erklären, weshalb im Leben seines Enkels ab einem gewissen Punkt alles aus der Bahn geraten zu sein scheint. Eine Freundin, ein Freundeskreis? Nichts ist bekannt. Freizeitbeschäftigungen? Niemand weiß etwas – oder will im Fall der Eltern nichts sagen. Diese stammen aus einer anderen Gemeinde, sind dort recht bekannt und haben sich wohl irgendwann vom Sohn abgewandt. Zumindest hat dies den Anschein. Alkohol oder Drogen? Auch dafür gab es keinerlei Hinweise.

Der Elektriker wurde von seinem direkten Vorgesetzten, dem Abteilungsleiter gelobt, der in ihm großes Potenzial gesehen hat. Ein einziges Mal soll es einen Mobbingvorfall in der Firma gegeben haben, aber der Gemobbte habe sich ohnehin eine neue Stelle gesucht. Und dann kam es ab Oktober 2024 immer wieder zu Fehlzeiten, bei denen keine oder verspätet Krankmeldungen vorgelegt wurden. Zwei Gespräche mit dem Personalchef hat der Angeklagte einfach abgelehnt. Es gab Abmahnungen und schließlich folgte die Kündigung. Und dann eben jener Telefonterror, bei dem es Beleidigungen wie „Hurensohn“, „Wichser“, „Drecksack“ und Schlimmeres hagelte. Dem Betriebsleiter wurden Drogendelikte unterstellt, um ihn zu diskreditieren. Der Angeklagte drohte, den Familienvater oder dessen Familienangehörige umbringen zu wollen. „Ich hab Schutz, ich bin schlau wie Bastard“, soll er dabei einmal geäußert haben. Der Betriebsleiter hat einige Telefonate aufgenommen. In der Personalabteilung wurde ständig mit unterdrückter Telefonnummer angerufen und ebenfalls Beleidigungen und Bedrohungen ausgestoßen, sobald jemand den Hörer abnahm. Der Betriebsleiter hat einen Beschluss nach dem Gewaltschutzgesetz erwirkt. Dieser wurde durch die Polizei zugestellt. Es folgten Beleidigungen auf dem Polizeirevier. Bei der Hausdurchsuchung, bei der man das Mobiltelefon sicherstellen wollte, hat man eine total vermüllte Wohnung vorgefunden. Das Haus gehört der Großmutter, die sich gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder rührend um den Enkel gekümmert hatte.

Als Einzelgänger beschrieben

In der Justizvollzugsanstalt Hechingen wurde der 25-Jährige zunächst auch nicht auffällig, wurde als Einzelgänger beschrieben. Bis zu jenem Tag, dem 19. November 2025, als er stundenlang den Notrufknopf betätigte und damit erneut Terror ausübte, randalierte, die Wände mit Kot beschmutzte und Beleidigungen aussprach. Wieder richtete sich der Wutausbruch hauptsächlich gegen einen einzelnen Vollzugsbeamten, dem der Angeklagte dessen Auto genau beschreiben konnte und das Kfz-Kennzeichen nennen konnte. Er werde den Beamten finden und dann könne dieser etwas erleben, so die Drohung.

Woher diese Attacken des sonst äußerst introvertierten Mannes kommen, wird man an den nächsten Verhandlungstagen herausfinden müssen. Obwohl am Freitag 13 Zeugen gehört wurden, blieb das Motiv im Dunkeln. Es soll wohl auch noch einen jüngeren Bruder geben, hat der Richter durch Befragung des Großvaters herausgefunden. Ihn will man ausfindig machen und als Zeugen laden. Weiter geht es am Montag, 13. April, um 9 Uhr.​​